Donnerstag, 23. November 2017
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Das Verflixte dieses Jahres

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Heißt es „im Sommer dieses Jahres“ oder „im Sommer diesen Jahres“? Immer wieder erreichen den „Zwiebelfisch“ Hilferufe und Appelle von Lesern, die um Klarstellung dieses (oder diesen?) Sachverhalts bitten. Daher veröffentlichen wir an dieser Stelle noch einmal die Geschichte von Rotkäppchen und dem Weswolf.

Munter singend läuft das Rotkäppchen durch den Wald, in der Hand den Korb mit Kuchen und Wein für die Großmutter. Da erscheint der Wolf und spricht: „Hallo, mein Kind, so spät noch unterwegs?“ – „Grüß dich, Wolf!“, ruft das Rotkäppchen furchtlos, „wie geht’s?“ – „Phantastisch!“, sagt der Wolf, „ich habe mir Anfang diesen Jahres einen roten Sportwagen gekauft, der ist einsame Spitze! Wenn du willst, kann ich dich ein Stück mitnehmen!“ – „Einen Sportwagen? Ich glaub dir kein Wort!“ – „Doch, doch, er steht gleich dort drüben zwischen den dunklen, finsteren Tannen, hähä.“ – „Der ist doch bestimmt geklaut!“, sagt das Rotkäppchen. Der Wolf hebt feierlich die Pfote: „Ich schwör bei deiner roten Kappe, ich habe ihn gekauft! Das heißt, vorläufig noch geleast, aber spätestens im Sommer diesen Jahres gehört er mir. Was ist, Bock auf eine Spritztour?“ – „Nein danke“, erwidert das Rotkäppchen, „ich gehe lieber zu Fuß.“ Und naseweis fügt es hinzu: „Übrigens heißt es ,zu Anfang und im Sommer dieses Jahres‘.“ Damit springt es singend davon. Der Wolf denkt verächtlich: „Blöde Göre! Ob ich dich im Sommer diesen Jahres oder im Sommer dieses Jahres fresse, worin liegt da der Unterschied? Fressen werde ich dich so oder so!“

Jacob Grimm war nicht nur berühmter Märchensammler, sondern auch ein bedeutender Sprachwissenschaftler. Mit seinem „Deutschen Wörterbuch“ legte er den Grundstein für die Vereinheitlichung der deutschen Sprache. Sein Wolf hätte daher auch die korrekte Beugung des Demonstrativpronomens „dieses“ gewusst. Der Wolf in obiger Rotkäppchen-Variation indes kennt sich nicht aus mit der Grammatik, vielleicht handelt es sich bei ihm um einen Weswolf (eine Nebenform des Werwolfs), vielleicht hat er aber auch einfach nur zu viel ferngesehen oder Zeitung gelesen, denn dort wird einem die falsche Genitiv-Form pausenlos um die Ohren geschlagen.

„Die Bundesregierung will den Zivildienst im Herbst diesen Jahres von zehn auf neun Monate kürzen“, schreibt zum Beispiel die „Bild“-Zeitung. Und die „WAZ“ weist darauf hin, dass die Bewerbungsfrist für die Kulturhauptstadt Europas „im März diesen Jahres“ abläuft.

Doch die Weswölfe hausen längst nicht nur im Boulevard-Journalismus, sondern überall: „Nach derzeitigem Stand will die EU Ende diesen Jahres über einen solchen Fahrplan entscheiden“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Und der „Tagesspiegel“ berichtet: „Mit einem neuen Gesetz will die rot-grüne Bundesregierung ab Sommer diesen Jahres die Schwarzarbeit in Deutschland stärker bekämpfen.“ Selbst das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung gibt voller Stolz bekannt: „Wir haben gerade zum 1. Januar diesen Jahres die Steuern gesenkt.“ Da glaubt man in Berlin endlich einmal etwas richtig gemacht zu haben, und prompt enthält es wieder einen Fehler.

Viele Menschen sind offenbar überzeugt davon, „dieser“ und „dieses“ müssten schwach gebeugt werden, also im Genitiv ein „n“ bekommen. Das wäre richtig, wenn „dieser“ und „dieses“ Adjektive wären. Bei Ausdrücken wie „letzten Endes“ oder „frohen Mutes“ steht ein „n“, weil es sich dabei um Adjektive handelt. Aber „dieser“ und „dieses“ sind keine Adjektive, sondern Pronomen (fachsprachlich auch: Pronomina), und die werden stark gebeugt. Meine Großeltern sind schließlich nicht „die Eltern meinen Vaters“, und das „Geheimnis seines Erfolgs“ liegt nicht im „Geheimnis seinen Erfolgs“.

Besonders schwer haben es die Rotkäppchen in Ostdeutschland – im sächsischen Blätterwald lauern die Wölfe gleich rudelweise. In der „Sächsischen Zeitung“ gibt es fast täglich mindestens eine Stelle, an der die falsche Genitiv-Form zum Einsatz kommt. Drei Beispiele, alle in einer einzigen Ausgabe (vom 9. Januar dieses Jahres) gefunden:

· Im Sommer diesen Jahres soll der Umbau des Gebäudes abgeschlossen werden.
· Ende diesen Jahres wird bestimmt wieder ein immergrüner Baum in Bischofswerda den Altmarkt schmücken.
· Bei der Sportlerehrung im Landratsamt Bautzen wurden im März diesen Jahres auch zwei Wehrsdorfer geehrt.

Man ist schon versucht zu glauben, dies sei der berühmte sächsische Genitiv, von dem man im Schulunterricht gehört hat. Doch die Ver-Beugung dieses Pronomens ist ein gesamtdeutsches Phänomen. Mag die Sprache uns bisweilen auch trennen, die Sprachirrtümer führen uns wieder zusammen.

Wer dieses sagt, der muss auch jenes sagen. Wer also vom „Herbst diesen Jahres“ spricht, der muss auch den „Frühling jenen Jahres“ für richtig halten. Und tatsächlich: An die „Terroranschläge vom 11. September jenen Jahres“ erinnert man sich bei der „WAZ“, und die „Frankfurter Rundschau“ schreibt zum Jubiläum einer bunten Schweizer Armbanduhr: „Ganze zwölf Modelle waren es zunächst, die im Herbst jenen Jahres für einheitlich 50 Franken in den Handel kamen.“ Das Verflixte dieses Jahres liegt an seiner Ähnlichkeit zu Wendungen, bei denen die schwache Beugung korrekt ist: im Mai vergangenen Jahres, im Sommer nächsten Jahres, nicht vor Ablauf kommenden Monats. So trat „diesen“ durch Analogiebildung vor das Wort „Jahres“ und vertrieb „dieses“ von seinem angestammten Platz. Noch spricht man zwar nicht vom „Zauber diesen Augenblicks“, vom „Ende diesen Liedes“ oder von der „Mutter diesen Kindes“. Das wird sich aber vielleicht noch ändern. Einen Tages.

Die Rotkäppchen dieses Landes trifft ein hartes Los. Im Haus der Großmutter angekommen, findet das brave Kind die alte Dame seltsam verändert vor. „Großmutter, was hast du für große Ohren?“, fragt es verwundert. Die vermeintliche Großmutter lässt die Zeitung sinken, schielt über den Rand der dicken Brille und sagt: „Kindchen, Kindchen, nerv mich nicht mit deinen Fragen! Stell den Wein auf den Tisch und scher dich weg! Ich verdaue gerade deine zähe Oma und will bis zum Ende diesen Winters meine Ruhe!“

 

                          dieser, diese, dieses
männlich weiblich sächlich
Nominativ dieser Mann diese Frau dieses Jahr
Genitiv dieses Mannes dieser Frau dieses Jahres
Dativ diesem Mann(e) dieser Frau diesem Jahr(e)
Akkusativ diesen Mann diese Frau dieses Jahr

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