Mittwoch, 25. April 2018
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Als die USA noch die Vereinigten Staaten von Amerika waren

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Ein Leser will wissen, woher der deutsche Name „Kalifornien“ stammt. Ihm war bis vor Kurzem nur die englische Schreibweise „California“ bekannt. Da holt der Zwiebelfisch gleich ein wenig weiter aus und erklärt ein paar Dinge zur Geschichte englischer Ländernamen im Deutschen.

Frage eines Lesers: Wir haben gerade eine USA-Reise hinter uns, und dabei ist uns aufgefallen, dass es für den Bundestaat California eine deutsche Übersetzung (Kalifornien) gibt. Könnten Sie mir sagen, woher die Übersetzung für diesen Bundesstaat kommt? Vielen Dank im Voraus!

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Leser! Dass Sie erst in die USA reisen mussten, um zu erfahren, dass der deutsche Name Kaliforniens „Kalifornien“ lautet, ist in höchstem Maße erstaunlich. Eine solche Mühe hätten Sie dafür nicht auf sich zu nehmen brauchen, denn ein Blick in einen deutschen Atlas, in ein Wörterbuch oder auf Wikipedia.de hätte genügt.

Dort hätten Sie sehr schnell festgestellt, dass die Schreibweise „Kalifornien“ sogar die im Deutschen allein gültige ist. „Kalifornien“ und die Ableitungen „Kalifornier“ und „kalifornisch“ stehen im Duden hübsch platziert zwischen „Kalifentum“ und „Kaliindustrie“. Die englische Schreibung „California“ finden Sie im Duden gar nicht, dafür aber „Californium“, ein radioaktives Element mit der Ordnungszahl 98, abgekürzt Cf.

Beim Wort „Kalifornien“ handelt es sich um eine Anpassung an deutsche Schreib- und Sprechgewohnheiten, wie sie in früheren Zeiten noch selbstverständlich war. Als es noch keine Computer und kein Internet gab und noch niemand von Globalisierung sprach, war es üblich, die Namen fremder Länder und Städte einzudeutschen. Darum sagen wir noch heute „Warschau“ statt „Warszawa“, „Kopenhagen“ statt „København“, „Moskau“ statt „Moskwa“ und „Peking“ statt  北京.

Je schwieriger ein Name für Deutsche auszusprechen war, desto stärker unterschied sich die eingedeutschte Form vom Original. Bei englischen Namen war eine Eindeutschung in der Regel nicht nötig, auch wenn die Deutschen sie selten so aussprachen wie die Einheimischen (was wir heute noch nicht tun). Ein paar englische Namen wurden aber doch eingedeutscht, wie zum Beispiel „Great Britain“, das im Deutschen zu „Großbritannien“ wurde.

So wie Großbritannien hatten auch die USA lange Zeit im Deutschen einen deutschen Namen. Sie hießen „Vereinigte Staaten von Amerika“, abgekürzt „V. St. v. A.“ Diese Bezeichnung gilt im Prinzip auch heute noch, nur wird sie immer seltener angewandt, und die Jüngeren unter uns lernen sie vielleicht nicht einmal mehr kennen.

Auch für einige der amerikanischen Bundesstaaten gab es deutsche Entsprechungen. Und zwar für jene, die auf -ia endeten, was im Deutschen üblicherweise mit -ien wiedergegeben wurde. In alten Western der 50er- und 60er-Jahre kann man (in der deutsch-synchronisierten Fassung) mitunter noch hören, wie von „Pennsylvanien“ gesprochen wird. Pennsylvania ist übrigens eine Zusammensetzung aus dem Nachnamen des Staatsgründers William Penn und der Ableitung des lateinischen Wortes „silva“, das „Wald“ bedeutet. Wörtlich übersetzt bedeutet es also „Penns Waldland“.

Die Endung auf -ien ist eine typisch deutsche Endung für (fremde) Länder, wie  man sie unter anderem bei Belgien, Spanien, Italien, Bosnien, Slowenien und Moldawien findet. Darum wurden auch die Bundesstaaten Georgia und Virginia im Deutschen einst „Georgien“ und „Virginien“ genannt. Diese Formen sind jedoch untergegangen, genau wie Pennsylvanien. (Apropos Georgien: In der englische Sprache wird aus Georgien im Kaukasus wiederum „Georgia“.) Von allen amerikanischen Bundesstaaten, die im Deutschen einst auf -ien endeten, hat sich Kalifornien als einziger bis heute gehalten.

Viele Namen amerikanischer Bundesstaaten sind indianischer Herkunft, wie Massachusetts (übersetzt: „Bei den großen Hügeln“), Wyoming („Große Ebenen“) oder Texas („Land der Verbündeten“). Diese Namen hat man auch im Deutschen so gelassen, was allerdings nicht heißt, dass man sie auch originalgetreu aussprechen würde. Dass Arkansas („Land der Flussmenschen“) nicht „Arkänsass“ gesprochen wird, sondern „Arkensoh“ [ɑrkənsɔː], hat man hierzulande erst mitbekommen, als ein von dort stammender Gouverneur namens Bill Clinton zum Präsidenten gewählt wurde. (Die Aussprache „Arkensoh“ war in den USA bereits 1881 amtlich festgeschrieben worden, in Deutschland wurde sie erst mit mehr als hundertjähriger Verspätung bekannt.)

Eingedeutscht wurden auch jene Staatennamen, die ein „North“, „South“ oder „New“ enthielten, wie North Dakota (deutsch: Norddakota)  und South Carolina (deutsch: Süd-Carolina).

New Hampshire hieß früher im Deutschen noch Neu Hampshire, und auch für New York gab es eine eingedeutschte Fassung. Im Duden aus dem Jahr 1941 ist unter dem Stichwort „New York“ vermerkt: engl. u. amerik. Form von -> Neuyork.

Leider ist „Neuyork“ aus dem Sprachgebrauch verschwunden, bevor Frank Sinatra eine deutsche Version seines Welthits aufnehmen konnte. „Neuyork, Neuyork“ hätte bestimmt großartig geklungen. Die kanadischen Provinzen New Brunswick und Newfoundland haben sich hingegen bis heute als Neubraunschweig und Neufundland im Deutschen gehalten.

Um die Entstehung des Namens „Kalifornien“ ranken sich unterschiedliche Legenden. Eine besagt, der Name gehe auf einen Roman des Spaniers Garci Rodríguez de Montalvo aus dem Jahr 1510 zurück, in dem eine Insel namens California beschrieben wird, die reich an Gold ist und von Amazonen bewohnt wird, deren Königin den Namen Califia trägt. Als Hernando Cortés 1535 nach Niederkalifornien kam, soll er geglaubt haben, es sei eine Insel, und sie nach der Insel aus Montalvos Buch benannt haben.

Einer anderen Hypothese nach waren es spanische Mönche, die dem Land seinen Namen gaben. Es heißt, dass die Halbinsel ihnen aufgrund des heißen Klimas wie ein glühender Ofen erschienen sei, was im Latein der Mönche zu „calida fornax“ (heißer Ofen) und im Spanischen dann zu Califòrnia geworden sei. Ob Amazoneninsel aus einem Roman oder Glutofen aus dem Mönchslatein – im Deutschen wurde California zu Kalifornien.

Dass man ein „C“ vor „a“, „o“ und „u“ im Deutschen mit einem „K“ wiedergab, war seit der Orthographischen Konferenz des Jahres 1901 Standard. Darum schrieb man auch die Länder „Canada“ und „Mexico“ im Deutschen mit „K“ und „k“. Bei beiden hat sich diese Schreibweise bis heute gehalten. Unter „Canada“ steht im Duden: „engl. Schreibung von -> Kanada“. Und „Mexico“ mit „c“ findet im Duden gar keine Erwähnung.

Beim Bundesstaat Colorado hat sich die eingedeutschte Schreibweise hingegen nicht gehalten. Von „Kolorado“ mit „K“ sind nur noch die Koloradotanne und der Koloradokäfer übriggeblieben. Der Bundesstaat und der namensgebende Fluss schreiben sich im Deutschen heute ausschließlich mit „C“.

Kalifornien mit „K“ und „en“ finden Sie übrigens nicht nur auf deutschen Landkarten der USA, sondern auch im Kreis Plön in Schleswig-Holstein. Es ist der Name eines Badeortes an der Kieler Bucht. Dort kommen Sie auch ohne Flugzeug hin. Und wenn Ihnen das auf Dauer nicht exotisch genug ist, dann gehen Sie fünf Minuten in östlicher Richtung: Schon sind Sie in Brasilien. So heißt der Nachbarort.


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14 Kommentare

  1. Heyen, Johann

    Zu Arkansas: Ich habe vor vielen Jahren in einem Artikel gelesen, dass man sich auf „Arkänsoh“ geeinigt hat, bei dem
    Flußnamen Arkansas river ist es bei Arkänsäs geblieben.

  2. http://de.m.wikisource.org/wiki/
    Allgemeines_Deutsches_Kommersbuch:330

    Hier findet man Ländernamen wie Norwegien, Neuyorkien, …

  3. Guten Tag, Herr Sick,
    eine wunderbar übersichtliche Fleißleistung – und so informativ.
    Was mich schon immer gestört hat ist die typisch deutsche Art, nämlich die englischen Ausdrücke – nicht nur für Ländernamen – englisch auszusprechen, gerade als wollten uns z.B. die Nachrichtensprecher die englische Sprache beibringen. Da sagt man „Aakensooo“ statt „Arkansas“, und man versteht im ersten Moment gar nicht, was da gemeint ist. Wir sind doch keine Engländer oder Amerikaner!

    • Lieber Charly, danke für den Hinweis. Auch ich neige zur gelegentlichen Verwendung aufgeblähter Formulierungen. Bevor diese Kolumne ins Buch gelangt, wird sie noch einmal kräftig entlüftet.

  4. Zwar kann ich zu den Namen der US-Bundesstaaten recht wenig beitragen, möchte aber dennoch anmerken, dass ich kürzlich in einem anderen Zusammenhang in meinem Lexikon von1985 eine ähnliche Entdeckung gemacht habe: Da wurde das Tadj Mahal noch phonetisch eingedeutscht (blöde Formulierung, aber mir fällt keine bessere ein) mit Tadsch Mahal. Heutzutage sieht das für mich ungewohnt und fremd aus, beinahe schon verkehrt.

    Übrigens findet sich im selben Lexikon der Begriff „Dezibel“ nirgends an. Die Lautstärke wurde damals noch in „Phon“ gemessen.*) Aber das ist ein anderes Thema und gehört eigentlich nicht hierher.

    Trotzdem finde ich die Sprachentwicklung sehr interessant.

    *) Es handelt sich um „Meyers Großes Handlexikon“ in der 14., neu bearbeiteten Auflage von 1985

  5. Hallo, Herr Sick, dass „Arkansas“ nicht „Arkänsass“, sondern „Arkensoh“ gesprochen wird, trifft zu – jedoch nur für den betreffenden US-Bundesstaat. Hingegen wird der Name der Stadt Arkansas City – sie liegt im Bundesstaat Kansas – durchaus „Arkänsass“ ausgesprochen.
    Zweitens: Dass die Bezeichnung „Georgien“ für den US-Bundesstaat Georgia untergegangen ist, trifft ebenfalls zu – vergessen sollten wir aber in diesem Zusammenhang nicht den Kaukasusstaat gleichen Namens.
    Drittens: Zwischen den Begriffen „Großbritannien“ und „Vereinigtes Königreich“ besteht ein wichtiger Unterschied, der erkennbar wird, wenn man sich den offiziellen Staatsnamen betrachtet – er lautet „United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland“. Dies bedeutet, dass der Begriff „Großbritannien“ streng genommen nur die Landesteile England, Schottland und Wales umfasst; der vierte Landesteil Nordirland ist demzufolge nur im Namen „Vereinigtes Königreich“ „enthalten“.

  6. Vielen Dank dafür, alles sehr informativ und interessant.

  7. Werter Herr Sick,
    der Artikel erinnert mich an meine Großmutter, BJ 1926. Sie sprach auch noch von Neuyork, wobei es sich mit ihrem Berliner Akzent eher wie „Neu Yorjeg“ anhörte.

  8. Brigitte Göbel

    Großartig!
    „Darum sagen wir noch heute „Warschau“ statt „Warszawa“, „Kopenhagen“ statt „København“, „Moskau“ statt „Moskwa“ und „Peking“ statt 北京.“
    Habe schon lange nicht mehr so gelacht.

  9. Volker Morstadt

    Guten Abend, Herr Sick,

    Sie reißen da auch das Problem der deutschen, historischen Namen fremder (Groß-)städte und Länder, z.B. Mailand/Milano, Venedig/Venezia, Turin/Torino, Florenz/Firenze, Straßburg/Strasbourg, Brüssel/Bruxelles, Antwerpen/Anvers, Lüttich/Liège, Löwen/Leuwen; Italien/Italia, Spanien/Espania, Frankreich/France an, die neuerdings nach einer EU-Verordnung nur noch in ihrer nationalen Form (öffentlich/amtlich) verwendet werden sollen/dürfen. Das führt z.B. entlang des Oberrheins dazu, dass die Verkehrsschilder im Elsass (= Frankreich) deutsch geschriebene Ortsnamen (Basel statt Bale, Freiburg statt Fribourg etc.) tragen und dass die deutschen Verkehrsschilder nur noch französiche Ortsschreibungen haben (Strasbourg etc.).

    Diese EU-Verordnung führt mMn dazu, dass à la long die deutschen Namen und Schreibungen untergehen werden, selbst wenn eine lange Geschichte (Straßburg, Mailand) hinter dem Namen steht.

    Ähnlich wird es übrigens auch den italienischen Namen für deutsche Orte (Monacco/München, Stoccarda/Stuttgart, Francoforte/Frankfurt, Friburgo/Freiburg etc.) gehen.

    Diese EU-Verordnung ist der Gleichmachereiwut der Kommission geschuldet und von (sprach-)geschichtslosen Leuten konzipiert!

  10. Hallo Herr Sick, in diesem Zusammenhang die Frage: Warum heißt es Slowakei, aber nicht Tschechei? Oder anders herum: Warum heißt es zwar Tschechien, aber nicht Slowakien, analog zu Serbien, Slowenien, Kroatien, Istrien, Bosnien, etc.?
    Mit einem freundlichen Gruß
    Dieter Dehm

  11. Peter Burtchen

    Selbst Catherina Valente, die in der Welt viel herumgekommen ist und bestimmt gut Englisch sprach, sang einst in einem Schlagerliedchen „Der Sheriff von Arkansas ist ’ne Lady“.
    Mit „Aarkensoh“ hätte das wahrscheinlich sehr seltsam geklungen und kein Mensch hätte verstanden, um was es überhaupt ging.

    Ich gehöre übrigens auch zu den Menschen, die sich bei den Nachrichten über Bill Clinton zunächst gefragt haben, wo dieser ominöse Staat Aarkensoh denn wohl liegen mag.

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