Donnerstag, 29. Juni 2017
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Ist man auf oder nach etwas verrückt?

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Frage eines Textdichters aus Schönebeck (Sachsen-Anhalt):

Sehr geehrter Herr Sick, ich schreibe Liedertexte (Schlager und volkstümlicher Schlager) und arbeite gerade an einer Produktion mit dem Titel „Verrückt auf gute Laune“. So habe ich es formuliert. Der Produzent fragt jetzt nach, ob es nicht richtigerweise „nach guter Laune“ heißen müsse. Können Sie mir bitte kurzerhand eine Antwort geben? Die Werkanmeldung und Vertragsausfertigung für den Titel sind bereits in Arbeit.

Danke, danke für die Unterstützung!

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Leser, einem Textdichter in Not helfe ich natürlich gern. In Ihrer Frage geht es mal wieder um die Präpositionen, und ich liebe dieses Thema sehr, denn es ist ein schöner, nie versiegender Quell an Zweifelsfällen. Oder von Zweifelsfällen? Wie auch immer. Ein Zweifelsfällenquell.

Genau genommen sind es auch keine Präpositionen, sondern Postpositionen, denn es interessiert hier nicht, welchem Wort sie vorangehen, sondern welchem Wort sie nachgestellt sind.

Was Ihre Frage betrifft, so hat Ihr Kollege recht, wenn er meint, zwischen „verrückt“ und „gute Laune“ gehöre das Wort „nach“. Denn es heißt „Ich bin verrückt nach dir“ und nicht „Ich bin verrückt auf dich“. Entsprechend lautet der Titel der amerikanischen Filmkomödie aus dem Jahre 1998 mit Cameron Diaz „Verrückt nach Mary“ und nicht „Verrückt auf Mary“. Der Ausdruck „verrückt sein nach etwas“ hat die Bedeutung „nach etwas verlangen“, „nach etwas gieren, lechzen“ und steht daher – so wie der Wunsch, die Gier, das Verlangen – mit der Postposition „nach“.

Vermutlich hatten Sie aufgrund der „guten Laune“ beim Wort „verrückt“ eher an „Appetit“ oder „Hunger“ gedacht, denn diese beiden stehen mit „auf“: So hat der eine „Appetit auf ein saftiges Steak“, während der andere „Durst auf ein kühles Bier“ hat, und ich habe sehr oft „Hunger auf was Süßes“, genauer gesagt „Heißhunger auf Schokolade“. Andererseits spricht man aber vom „Hunger nach Anerkennung“ oder vom „Hunger nach Erkenntnis“. Hunger kann also mal vor „auf“, mal vor „nach“ stehen. Es kommt darauf an, welcher Hunger genau gemeint ist: Wenn Hunger im Sinne von „Appetit“ und „Lust“ gebraucht wird, steht er mit „auf“, wenn er aber „Gier“ oder „unbändiges Verlangen“ bedeutet, dann steht er mit „nach“.

Mit „auf“ stehen die „Appetit“-Wörter:

Appetit, Bock, Durst, Heißhunger, Hunger, Janker, Jieper, Lust, Nerv
(sowie einige andere, die nichts mit Appetit zu tun haben, als da wären: Anspruch, Einfluss, Recht, Hass, Roches, Wut und Zorn.)

Mit „nach“ stehen die „Verlangen“-Wörter:

Bedürfnis, Drang, Gier, Heimweh, Hunger, Lechzen, Streben, Sehnsucht, Verlangen, Verrücktheit, Wunsch

Mit „an“ stehen die „Spaß“-Wörter:

Freude, Gefallen, Geschmack, Interesse, Spaß, Vergnügen
(sowie Bedarf, Mangel und Verbrauch)

Genau wie der Hunger, der je nach Bedeutung mal mit „auf“, mal mit „nach“ stehen kann, ist auch die Lust ein Grenzgänger. 1982 sang Udo Jürgens: „Keine Lust auf Einheitsmaß, auf Routine ohne Spaß, keine Lust auf miese Stimmung und verordnete Gesinnung.“ So geht es noch ein paar Verse lang weiter, ein „keine Lust auf“ reiht sich ans nächste. Dann kommt der Refrain, und der heißt: „Lust am Leben“ – hier wechselt die Postposition plötzlich, es heißt nicht etwa „Lust auf Leben“. Obwohl der Ausdruck „Lust auf Leben“ ebenfalls möglich wäre – doch er bedeutet etwas anderes. „Lust auf“ besagt, dass man das Folgende noch nicht hat, „Lust“ ist hier gleichbedeutend mit „Appetit“. „Lust an/am“ besagt, dass man das Folgende bereits genießt – hier ist Lust gleichbedeutend mit „Vergnügen“ und „Spaß“.

Auch das Verrücktsein kann ein Grenzgänger sein, allerdings nicht zwischen „nach“ und „auf“, sondern zwischen „nach“ und „vor“, denn man kann „verrückt vor Freude“ oder „verrückt vor Sorge“ sein. „Verrückt vor guter Laune“ kann man auch sein, da genügen fünf Minuten ZDF-Fernsehgarten oder Carmen im Nebel, dort ist jeder, so scheint’s, rettungslos verrückt vor guter Laune.

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