Sonntag, 16. Dezember 2018
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Kommt dämlich von der Dame und herrlich vom Herrn?

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Frage einer Leserin aus Kassel: Wenn mein Freund mich aufziehen will, behauptet er gern, „dämlich“ komme von „Dame“ und „herrlich“ von „Herr“. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich irrt, zumindest in Bezug auf die Dame. Können Sie mir helfen, damit ich ihm beim nächsten Mal eins auswischen kann?

Antwort des Zwiebelfischs: In der Tat gilt die Behauptung, dass „dämlich“ von der „Dame“ komme und „herrlich“ vom „Herrn“, für viele Männer immer noch als das ultimative Argument in der verbalen Auseinandersetzung mit dem weiblichen  Geschlecht. Höchste Zeit also, die Sache aufzuklären und richtigzustellen.

Als ich sieben Jahre alt war, machte ich Bekanntschaft mit einer Regel, die sehr einfach zu behalten war: „Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich.“ Und die Begründung lautete, dass „nämlich“ von „Name“ kommt. Der Umkehrschluss, dass „dämlich“ von „Dame“ komme, trifft indes nicht zu. „Dame“ und „dämlich“ haben nichts miteinander zu tun, sie stammen nicht einmal aus derselben Sprachfamilie. Das eine ist ein Importprodukt, das andere ein Eigenerzeugnis. Die Dame wurde, wie vieles andere Schöne auch, aus Frankreich eingeführt: Das französische Wort „dame“ ist die Bezeichnung für „vornehme Frau“, auch zu finden in der Anredeform „Madame“ (= Meine Dame, gnädige Frau). Die französische „dame“ fußt – genau wie die italienische und spanische „dama“ – auf dem lateinischen Wort „domina“. Die Domina war bei den Römern noch kein käufliches Peitschenweib, sondern die Herrin des Hauses – abgeleitet vom Wort „domus“, das „Haus“ bedeutet. Aus „domus“ bildeten die Römer „dominus“ und „domina“, den Hausherrn und die Hausherrin. Der eine wurde später zum spanischen Don, die andere zur französischen Dame. Im 16. Jahrhundert holte der Adel die französische Dame ins Deutsche, wo sie das „Frauenzimmer“ ablöste, ein Wort für die vornehme (adlige) Frau, das seitdem nur noch scherzhaft gebraucht wird.

Dämlich wiederum gehört zum mundartlichen Verb „dämeln“, das „sich kindisch benehmen, verwirrt sein“ bedeutet. Neben „dämeln“ ist auch die Form „dammeln“ zu finden. Beide kommen nicht von der „Dame“, sondern von „taumeln“ und „dämmern“. Möglicherweise wurde das schwache Licht der Dämmerung mit dem Geisteszustand eines Menschen gleichgesetzt.

Die Verben „dämeln“ und „dammeln“ sind heute verschwunden, während kindisches Benehmen, verwirrte Zustände und schwache Leuchten nach wie vor verbreitet sind.

Bewahrt hat sich „dämeln“ in den Schimpfwörtern „Dämel“ und „Dämlack“ – und eben im Adjektiv dämlich. Dieses ist außerdem verwandt mit dem bairischen „damisch“ (älter: dämisch). Die Schimpfwörter Dämel und Dämlack sind übrigens beide männlich.

Dämlich kommt also nicht von der Dame, sondern vom damischen Dämel, einem ganz besonderen Prachtexemplar der Spezies Mensch.

Damit kann man als Mann vielleicht noch leben – doch nun folgt die zweite Ernüchterung: „Herrlich“ kommt nicht von „Herr“. Beide Wörter haben zwar dieselbe Wurzel, doch das haben Mensch und Affe auch, ohne dass der eine vom anderen abgeleitet wäre. „Herrlich“ und „Herr“ gehen zurück auf das Adjektiv „hehr“, das im Althochdeutschen zunächst „grau(haarig)“ bedeutete und später die übertragene Bedeutung „ehrwürdig“ und „erhaben“ annahm. So wie sich der römische ehrwürdige Alte, der Senior, in den romanischen Sprachen zu Señor, Senhor, Seigneur und Signore entwickelte, so wurde auch der altdeutsche „hēr“ zu einer Anrede für Männer von Rang und Adel. Dabei entfernte er sich in Schreibung und Aussprache von seiner „hehren“ Abstammung, und „herrlich“ folgte ihm. Eigentlich müsste es heute „hehrlich“ geschrieben und mit langem „e“ gesprochen werden. In Momenten größten Genusses ist es bisweilen auch so zu hören: Auf die Frage „Schmeckt’s?“ habe ich nicht selten selig seufzend geantwortet: „Heeerlich!“

Nun dürften Sie genügend Argumente haben, um die so gar nicht damenhafte  These Ihres Freundes auf hehre Weise zu entkräften. Und sollte das nicht genügen, dann bringen Sie ihm bei, wie man „dämlich“ steigert: Manche Menschen sind nämlich nicht einfach nur dämlich, sondern geradezu herrlich dämlich!

(c) Bastian Sick 2012


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Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.

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Ein Kommentar

  1. Lieber Herr Sick,
    ich habe nur eine kleine Anmerkung zur Kolumne „Kommt dämlich von der Dame und herrlich vom Herrn?“: Ich kenne das Verb dameln aus meiner ostwestfälischen Kindheit. „Damel nicht rum“ hieß „zappel nicht“. Ich würde es zumindest mit einem m schreiben, da es immer mit langem a gesprochen wurde.

    Viele Grüße, Tanja Braun

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