Donnerstag, 23. März 2017

Sei oder wäre?

Sei oder wäre_QcaK3yJU_f.jpg

Ein Leser stellt die Frage, ob Sätze wie „Er dachte, es sei falsch“ und „Er glaubte, es sei genug“ nicht falsch seien (oder wären), da es in solchen Fällen doch „wären“ heißen müsse, vor allem, wenn solche Annahmen sich als falsch erwiesen, also irreal seien. Der Zwiebelfisch macht sich ein paar Gedanken über den Unterschied zwischen der Wiedergabe von Behauptungen und dem Aufzeigen von Möglichkeiten und kommt zu dem Schluss, dass dem nicht so sei und erst recht nicht so wäre.

Frage eines Lesers aus Köln: Immer wieder lese oder höre ich Konstruktionen folgender Art: „Er dachte, es sei falsch“ oder „Er glaubte, es sei genug“. Muss es in solchen Fällen nicht „wäre“ heißen? Vor allem, wenn solche Annahmen sich als falsch erweisen, also irreal sind? Ist „sei“ nicht ein Wort, das ausschließlich in der indirekten Rede verwendet wird, wie bei „Er sagte, er sei müde“? Ich finde zu diesem Punkt einfach keine klare Regel. Daher würde ich mich freuen, wenn Sie meine Frage einmal in einer Kolumne aufgriffen.

Antwort des Zwiebelfischs: Wie könnte ich eine mit so viel höflichem Konjunktiv gestaltete Bitte ausschlagen? Zunächst einmal ist es richtig, dass die Form „sei“ in indirekter Rede verwendet wird. Und damit haben Sie Ihre Frage eigentlich schon selbst beantwortet, denn auch „Er dachte, es sei“ und „Er glaubte, es sei“ sind Formen der indirekten Rede. Ob etwas gesagt, gedacht oder geglaubt wird, ist nämlich unerheblich: In jedem Fall handelt es sich um die Wiedergabe einer Vermutung, einer persönlichen Einschätzung.

Wer etwas sagt oder behauptet, kann sich dabei übrigens genauso im Irrtum befinden wie jemand, der etwas denkt oder glaubt. Woher wissen wir, dass jemand die Wahrheit spricht, wenn er sagt, er sei müde? Womöglich ist das nur eine Ausrede!

Weil die Wahrheitsfindung oft viel zu schwierig ist, unterscheidet die Grammatik nicht zwischen „trifft zu“ und „trifft nicht zu“, sondern zwischen „wird als zutreffend dargestellt“ und „könnte unter gewissen Bedingungen zutreffen oder zugetroffen haben“, also zwischen Tatsachenbehauptung und dem Aufzeigen einer Möglichkeit. Wenn es um die Wiedergabe von Tatsachenbehauptungen geht, ist der Konjunktiv I gefragt. Und den kümmert es nicht im Geringsten, ob sich die Behauptung im Nachhinein als richtig oder falsch herausstellt.

Mit dem Konjunktiv I lässt sich noch die offensichtlichste Lüge darstellen:

Eva sagte, sie sei der Schlange nie begegnet.

Der Baron behauptete, er habe sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf gezogen.

Eva und der Baron haben mit ihren Behauptungen eine jeweils eigene Version der Wirklichkeit erschaffen, und das genügt der Grammatik, um den Konjunktiv I mit der indirekten Wiedergabe zu beauftragen.

Der Konjunktiv II hingegen tritt auf den Plan, wenn es um die Beschreibung einer Möglichkeit geht: um das, was passieren könnte (Potenzialis), oder das, was hätte passieren können (Irrealis).

Kolumbus hat, wie wir wissen, Amerika entdeckt. Er selbst allerdings wusste es nicht. Er glaubte, er habe einen Seeweg nach Indien entdeckt. Oder glaubte er nun, er hätte einen Seeweg nach Indien entdeckt? Nein: er habe; denn auch, wenn sich seine Annahme als falsch erwies, so wird Kolumbus‘ Glaube im Konjunktiv I wiedergegeben. Denn Glaube ist eine Form der Tatsachenbehauptung, nicht das Aufzeigen einer Möglichkeit.

Kolumbus glaubte also, er sei in Indien gelandet. Dies war seine Auffassung der Wirklichkeit, daher Konjunktiv I. Das Aufzeigen einer Möglichkeit, und somit ein Fall für den Konjunktiv II, sieht zum Beispiel so aus:

Kolumbus wünschte, er wäre zuhause geblieben.

Zur Wiedergabe einer Vermutung oder Überzeugung hinter „denken“ und „glauben“ genügt der Konjunktiv I, egal in welcher Zeit:

Man denkt, …
Man dachte, …
Man hat gedacht, … er sei der tapferste Mann der Welt. (nicht: er wäre)
Man hatte gedacht, …
Man wird denken, …
Man wird gedacht haben, …

 

Er glaubt, …
Er glaubte, …
Er hat geglaubt, … er habe sich verhört. (nicht: er hätte)
Er hatte geglaubt, …
Er wird glauben, …
Er wird geglaubt haben, …

Dennoch tritt auch der Konjunktiv II gelegentlich in der indirekten Rede auf. Meistens dann, wenn der Konjunktiv I nicht deutlich genug ist:

Man sagte ihnen, sie hätten keine andere Wahl.

Eigentlich wäre „haben“ richtig, denn der Konjunktiv I von „sie haben“ lautet „sie haben“. Weil zwischen „sie haben“ im Indikativ und „sie haben“ im Konjunktiv kein erkennbarer Unterschied besteht, springt aushilfsweise der Konjunktiv II ein, und so wird aus „sie haben“ dann „sie hätten“. Zwischen „es ist“ und „es sei“ ist der Unterschied aber deutlich, sodass man auf die Aushilfe von „es wäre“ verzichten kann. Wenn es trotzdem immer wieder geschieht, dass hinter „er dachte“ und „er glaubte“ ein „wäre“ oder „hätte“ auftaucht, dann liegt das daran, dass manche dem Konjunktiv I nicht recht trauen und zur deutlicheren Kenntlichmachung lieber gleich auf den Konjunktiv II zugreifen. Dies passiert häufig im Journalismus, wo es von großer Bedeutung ist, die wiedergegebene Rede von den eigenen Worten klar abzugrenzen.

Es heißt, Regeln seien leichter zu behalten, wenn sie sich reimen, daher breche ich für Sie diesen Vers hier übers Knie:

Was du sagst, denkst, glaubst oder meins‘, steht – indirekt – im Konjunktiv I.

Mit dem Konjunktiv II wünschst du das Unmögliche herbei.

(c) Bastian Sick 2013


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.

Lesen Sie auch:

Online Banking, Online-Banking oder Onlinebanking?

Wann schreibt man mehrteilige Begriffe aus dem Englischen zusammen und wann nicht? Eine Leserin möchte wissen, …

Ein Kommentar

  1. Hallo ich habe eine Frage bezüglich wäre oder sei.

    Der Satz lautet:

    Ich versuchte mir einzureden, dass es sowieso besser für mich wäre – sei, in Deutschland zu sein.

    Ergänzende Frage, kommt dann nach wäre bzw. sei ein Komma?

    Vielen Dank für die Antwort!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *