Samstag, 21. Oktober 2017
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Woher kommt das „d“ in „morgendlich“?

Eine Leserin aus München fragte sich, warum es „morgendlich” mit „d“ heißt. Bei „abendlich“ sei es ja klar, weil es vom „Abend“ komme. Aber „morgendlich“ komme ja nicht vom „Morgend“, oder? Was also hat das „d“ dort zu suchen? Grund genug für den Zwiebelfisch, sich ein paar Gedanken über Analogien und Adjektive auf -endlich zu machen.

Abbildung: Morgenlich oder morgendlich? Auf jeden Fall Morgenlicht, und zwar über der Ostsee (Foto: Bastian Sick, an Bord des Fischkutters seines Vetters Rüdiger Krüger gemacht.)

Antwort des Zwiebelfischs: Liebe Leserin, es ist richtig, dass der Morgen nie „Morgend“ hieß. Zwar gibt es Gegenden in Deutschland, in denen „eben“ zu „ebend“ wird und „nackt“ zu „nackend“, doch der Morgen ist nirgendwo ein „Morgend“. Das war auch schon vor Jahrhunderten so, als  unsere Ahnen aus dem Hauptwort „Morgen“ und der Endsilbe „lich“ zum ersten Mal ein Adjektiv bildeten. Daher findet man in älteren Texten durchaus noch die Form „morgenlich“. Im Laufe der Zeit hat sich ein Konsonant hinzugemogelt, wahlweise ein „d“ oder ein „t“; denn lange Zeit war auch die Schreibweise „morgentlich“ gebräuchlich. Heute aber gilt nur noch die Form mit „d“ als korrekt.

Dass es dazu kam, liegt an der Übermacht der Formen, die vor dem „lich“ ein „d“ oder „t“ haben.

Während es nämlich kaum Adjektive gibt, die auf „-enlich“ enden (mir fällt jedenfalls keines ein), gibt es dafür umso mehr, die auf „-entlich“ oder „-endlich“ enden – wahlweise auch auf „-enntlich“ oder „-ändlich“, was klanglich mehr oder weniger dasselbe ist. Selbst die nicht gleichen, aber ähnlichen Endungen -emdlich oder -ämtlich können dazugerechnet werden.

„Morgenlich“ stand also ganz allein auf weiter Flur, ihm gegenüber befand sich ein Heer von Adjektiven mit „t“ oder „d“: (all-)abendlich, adventlich, befremdlich, eigentlich, endlich, erkenntlich, gelegentlich, hoffentlich, jugendlich, ländlich, namentlich, öffentlich, ordentlich, sämtlich, schändlich, umständlich, unkenntlich, versehentlich, verständlich, wesentlich, willentlich, wissentlich und wöchentlich.

Da Sprache genau wie Wasser gern den Weg des geringsten Widerstandes wählt, hat sich das „morgenlich“ der Übermacht der anderen ergeben und wurde zu „morgendlich“.

Das hinzugemogelte „d“ findet man gelegentlich auch bei der Mehrzahl des „Morgen“, dort allerdings gilt es als falsch. Während die Mehrzahl von „Abend“ zwar „Abende“ lautet, lautet die Mehrzahl von „Morgen“ unverändert „Morgen“ und nicht „Morgende“, auch wenn das immer mal wieder zu hören (und zu lesen) ist.

Das war für einen morgendlichen Text hoffentlich ein ordentlicher Text: Eigentlich gelingen mir abendliche Texte wesentlich besser. Aber wenn meine Ausführungen für Sie nicht sämtlich befremdlich, sondern letztendlich verständlich waren, dann haben sie ihren Zweck erfüllt.

Einen Herbst voller gemütlicher Abende und erfrischender Morgen wünscht Ihnen

Ihr Zwiebelfisch

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6 Kommentare

  1. Hermann H. Dieter

    Ausgerechnet „ähnlich“ scheint das einzige Adjektiv zu sein, das sich dem allgemeinen Hang zur (Bequ)ähnlichkeit bisher so komplett wie erfolgreich widersetzte. Verschmitzte Sprachironie!

  2. Bernhard Schmitt

    und „morgends“ gibt es ja auch noch – oder heißt es da morgens?

  3. Textzeile aus Richard Wagners Preislied von Walther von Stolzing in „Die Meistersinger von Nürnberg“

    Morgenlich leuchtend im rosigen Schein …

  4. Lieber Herr Sick! Die Analogiebildung zu „…ndlichen“ Adjektiven ist interessant. Es wäre aber auch möglich, dass es sich um eine Kontaktdissimilation handelt. Die Kombination „…nl…“ ist nämlich ziemlich schwierig zu artikulieren – es schummelt sich ganz schnell ein „d“ hinein, wenn man sich nicht sehr konzentriert und ganz langsam und sorgfältig spricht. Bei uns in Wien gibt es einen bekannten Kaffe-Röster namens „Meinl“ – und der wird immer zu einem „Meindl“. Mit lieben Grüßen, Karin aus Wien.

  5. Der Duden weist als „veraltet, noch dichterisch“ das Adjektiv „morgend“ aus, aber kein „morgends“. Wobei rein phonetisch betrachtet „morgends“ eher zu erklären wäre als „morgendlich“: Beim Übergang vom n zum s geht ein d (phonetisch ein t) leicht unter oder wird gehört, obwohl es nicht vorhanden ist. Man versuche einmal, bei normalem Sprechtempo und ohne Betonung „morgens“ und „morgends“ trennscharf zu artikulieren. Wegen dieser phonetischen Erscheinung funktioniert auch „Gans in Weiß“ statt „Ganz in Weiß“ (phonetisch „gans“ und „gants“). Aber wenn „morgendlich“ analog zu „abendlich“ gebildet wurde, warum dann nicht auch „morgends“ analog zu „abends“.

  6. Als ich meinen Kommentar schrieb, konnte ich nur Herrn Schmitts sehen. Die anderen sind erst irgendwann nach meinem freigeschaltet worden, obwohl sie ein früheres Datum ausweisen. So wirkt es, als wäre Karins Kommentar, der den phonetischen Aspekt auch thematisiert, Luft für mich gewesen. Werte Karin, hätte ich Ihren Kommentar bereits damals sehen können, hätte ich mich gefreut, weil jemand anders den phonetischen Aspekt auch gesehen hat, und hätte meinen Beitrag anders geschrieben.

    Was übrigens „morgends“ angeht, las ich kürzlich auf der Onlineseite der „Zeit“ in einem Leserkommentar (zu einem Artikel über die Verschlechterung der Lese- und Rechenkünste von Viertklässlern) diesen Satz: „Halten Sie doch mal morgends Ausschau an einem Gymnasium.“

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