Montag, 20. August 2018
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Ich brauch ’nen Bio-Break!

Mathematiker nennen es „3,14 machen“. Chemiker gehen „das Stickstoffproblem lösen“. Steuerberater setzen „die Mehrwertsteuer ab“ und Geschäftsleute machen einen „Bio-Break“. Wenn es ums Müssen Müssen geht, sind dem Erfindungsreichtum keine Grenzen gesetzt.

In der vergangenen Woche fragte der Zwiebelfisch seine Leser, mit welchen Worten sie zur Toilette gehen, und bekam nicht weniger als 230 Antworten. Darunter Klassisches wie „den letzten Tee wegbringen“ und „die Keramikabteilung aufsuchen“ bis zur modernen „Getränkerückgabe“. Aber auch viel Schönes mit regionalem Bezug, zum Beispiel eine Erklärung des Unterschieds zwischen zieseln, pieseln und brunzen. Und die Feststellung, dass örtlich zwischen männlichem und weiblichem Wasserlassen unterschieden wird. Amüsant war auch die Erkenntnis, dass die Abkürzung AB schon lange vor der Erfindung des Anrufbeantworters existierte, und zwar für den Abort. Und dass die Abkürzung WC ja auch für Winston Churchill steht. Was dem einen das „Rappelle machen“, ist dem anderen das „Prunz’n“. Dann lassen wir mal die Ente schnattern! Viel Vergnügen beim Gang durch die Keramikabteilung!


 Gern verwende ich die folgenden Umschreibungen: 

– Ich muss mal für kleine Plüschtiger
– Ich bin mal kurz auf der 17
– Ich bring mal eben das Wasser weg (in der Kneipe durch „Bier“ zu ersetzen)
– I muaß bronza (sagt mein Opa immer, der ist Schwabe)

Gregor Dahlmann


 Mit den Worten „Ich werde mal kurz dem weißen Porzellangott die Ehre erweisen“ schleiche ich mich des Öfteren aufs stille Örtchen, was jedoch meist erstaunte Blicke hervorruft, sodass ich ein derb fränkisches „Ich mo amool“ nachliefern muss.

Jacobs, Nürnberg


 In Tanzclubs oder Bars sage ich gern: „Ich geh‘ mal kontrollieren, ob die Fluchtwege frei sind!“ Das hat bisher jeder richtig verstanden!

Ralf Böpple, Stuttgart


 Schon häufiger habe ich im US-amerikanischen Raum (hauptsächlich in Kalifornien, denn dort sitzt mein Arbeitgeber) in Meetings (Sitzungen) den Ausdruck „bio break“ gehört: „I need to have a bio break“, „Let’s have a bio break!“

Matthias


 In meiner Schülerzeit in den 40er- und 50er-Jahren war „schiffen“ beliebt, in der Studentenzeit „die Ente schnattern lassen“. Na dann gut Wasser!

H.K. – ein engagierter Genießer Ihrer Zwiebelfische


 Unter guten Bekannten wird gern die Formulierung „Ich geh mal eben Jürgen würgen “ oder „einem guten Freund die Hand geben“ gebraucht.

Ralph Dickhaut


 „Ich gehe an die Kacheln“ ist auch ziemlich eindeutig, und bei Männern finde ich außerdem die Wendung „Ich gehe dann mal den Kürzeren ziehen“ witzig.

Norbert Juhnke


 Das Kürzel WC steht ja für einen berühmten Mann: Winston Churchill. Demnach muss man ganz einfach nur fragen: „Wo finde ich die Kammer von Winston Churchill?“ oder „Ich muss mal eben kurz Winston Churchill treffen“. Wenn das nicht verstanden wird und man die fragenden Gesichter aufklärt, hat man auch gleich noch die Lacher auf seiner Seite.

Olaf Schilgen


 Ich lese immer wieder gerne Ihre kulturhistorischen Erläuterungen, die sich eben nicht nur auf die sprachlichen Aspekte beschränken, und selten oder vielleicht noch nie blieb eine Frage meinerseits dabei offen. So auch diesmal nicht, allerdings kenne ich eine sehr gepflegte Formulierung für die Örtchenfrage, die in Ihrer Aufzählung nicht dabei war: „Wo finde ich bitteschön die Bequemlichkeiten“.

Martin Wächter


 In unserer Familie gibt es hierfür auch den Insider „Musik hören gehen“. Dabei geht es aber nicht um „Körpermusik“ beim Wasserlassen, sondern um unser Radio im Bad, das an den Lichtschalter gekoppelt ist: Sobald der Lichtschalter im Bad betätigt wird, erhält das Radio Strom und fängt an zu spielen.

Solveig Poser, Berlin


 Bei uns hat sich als Student eingebürgert, man geht 3,14. Das ist die Zahl Pi, und „pee“ ist das englische Wort für das, was in der Generation meiner Eltern noch „ein Bächlein machen“ hieß.

A. Ramstöck


 Im vertrauten Kreis von Kollegen aus den Biowissenschaften: „Das Stickstoffproblem lösen“ (zwecks Abgabe von Harnstoff zur Elimination des Stickstoffs aus dem Proteinstoffwechsel). Auch möglich, aber weniger gebräuchlich: „Ich müsste mal osmotisch tätig werden.“

Paavo Bergmann


 Im gewerblichen Bereich kann man die auf die Wasserkosten entfallende Umsatzsteuer absetzen. In unserer Firma hat sich daher für den Gang zur Toilette der Ausspruch eingebürgert: „Ich muss erst mal die Mehrwertsteuer absetzen.“

Barbara Steffen


 Als Reiseleiterin deutschsprachiger Gäste benutze ich das Codewort „die Gesundheitspause“: „Nächste Gesundheitspause in 10 Minuten!“ – „Wer eine Gesundheitspause braucht: Hinter der Bar die erste Tür links!“

Renata


 Ich bin beruflich als Qualitätsmanagement-Auditorin unterwegs und sage im Zweifelsfall „Ich müsste noch die Einhaltung der Norm bei den sanitären Anlagen überprüfen.“ Das versteht man aber natürlich nur in der Szene. Aus meinen Erlebnissen als Studienreiseteilnehmerin kann ich folgende von Reiseleitern genutzte Euphemismen berichten: „Den Ort der inneren Harmonie finden Sie …“ oder „Hier machen wir eine Getränkepause oder das Gegenteil“.

Margita Geiger


 Nett fand ich die Umschreibung bei einer Besichtigung eines Ausbesserungswerks der Deutschen Bahn: Vor dem Werksrundgang wies der Führer darauf hin: „Wer keramische Bedürfnisse hat, findet die Nasszellen um die Ecke.“ Schön neutral und technisch.

Tobias Köhler, Leoben


 Als Kind ging ich „aufs Töpfchen“, zu meiner Pfadfinderzeit gingen wir in der Jugendherberge auf die „Wanderstrecke 0“ und im Zeltlager auf den „Donnerbalken“ (falls vorhanden). Ansonsten geht der Sauerländer im Freien „in die Büsche“ und in ummauerten Räumen „aufs Klo“. In Köln ging man früher „op et Höffge“ (auf das Höfchen), darauf verweist auch jetzt noch manche alte Kneipe. Meine kölsche Oma kürzte das Wort „Abort“ ab und ging „op dr AB“.

Bernhard Wortmann


 Bei uns im Münsterländischen gibt es die schöne Umschreibung „Nache Päärde kieken“ – also: Nach den Pferden schauen. Das kommt noch aus den Tagen, als man sein Geschäft im Stall bei den Tieren erledigte.

Christine Lohr


 Während mehrerer Studienaufenthalte in der Mongolei lernte ich eine mongolische Variante für die Formulierung „austreten“ kennen: Da die Landbevölkerung größtenteils in Jurten lebt und nicht über Innentoiletten verfügt, geht man seinem Bedürfnis in freier Natur nach. Verlässt man also zu diesem Zweck die Jurte, sagt man: „Ich gehe mal nach den Pferden kucken“. Durchaus verständlich, ist doch meist eines der Reittiere neben der Jurte angebunden. Aber Vorsicht – es ist keineswegs erlaubt, direkt auf den Pferdeparkplatz zu pinkeln! In der Stadt hingegen, wo es keine Pferde in Sichtweite gibt, „bringt man seinen Körper in Ordnung“. Eine sehr höfliche Formulierung, mir gefällt die ländliche Variante aber besser. Brachte ich diese in städtischer Umgebung an, erntete ich freundliches Schmunzeln von den Mongolen, die daraufhin meine guten Mongolischkenntnisse lobten. Als Ausländerin hat man so seine Freiheiten.

Als ich mit meinem mongolischen Ehemann dann wieder nach Deutschland übersiedelte, blieb er bei seiner Redewendung mit den Pferden, nur eben übersetzt ins Deutsche. Freunde sahen mich anfangs dann immer ungläubig an: „Hat er wirklich Pferde mitgebracht? Wo haltet ihr die denn?“ Einem Mongolen ist eben alles zuzutrauen. Inzwischen hat sich „nach den Pferden kucken“ sowohl im engeren Bekannten- als auch im Familienkreis eingebürgert und ist zu einem beliebten Scherz Uneingeweihten gegenüber geworden.

Wie sich „Ich muss mal nach den Pferden kucken“ auf mongolisch anhört? Ungefähr so: „bi mörr charrch cherregtä“ (mit gerolltem Zungen-r und kehligem ch). Die korrekte Umschrift lautet natürlich: „bi mori kharakh kheregtei.“

Ulrike Gonzales, Berlin


 Im Badischen gibt es noch den Begriff „brunzen“. Sehr ordinär, wird es nur in entsprechenden Kreisen oder im Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung verwendet. Dann gibt es das nicht minder derbe „sorchen (bei den Schwaben auch „saichen“) gehen“. Hingegen ist „ein Rappele machen müssen“ für Kinder ein gut geeigneter, netter Ausdruck fürs kleine Geschäft. In der Hoffnung, in dieser wässrigen Sache geholfen zu haben, verbleibe ich 

Rainer Kastner


Im Bayrischen wir auch nach dem Geräusch unterschieden:

zieseln = dünnerer Strahl
pieseln = mittlerer Strahl
brunzen = Wasser Marsch!

Peter Biela


Ich habe nach dem Krieg in Bayern gelernt, dass man für das Wasserlassen bei den Männern „soacha“ sagt und bei den Frauen „brunzn“. Im Schwäbischen heißt es „soicha“. In meiner Egerländer Heimat (Nähe Karlsbad) sagte man „saagn“, phonetisch „sa:“. Bei uns kleinen Buben hieß der Vorgang „tschiiischn“, was sich wohl lautmalerisch erklärt.

Edwin Stark


 Bei uns in der Schweiz sagt man dazu umgangssprachlich „seichen“ – das versteht jeder. Unter „Seich“ versteht man eigentlich meist „Unsinn“: „Mach kein Seich“ heisst also „Mach keinen Unsinn!“ oder „Stell nichts an!“. Das Verb „seichen“ aber hat eine ganz andere Bedeutung, wobei es meist nur auf die männliche Tätigkeit (im Stehen) bezogen wird, so wie auch das Verb „schiffe“. Ab und zu hört man dafür auch die Umschreibung „das Komma schütteln“. Für beide Geschlechter gibt es das Verb „brünzle“, der Strahl selbst heisst dann entsprechend „Brunz“. Dieses Wort kann dann aber auch wieder im übertragenen Sinne verwendet werden: mit „verzell kein Brunz“ ist gemeint “erzähl mir keinen Unsinn“. Und beim „bisle“ gibt es einen „Bisi“. Diese Ausdrücke werden aber wieder eher für Kinder verwendet. Meine Grossmutter, die in Engen (Baden-Württemberg) wohnte, ging übrigens „gi Rolli mache uf’s Hüsle“. Auch in der Schweiz weiss jeder, was gemeint ist, wenn man mal „uf’s Hüsli“ geht. Und übrigens: Kein Mensch muss müssen – außer er muss mal.

Harri Wehrli, Schweiz


 „Fetz’n“ und „prunz’n“ sind im Sarntal (Südtirol) geläufig, wobei „fetz’n“ recht derb ist und „prunz’n“ eher verniedlichend.

Marianna Schlögl


 Beim Italiener sollte die Formulierung vermieden werden: „Ich mussurini.“ 

Anonym


Auf einem Empfang in der Österreichischen Botschaft in Lissabon verwirrte ich seine Exzellenz den Botschafter höchstpersönlich mit der – in Wien vollkommen üblichen – Frage: „Entschuldigung, wo geht es denn hier hinaus?!“ Der gute Mann stammte jedoch aus Oberösterreich – und zeigte mir doch tatsächlich den Ausgang. Ich bin dann trotzdem nicht im Garten hinter den Busch …

Felix Romanik, Athen


 Eine vergnügliche Kolumne war das! Dazu fällt mir ein Klassiker aus dem Bekanntenkreis ein: Die Frage nach dem Porzellanthron. Als junger Mensch habe ich auf Partys oder in Lokalitäten außerdem so manchen mit der Frage verwirrt, wo denn die Gebrauchtbierabgabe sei.

Jan Kosiolek


In Restaurants und Hotel-Lobbys genügt es meist, mit suchendem Blick umherzugehen. Wirklich aufmerksames Personal interpretiert den suchenden Blick eines Gastes und weist ihm den Weg.

Peter Sumerauer


 Ich gehe Kartoffeln abgießen oder Kleingeld zählen.

Rainer


… Wo, bitte, ist das Herrentelefon?

Ulrich D.


 Früher hatte ich für Restaurants (sicher keine besternten) die Formulierung in petto: „Wo ist denn hier der Sicherungskasten?“ Das klappte immer prima, bis mir in Berlin (wo sonst) die Bedienung erläuterte: „Der ist da links, aber wenn Sie aufs Klo müssen, dann geh’n Se mal bessa hier lang.“

Karla Schmidt


 Ich kenne aus dem Englischen noch die nette Umschreibung „I’d like to spend a penny.“ Das klingt wunderbar fein, ist es aber gar nicht: Der benannte Penny wurde früher als Bezahlung für die Putzkraft in der Schüssel des Urinals hinterlassen, so konnte man auch gleich feststellen, ob die Urinale gereinigt worden waren … Auf die heute üblichen Unterteller bezogen, gewinnt die Aussage wieder eine gewisse Freundlichkeit. 

Pablo Rother


Mir ist aufgefallen, dass in den Niederlanden das Wort „plassen“ (dt. pinkeln) anscheinend vollständig salonfähig ist. Sätze wie „Ik ga even plassen“ oder „Ik moet plassen“ finden überall Verwendung.

Anonym

Anmerkung des Zwiebelfischs: Das Wort „plas“ bedeutet im Niederländischen eigentlich Pfütze oder kleines Gewässer (Teich). Wer also „plasst“ oder „een plasje plegen moet“, der macht ein Pfützchen. Das ist vergleichbar mit unserem „Bächlein machen“. Harmlos, kindersprachlich, und daher nicht anstößig.


 Wenn ich mal für „kleine Königstigerinnen muss“, frage ich gerne: „Wo sind denn hier die Wasserspiele?“ Im Bekanntenkreis ist die Formulierung inzwischen keine Sensation mehr, bei Fremden stoße ich dabei oft auf sehr verdutzte Gesichter. Die Auflösung, dass ich mit Wasserspielen die Toiletten meine, sorgt aber dann meistens für Heiterkeit. In China gehen die Männer „einen Hasen schießen“. Die Damen gehen dagegen – etwas friedliebender – “Blumen pflücken“. Danke für die herzerfrischenden Zwiebelfische und Zwiebelfischchen!

Claudia Weißenfels


 Bei den Gehörlosen und stark Schwerhörigen ist die Gebärde „Toilette“ das Zeichen für das Telefonieren. Dabei können sie auf Grund der Behinderung gar nicht telefonieren, da das Telefonieren ein einigermaßen funktionierendes Hören abverlangt, was die Gehörlosen (bitte nicht „Taubstumme“) sehr wenig oder gar nicht haben. So umschreiben sie den Gang zur Toilette mit dem Gang zur Telefonzelle.

Peter Adelung, Dachau


 Ganz sophisticated für Eingeweihte: Man geht zu BWV 165 („Oh heilges Geist- und Wasserbad“) oder zu BWV 198 („Laß Fürstin, laß noch einen Strahl“). Da macht der Herr Bach seinem Namen alle Ehre …

Gaby Chaudry


(c) Bastian Sick 2010

Zur Kolumne: Einsatz für Agent 00

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