Dienstag, 19. Juni 2018
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Wenn der Schutzmann ums Eck kommt …

Grüß Gott, Herr Inspektor! Entschuldigen Sie, Herr Kriminalhauptkommissar! Hallo, Schugger! Von den Schwierigkeiten, einen Polizisten anzusprechen, können „Zwiebelfisch“-Leser ein Lied singen.

Grüß Gott, Herr Inspektor! Entschuldigen Sie, Herr Kriminalhauptkommissar! Hallo, Schugger! Von den Schwierigkeiten, einen Polizisten anzusprechen, können „Zwiebelfisch“-Leser ein Lied singen.

Wer seinen G. E. Lessing nicht ganz vergessen hat, denkt hier an Franziskas Frage im bekanntesten lustigen Spiel des Dichters, der „Minna von Barnhelm“, und zwar fragt sie, kurz bevor der Vorhang fällt, also im beinahe letzten Augenblick: „Herr Wachtmeister, braucht Er keine Frau Wachtmeisterin?“ – Der Titel war damals ein militärischer Grad. Umgekehrt: in manchen Ländern (wie Österreich) sind die Rangbezeichnungen vom Militär entlehnt worden.

W. Postl


Das Problem mit den Polizisten stellt sich glücklicherweise in meiner Heimatstadt Basel nicht: Hier wird der Polizist liebevoll „Schugger“ genannt, und darauf reagieren die Damen und Herren jeweils prompt. Und ich denke, auf den Hilferuf „Hilfe, Polizei“ werden wohl auch die deutschen Polizeibeamten reagieren. Hoffentlich.

Rebecca Niggli


Zur prekären Polizeiproblematik ein Lösungsansatz aus meiner österreichischen Heimat: Dort wird der uniformierte Helfer in Not vielerorts noch „Herr Inspektor!“ (in der korrekten Aussprache „Hea Inschpekta!“) gerufen, weiblich (in)korrekt „Frau Inspektor“. Außer die Polizisten-Uniform lässt die Vermutung zu, es handle sich um eine höhere Charge, dann selbstverständlich „Herr Oberinspektor!“. Im wirklichen Notfall reicht aber auch das schlichte, spitz gerufene „Polizei!“, und alles ist gesagt.

Alexander Soucek, Salzburg (derzeit Rom)


Es freut mich, von Ihnen über das „Herr Wachtmeister“-Problem zu lesen. Dazu habe ich mir jüngst auch schon einmal Gedanken gemacht, wobei ich den Verlust des „Herrn Wachtmeister“ sehr bedaure. Allerdings, was ist gegen „Herr Polizist“ und „Frau Polizistin“ einzuwenden? Oder, wenn die Ordnungshüter geballt auftreten, ein unpersönliches „Hallo, Polizei!“

Ein weiterer Vorschlag meinerseits wäre eine leichte Abwandlung in „Herr Publizist“ und „Frau Publizistin“. Damit werten Sie die beiden insgeheim auf, und Sie werden feststellen, dass niemand den vermeintlichen Versprecher bemerken wird. Genauso, wie ein Freund von mir sich während seiner Zivildienstzeit am Telefon immer mit „Zuvieldienstleistender Horn“ meldete, was tatsächlich 13 Monate lang niemandem auffiel. Ebenso verhält es sich mit einem frisch in den Raum trompeteten „Gurken Morgen allerseits!“

Joachim v. Hunnius, Ludwigshafen


Mit der Anrede uns unbekannter Personen haben wir im Deutschen ohnehin ein Problem. Während man im Französischen, im Brief oder auf der Straße, jeden als „Monsieur“ oder „Madame“ ansprechen kann (sogar „Mademoiselle“: eine junge Dame wäre beleidigt, als „Madame“ angesprochen zu werden), im Englischen „Sir“, „Madam“ oder „Miss“, im Spanischen „Señor“, „Señora“ oder „Señorita“, usw., kann man im Deutschen z.B. „Hallo, Sie da“ rufen. „Mein Herr“, „Meine Dame“ wäre zwar korrekt, klingt aber etwas altfränkisch. Früher ging ja auch einfach „Fräulein“, aber das stammt wohl noch von den GIs. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle einmal kreativ werden, um die Lücke zu füllen. Oder sollte mir eine gute Anrede entgangen sein?

Carsten Spannhuth, Chilly-Mazarin, Frankreich


 

Ein ähnliches Problem besteht, solange ich denken kann, im Servicebereich der Gastronomie. Die Wortverlegenheit in dieser Branche führt nach meinen Beobachtungen oft sogar zu unbeabsichtigten Unhöflichkeiten. Wie redet man eine Serviererin oder einen Kellner an? Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass es das Wort „Fräulein“ nicht mehr gibt. Soll man jetzt einfach „Frau“ rufen oder gar nur „Hallo“? Für den Kollegen wird immer noch die Anrede „Herr Ober“ verwendet – wahrscheinlich auch ein Anachronismus wie der „Herr Wachtmeister“. Manche brüllen einfach: „Zahlen!“ in den Raum.

Günter Dreisbach, Wachenheim

Antwort des Zwiebelfischs: Sie haben absolut recht, die Anrede ist in unserer Sprache ein generelles Problem! Dieses Dilemma erlebe auch ich regelmäßig im Restaurant, wenn ich die Servierkraft rufen will.


In den Niederlanden ist das eindeutig und einfach geregelt. Den Polizeibeamten auf der Straße redet man mit „agent“ an, oder, falls er weiblich ist, mit „agente“. Das ist kurz und somit im Notfall auch zeitsparend.

Torsten Bersselis, Capelle aan den Ijssel, Niederlande


Mit Interesse habe ich Ihren Ausführungen zu der nicht-trivialen Berufsbezeichnungsfindung für beamtete Sicherheitskräfte des Inneren gelesen. Einigermaßen bestürzt war ich dann aber doch, dass Sie erwogen hatten, die grün oder neuerdings in auch blau (!) patrouillierende Dame mit „Frau Wachtmeister“ anzusprechen. Wäre es nicht ein netter Zeitgeist-Zug gewesen, von „Frau Wachtmeisterin“ zu sprechen? Oder in Anlehnung an andere Wortfindungen „Herr und Frau Wachtmeisternde“?

Jochen Brinkmann, Meerbusch


Lieber Herr Sick, wenn Sie auf Ihren Flügen noch Stewardessen oder wenigstens Flugbegleiterinnen begegnen, haben Sie offensichtlich eine traditionsbewusste Fluggesellschaft gewählt.

Bei der Lufthansa heißt es eigentlich immer: „Guten Morgen, mein Name ist … und ich bin Ihr Purser auf diesem Flug“ Was bitte ist ein Purser?

Claudius Zieber

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Zieber, dem Purser obliegt die Kabinenaufsicht, man könnte ihn auch Kabinenchef nennen oder Oberflugbegleiter. Besonders gefällt mir – in Anlehnung an den Maître de Cuisine – die Bezeichnung „Maître de Cabine“.


Wie wäre es mit „Herr Polizeibeamter“ und „Frau Polizeibeamtin“? Klingt noch einigermaßen frisch, das hässliche „vollzug“ kann man sich sparen, zumal die Tätigkeit eines Polizeibeamten ja nicht nur im „Vollzug“ liegt (m. E. ist der offizielle Begriff insoweit zu eng, wenn nicht falsch), und bietet eine männliche und weibliche Form.

PS: Im Plural genügt einfach die Funktion, da es dann ja nicht auf die Person ankommen kann: „Hallo Polizei!“, außer man spricht die Betroffenen gezielt als Personen/Individuen an: „Die/meine Damen und Herren Polizeibeamte“, „Sehr geehrte Polizeibeamtinnen, sehr geehrte Polizeibeamte!“

Siegfried Hipp, München


Auch für die einzelnen Dienstgrade gibt es ja polizeiintern Abkürzungen, deren Verwendung zusammen mit den Namen sehr unterhaltsam sein können. Vor einigen Jahren wurde ich mit meinem Pkw auf der Landstraße mit 80 statt der erlauten 70 km/h geblitzt. Der mir einige Wochen später zugehende Bußgeldbescheid enthielt nebst Schnappschuss als Beweis auch die Angabe, welche Polizisten denn Zeugen dieser Geschwindigkeitsübertretung waren: Polizeimeister Weigandt und Polizeiobermeister Fritz. Abgekürzt: PM Weigandt, POM Fritz!

Nils-Christian Cremer, Hamburg


Schön ist auch die Diskrepanz zwischen der amtsdeutschen Bedarfslichtzeichenanlage und der volksmündischen Drückampel.

Hans-Martin Adam, Hamburg


Hallo, ich komme aus dem deutschsprachigen Teil Belgiens. Ich habe soeben Ihren Beitrag „Welche LZA, Herr PVB“ gelesen und habe gleich daran gedacht, wie die in Deutschland oftmals üblichen Wortmonstren bei uns auf die Schippe genommen werden. So wird gewitzelt, dass der Bauer in Deutschland z.B. zum „Kuhbusenentleerungsingenieur“ wird.

Jochen Lent


Es wird auch in Zukunft nicht besser. Bei den Bezeichnungen für Polizeivollzugsbeamte eher schlimmer. Denn es findet eine schleichende Inflation bei den Dienstgraden und überhaupt bei der Polizei statt. Heute ist keiner mehr Wachtmeister oder Ober- oder Hauptwachtmeister. Nach Abschaffung des „mittleren Dienstes“ gibt es nur noch Kommissare, sodass Sie in Zukunft die lässig uniformierte Schutzpolizei auf der Straße – frühere Abkürzung – Schupo – oder Schutzmann – ohne Probleme mit Herr oder Frau Kommissar/in anreden können. Also, der ehemalige Büttel, Wachtmeister, Schupo, Schutzmann heißt heute Kommissar.

Mehr als früher kann der aber auch nicht. Meist nur am Computer auf Vordrucken Begriffe ankreuzen. Je nach Lust des Polizeivollzugsbeamten, so heißen sie im Gesetz, dürfen sie sich mal Polizeikommissar oder Kriminalkommissar nennen, aber die Anrede ist eben Kommissar. Die Leiter oder immer noch Polizeiführer sind dann Polizei- oder Kriminalräte oder noch weiter oben Leitende Polizei- oder Kriminaldirektoren. Vor der Inflation der Dienstgrade waren die Leiter höchstens Polizei- oder Kriminalhauptkommissare. Das ist hier mit der Titelinflation wie in der österreichischen Operette. Aber Geheime Räte, wie den Herrn Goethe – Herr Geheimrat – wird es hier hoffentlich doch nicht auch noch geben müssen.

Rolf E. (Erster Kriminalhauptkommissar a.D.)


Zum Artikel „Welche LZA, Herr PVB?“ habe ich noch eine Anmerkung. Die zwei von Ihnen angesprochenen PolizistInnen wollten ja nicht mit „Bulle“ angesprochen werden.

Nun habe ich für diesen Begriff verschiedene Herleitungen gefunden:

Die ursprünglich abwertende, heute aber allgemein umgangssprachliche Bezeichnung „Bulle“ hat ihren Ursprung in der rotwelschen (Gauner)-Sprache, dort wird ein Polizist als „Puhler“ bezeichnet.

Im 18. Jahrhundert wurden die Vorgänger der modernen Polizisten Landpuller oder Bohler genannt. Diese Wörter entlehnen ihren Stamm aus dem niederländischen bol, das Kopf oder kluger Mensch bedeutet. Daraus entwickelte sich das Wort Bulle, gemeint ist also eigentlich ein Mensch mit Köpfchen. Wann dieser Ausdruck erstmals als Beleidigung verstanden wurde, ist jedoch ungeklärt.

Je nach Auslegung ist es entweder eine Beleidigung oder ein Lob. So kann man sich auf die Definition mit dem „klugen Menschen“ berufen, falls man doch mal einen Polizisten „Bulle“ genannt hat.

Jan Herold

Antwort des Zwiebelfischs: Ihre Ausführungen, lieber Herr Herold, sind sehr interessant! Tatsächlich geht das Wort „Bulle“ auf dieselbe Wurzel wie das Wort „Ball“ zurück, das sich aus dem indogermanischen bhel (= schwellen) entwickelt hat, und ist eng verwandt mit dem griechischen Wort phallós, dem männlichen Glied. Ein Bulle ist also im buchstäblichen Sinne ein Schwellkörper. Dass daraus im Niederländischen ein kluger Kopf werden konnte, ist etymologisch faszinierend, biologisch allerdings eher ein Paradoxon. 🙂


In Sachen Anrede eines(r) PVB haben wir Österreicher es wieder einmal viel, viel leichter. Wir sagen einfach Herr Inspektor oder Frau Inspektor. Es weiß zwar jeder, dass es den/die gar nicht (mehr) gibt, wartet aber jedesmal sehnsüchtig auf die Antwort (frei nach Inspektor Kottan) des PVB: „Inschbekta gibt’s kaan!“ (Übersetzung: Inspektor gibt es keinen). So hat man alles, was man wollte: die Aufmerksamkeit des/der PVB und den Spaß, wenn die erwartete Antwort dann wirklich gegeben wird.

Werner Lind, Wien


(c) Bastian Sick 2007

Zur Kolumne: Welche LZA, Herr PVB?

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