Freitag, 9. Dezember 2016
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Bitte verbringen Sie mich zum Flughafen!

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Am Anfang war das Wort. Und vor das Wort drängte sich – die Vorsilbe! Seitdem ist die Sprache nicht einfacher geworden, dafür aber reicher. In der Regel stellen Vorsilben nämlich eine Bereicherung der Sprache dar. In einigen besonders vornehmen Fällen sind sie sogar eine Anbereicherung.

Seit dem Start ist Henry unleidlich. „Was ist denn los?“, frage ich. „Ich habe Blähungen!“, stöhnt mein Freund. „Reiß dich bloß zusammen“, sage ich, „sonst löst du unter den Passagieren eine Panik aus!“ – „Ich hasse dich“, erwidert Henry. „Ich weiß“, sage ich, „du hättest eben auf das zweite Sandwich verzichten sollen.” In diesem Moment beugt sich die Stewardess, die mit dem Einsammeln des Plastikgeschirrs beschäftigt ist, zu uns herab und fragt: „Könnten Sie mir das Tablett wohl eben anreichen?“ Henry lächelt gequält und sagt: „Würde es Ihnen unter Umständen genügen, wenn wir Ihnen das Tablett einfach reichen?“ Die Stewardess setzt den berühmten „Äh-wie?“-Blick auf, und um uns weitere Peinlichkeiten zu ersparen, empfehle ich ihr, den Herrn neben mir einfach für den Rest des Fluges zu ignorieren.

„Was mischst du dich in meine Unterhaltungen mit blonden Frauen?“, entrüstet sich Henry, kaum dass die Stewardess außer Hörweite ist, „hast du nichts zu lesen dabei?“ – „Ich dachte, du hast Blähungen, da wollte ich die junge Dame nur so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone bugsieren …“ – „Die litt ja selbst an Blähungen, wie deutlich zu hören war“, erwidert Henry. „Könnten Sie mir das Tablett wohl anreichen? Das ist Silbenschaumschlägerei!“ – „Vielleicht dachte sie an ,anreichern‘ oder etwas Ähnliches“, sage ich. Henry sieht mich mitleidig an: „Oder sie war vorher im Kloster, wo sie alles über das Anreichen des Kelches beim Abendmahl gelernt hat. Und weil sie es nicht erwarten konnte, in den Himmel zu kommen, wurde sie Stewardess.” – „Achtung, Henry, dein Niveau droht wieder mal abzusinken!“, merke ich an. Henry zuckt zusammen: „Da, jetzt machst du es schon selbst! Absinken hast du gesagt. Das ist gequirlter Unfug. Es gibt weder absinken noch aufsinken!“ – „Ich wollte erst absacken sagen und habe mich dann im letzten Moment für sinken entschieden, und so wurde absinken daraus“, versuche ich mich zu verteidigen. „Absenken wird auch gern gebraucht“, fällt Henry ein, „vor allem im Zusammenhang mit Konstruktionsfehlern: ,Die Decke der Kongresshalle hatte sich abgesenkt.‘ Ein Bedeutungsunterschied zwischen senken und absenken ist nicht nachweisbar, daher kannst du auf das ,ab‘ getrost verzichten.”

Meine Großmutter hatte es früher beim Scrabble-Spiel meisterlich verstanden, Wörter durch Vorsilben zu verlängern und damit hohe Punktzahlen zu erzielen. Inzwischen ist sie 94 und bettlägerig. In der Gebrauchsanleitung für ihr Heimpflegebett Marke „Theutonia II“ habe ich den Satz gelesen: „Mit vier Lenkrollen ausgestattet, lässt sich das Bett auch mit darinliegendem Patienten im Zimmer verfahren.” Darüber habe ich mich sehr gewundert. Man kann sich in Paris verfahren oder im Ruhrpott, aber in einem Zimmer? Die Wörter „rollen“ oder „schieben“ waren dem Verfasser offenbar zu profan. So ersann er das  „Verfahren“.

In der Amtssprache ist es ein geläufiges Verfahren, alltägliche  Verben mit Vorsilben zu versehen. Dadurch soll der Ton offizieller klingen, wenn nicht gar wichtiger. Tatsächlich klingt er dadurch eher seltsam, wenn nicht gar gruselig. In Polizeiberichten wimmelt es von vorsilbigen Schauergeschöpfen. Wenn vom Transport von Verletzten die Rede ist, dann heißt es grundsätzlich: „Die verletzten Personen wurden ins Krankenhaus verbracht.“ Wir verwenden das Verb „verbringen“ eher in aktivischen Zusammenhängen wie „Meinen letzten Urlaub habe ich in Frankreich verbracht“ und „Unsere Nachbarin verbringt täglich viele Stunden vor dem Fernseher“. In diesen Sätzen wird immer nur eines verbracht, nämlich Zeit, aber keine Personen. Personen werden gebracht.

Wenn Personen „verbracht“ werden, dann bedeutet das etwas ganz anderes, nämlich „deportieren“. Und das wiederum steht für „jemanden gegen seinen Willen an einen anderen Ort bringen, gewaltsam fortschaffen“. Dass die Polizei einen Verletzten nicht ins Krankenhaus bringen lässt, sondern ihn dorthin „verbringen“ lässt, wirft ein ungünstiges Licht auf die Transportmethoden.

Vorsilben dienen dazu, ein Wort genauer zu bestimmen oder ihm eine andere Bedeutung zuzuschreiben. Man denke nur an das Verb „schreiben“: Da gibt es einschreiben und ausschreiben, vorschreiben und nachschreiben, aufschreiben und zuschreiben, anschreiben und abschreiben. Und natürlich verschreiben, und das gleich in mehreren Bedeutungen: Man kann ein Medikament verschreiben, Tinte verschreiben, sich beim Schreiben verschreiben – und Polizeibeamte können offenbar auch Berichte verschreiben, jedenfalls hört sich ihr Stil danach an.

Wenn kein Bedeutungsunterschied vorliegt, ist die Vorsilbe überflüssig. So wie bei dem Wort „abbergen“, Fachjargon für „Rettung aus Seenot“. Schiffbrüchigen dürfte es jedenfalls egal sein, ob sie geborgen oder abgeborgen werden – solange sie nur gerettet werden. Was bringt es an zusätzlichem Nutzen, wenn der Fliesenleger Fugen „verfüllt“, statt sie einfach zu füllen? Was haben wir davon zu halten, wenn ein Gerät als „sportlich beim Anstarten und im Betrieb“ gepriesen wird? Denn was der Unterschied zwischen starten und anstarten sein soll, bleibt unklar. Dasselbe gilt für warnen und vorwarnen. Das nachträgliche Warnen ist jedenfalls genauso sinnlos wie das nachträgliche Programmieren, daher kann man auf ein „vor“ vor diesen Wörtern getrost verzichten.

Politiker reden gern davon, dass sie eine Idee oder eine Entwicklung „befördern“ wollen. Man wäre ja schon froh, wenn sie ihren Sprachstil förderten. Was bringt es, wenn wir Dinge abändern wollen, statt sie einfach nur zu ändern? Ist es günstiger, eine Wohnung anzumieten, statt sie zu mieten? Steigen Löhne schneller, indem man sie ansteigen lässt? Warum werden Tische in Restaurants nicht mehr für früher gedeckt, sondern eingedeckt?

Ein leises Stöhnen von Henry reißt mich aus meinen Gedanken. „Soll ich die Stewardess bitten, dir einen Kräutertrank zu bringen?“, frage ich mitleidig, „das hilft!“ Henry verzieht das Gesicht: „Damit sie mir einen Jägermeister anserviert? Nein danke, mehr Blähungen verkrafte ich heute nicht!“


Testen Sie selbst: Können Sie bei den folgenden Wortpaaren einen Bedeutungsunterschied feststellen? Falls nicht, hört sich die längere Variante wenigstens schöner an? Wenn auch das nicht der Fall ist, dann wissen Sie, wo Sie was (ein)sparen können!

Vorsilben im Test: Flüssig oder überflüssig?
abändern ändern
abklären klären
abmildern mildern
abmindern mindern
absenken senken
absinken sinken
abzielen zielen
anmieten mieten
ansteigen steigen
anwachsen wachsen
auffüllen füllen
aufoktroyieren oktroyieren
aufzeigen zeigen
ausborgen borgen
ausleihen leihen
mithelfen helfen
verbleiben bleiben
verfüllen füllen
vorankündigen ankündigen
vorprogrammieren programmieren
vorwarnen warnen
zuschicken schicken

(c) Bastian Sick 2006

Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.

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