Freitag, 29. Juli 2016
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Das Paarungsverhalten der Uhue

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Ein Uhu macht noch keine Zwiebelfisch-Kolumne, aber bei zweien wird es interessant! Denn wer da glaubt, ein Uhu und noch ein Uhu seien immer schon zwei Uhus gewesen, der hat noch einiges zu lernen über die flatterhafte Mehrzahl im Deutschen.

„Wissen Sie, wie die Mehrzahl von Uhu lautet?“, fragte mich ein Besucher im Anschluss an eine Veranstaltung im schönen Bayreuth. Ich ahnte gleich, dass dies eine Fangfrage sein müsse, und erwiderte vorsichtig: „Ich werde es bestimmt gleich erfahren!“ — „Die Mehrzahl von Uhu lautet nicht Uhus, sondern Uhue!“, behauptete der Mann, wobei er diesen triumphierenden „Ich weiß etwas, was Sie mal nicht wissen“-Blick aufsetzte. Ich widersprach ihm nicht, denn wenn ich eines inzwischen gelernt habe, dann dass man Besuchern von Bastian-Sick-Veranstaltungen besser nicht widerspricht.

Bei meinen Streifzügen durch die Wunderwelt der deutschen Sprache sind mir zwar schon einige schräge Vögel untergekommen, aber Uhue waren bislang noch nicht dabei. Ich glaube auch nicht, dass es sie gibt. Ich halte „Uhue“ füreine Legende, so wie das Ungeheuer von Loch Ness oder den Vogel Greif. Aber bevor ich mich auf eine Wette  einlasse, konsultiere ich lieber das Wörterbuch.

In der aktuellen Ausgabe des Dudens ist die Mehrzahl des Wortes „Uhu“ mit einem „s“ angegeben, also Uhus. Eine andere Möglichkeit ist nicht vorgesehen. Na bitte, demzufolge hat es „Uhue“ nie gegeben. Oder doch? Früher vielleicht einmal? Vorsichtshalber schlage ich noch mal in einem älteren Wörterbuch nach, und siehe da: In der Ausgabe von 1929 findet man tatsächlich „Uhue“, versehen mit der Anmerkung, dass in Österreich auch die Form „Uhus“ existiere. „Zum Kuckuck“, denke ich, „sollte der Herr aus Bayreuth womöglich Recht haben?“ Um ganz sicher zu gehen, konsultiere ich ein zweites Nachschlagewerk, das „Deutsche grammatisch-orthographische Nachschlagebuch“ eines gewissen Dr. August Vogel — ebenfalls aus den 20er Jahren. Ein Herr Vogel muss ja wissen, wie die Mehrzahl von Uhu lautet, denke ich. Und siehe da: Auch er kennt die Form mit „e“ am Ende — oder die unveränderliche: ein Uhu, viele Uhu. Aber „Uhus“ waren ihm nicht bekannt. Das entlockt mir gleich mehrere „Ahas!“ — oder „Ahae“, ganz wie Sie wollen. Offenbar wurde der Uhu nicht nur ein Opfer der menschlichen Zivilisation, sondern auch des Sprachwandels. Denn „Uhue“ sind heute  ausgestorben; Uhus hingegen findet man zuhauf, nicht nur bei den Klebemitteln im Papierwarengeschäft, sondern eben auch in aktuellen Wörterbüchern.

In der deutschen Sprache kann die Mehrzahl auf viele verschiedene Weisen gebildet werden. Es gibt mindestens elf Möglichkeiten. Mal wird ein „e“ angehängt oder ein „n“, mal ein „er“ oder ein „en“, mal kommt dabei noch ein Umlaut ins Spiel, mal verändert sich auch gar nichts, und nicht selten hat ein Wort sogar zwei verschiedene Pluralformen. Entweder, weil diese einen Bedeutungsunterschied markieren; so wie bei dem Wort Band, das zu „Bände“ oder „Bänder“ werden kann, und — englisch ausgesprochen — auch noch zu „Bands“. Oder, weil sich die Deutschen einfach nicht auf eine einheitliche Pluralform einigen konnten, so wie im Falle der Denkmäler und Denkmale oder der Süchte und Suchten.

Die Pluralendung „s“ bei Dingen ist keine ursprünglich deutsche. Wir haben sie uns von anderen Sprachen abgeguckt. Daher kommt sie hauptsächlich bei Fremdwörtern zur Anwendung: bei Cocktails, Partys, Gags, Meetings und Shops, bei Taxis, Büros, Appartements, Salons und Hotels.

Da wir auch viele Tiere aus anderen Sprachen importiert haben, die in der Mehrzahl auf „s“ enden (Aras, Boas, Gnus, Gorillas, Zebras), haben wir ihnen den Uhu angeglichen, obwohl dieses Tier seinen Namen nicht einem Auslandsimport zu verdanken hat, sondern einer lautmalerischen Nachahmung seines Rufes. Früher hieß er auch mal Schuhu, Buhu oder Huhu. Am Ende hat sich „Uhu“ durchgesetzt. Und mittlerweile hat sich die Mehrzahlform „Uhus“ durchgesetzt. Das „ue“ am Ende muss den Menschen zunehmend seltsam erschienen sein, sodass es irgendwann dem immer geläufiger werdenden Plural auf „s“ wich.

Bei einigen Wörtern neigt die Umgangssprache dazu, den Plural zu verdoppeln. Und damit meine ich hier nicht die vielen Visas, Scampis und Antibioticas, von denen man immer wieder hört und liest. Das sind schließlich Fremdwörter, und mit denen tun sich die meisten Deutschen ohnehin schwer. Nein, es gibt auch ein paar deutsche Wörter, bei denen die Mehrzahl gern überdeutlich markiert wird: So trifft man im Deutschen immer wieder auf Kinders (auch: Kinners), Jungens und Männers. Es gibt sogar „Leuts“ — als Mehrzahl von „Leute“, obwohl es von „Leute“ nicht einmal eine Einzahl gibt.

Um noch mal auf die Vögel zurückzukommen: Der Kuckuck, dessen Name auf die gleiche Weise wie der des Uhus entstand (d.h. durch klangliche Nachahmung seines Rufs), wird in der Mehrzahl immer noch „Kuckucke“ gerufen, nicht Kuckucks. Es sei denn, man meint eine Familie gleichen Namens, dann heißt es freilich „die Kuckucks kommen“. Ich kenne etliche Kuckucks, und das sind allesamt ganz fabelhafte Leuts! Auch Sperlings, Spechts und Finks kenne ich ein paar. Nur keine Uhus. Wissen die Kuckucke, warum.

 

Pluralbildung

Beispiele im Singular

Beispiele im Plural

1

Keine Endung, keine Umlautung

 

der Koffer

der Adler

das Fenster

das Kaninchen

der Wagen

die Koffer

die Adler

die Fenster

die Kaninchen

die Wagen (süddeutsch auch: die Wägen)

2

Keine Endung, mit Umlautung

der Vogel

der Vater

die Mutter

das Kloster

die Vögel

die Väter

die Mütter

die Klöster

3

Mit Endung -e, ohne Umlautung

der Hund

der Wal

der Kranich

die Hunde

die Wale

die Kraniche

4

Mit Endung -e und Umlautung

der Baum

der Kamm

der Arzt

die Hand

die Sau

die Wurst

die Bäume

die Kämme

die Ärzte

die Hände

die Säue

die Würste

5

Mit Endung -en, ohne Umlautung

die Frau

die Burg

die Zahl

das Ohr

die Frauen

die Burgen

die Zahlen

die Ohren

6

Mit Endung -er, ohne Umlautung

das Kind

das Gesicht

die Kinder

die Gesichter

7

Mit Endung -er und Umlautung

der Mann

das Volk

das Wort

das Haus

die Männer

die Völker

die Wörter

die Häuser

8

Mit Endung -n

der Bauer

die Mauer

die Wolke

die Geisel

die Bauern

die Mauern

die Wolken

die Geiseln

9

Mit Endung -se

das Geheimnis

der Bus

die Geheimnisse

die Busse

10

Mit Endung -nen

die Freundin

die Göttin

die Freundinnen

die Göttinnen

11

Mit Endung -s

der Uhu

die Oma

das Büro

das Deck

die Uhus

die Omas

die Büros

die Decks

12

Wortänderung

der Kaufmann

 

die Kaufleute

 


(c) Bastian Sick 2008


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 4“ erschienen.

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