Sonntag, 16. Dezember 2018
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Der Vogel und die Vögelin

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Die Gans hat ihren Ganter, die Ente ihren Erpel und die Henne ihren Hahn. Doch wie sieht es mit anderen Vögeln aus? Werden die Geschlechter von Eulen, Spatzen und Kranichen namentlich unterschieden? Wie heißt der Krähenmann? Ist die Frau des Raben eine Rabin? Und wie nennt man die Lebenspartnerin des Uhus?

Am Erntedanksonntag kam meine Freundin Alexandra zum Essen. Während ich für uns den Tisch deckte, blätterte sie in einem Album mit Fotos aus unserer Schulzeit. Dabei entdeckte sie ein Bild, das mich in einer seltsamen Verkleidung zeigt.  „Was trägst du denn da?“, fragte sie belustigt. „Ein Vogelkostüm!“, erklärte ich. „Das war bei einer Aufführung der Vogeloper mit unserem Chor!“  – „Wie süß!“, rief Alexandra. „Warst du der Vogel oder die Vögelin?“ – „Ich war selbstverständlich das Männchen!“, stellte ich klar. „Ich war schließlich schon aus dem Stimmbruch raus.“ – „Und welche Art Vögel solltet ihr darstellen?“, fragte Alexandra. „Das weiß ich nicht mehr“, erwiderte ich, „etwas in der Art wie Rotkehlchen, nehme ich an.“ Alexandra schien nicht sehr überzeugt: „In dem Kostüm sieht du eher aus wie ein gerupfter Papagei“, befand sie. „Vielleicht waren wir auch Blaumeisen oder Spatzen“, überlegte ich. „Ganz sicher aber waren wir keine Raben.“ – „Der Herr Spatz und die Frau Spätzin – ihr wart bestimmt ein Traumpaar!“, sagte Alexandra lachend. Und dann hielt sie inne und fragte: „Gibt es das Wort Spätzin überhaupt?“ – „Vorstellbar ist es, aber ich bezweifle, dass es wirklich gebräuchlich ist. Lass uns zur Sicherheit im Wörterbuch nachsehen!“ Und tatsächlich: Zwischen Spatzenhirn und Spätzle fanden wir sie: die Spätzin. Alexandra war erleichtert. „Wo wir gerade dabei sind, lass uns doch mal nachsehen, wie das Krähenmännchen heißt“, sagte sie. Diesmal wurden wir nicht fündig: Weder gab es einen „Kräher“ noch einen „Kräherich“ oder einen „Krah“. Auch die Suche nach weiblichen Formen des Adlers und des Falken blieb erfolglos.

Da der Mensch die Tiere vor allem danach zu beurteilen pflegte, inwieweit sie ihm von Nutzen waren, hat er auch nur dort eine Unterscheidung der Geschlechter vorgenommen, wo sich etwas jagen, zähmen, züchten, mästen und verspeisen ließ. Alles andere, was sonst noch so kreuchte und fleuchte, konnte froh sein, wenn es überhaupt einen Namen bekam.

Folglich hat man sich auch bei Vögeln nur dann die Mühe gemacht, unterschiedliche Bezeichnungen für die männlichen und weiblichen Exemplare zu finden, wenn es sich um Nutztiere handelt, allen voran das liebe Federvieh, sprich Hühner und Gänse.

Ente: die Ente, der Erpel (auch: Enterich)

Gans: die Gans, der Gänserich (auch: Ganter)

Huhn: die Henne, der Hahn

Pute: die Pute, der Puter

Truthuhn: die Truthenne, der Truthahn

Bei vielen Nutz- und Hausvögeln mit männlichem Gattungsnamen ist die Bildung einer weiblichen Form durch Anhängen der Endung „-in“ möglich: So wie der Spatz seine Spätzin hat, gesellt sich zum Fasan die Fasanin. Der Storch baut sein Nest zusammen mit der Störchin, und der Schwan gleitet neben der Schwänin.

Bei Wildvögeln wird diese Art der semantischen Unterscheidung jedoch nur selten vorgenommen. Die männliche Krähe heißt sowohl in der Fachsprache als auch in der Volkssprache einfach „das Krähenmännchen“, die weibliche  ist „das Krähenweibchen“. Ableitungen auf „-in“ und „-rich“ sind zwar in der Theorie möglich, in der Praxis aber kaum zu finden. Der Reiher hat keine Reiherin, und die Meise keinen Meiserich. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, heißt es, und man kann hinzufügen: ein Schwalberich erst recht nicht, denn er hat es bisher nicht einmal ins Wörterbuch geschafft.

In Bezug auf Geschlechterunterscheidung bei Vögeln geht das zur Verfügung stehende Vokabular kaum über den menschlichen (Speise-)Tellerrand hinaus.

Fantasie versetzt uns jedoch in die Lage, diese profanen Grenzen zu überwinden und neue Formen zu erschaffen, sodass am Ende jeder Vogel seine Vögelin hat. Den Rest des Abends verbrachten Alexandra und ich damit, für jeden Vogel, der uns in den Sinn kam, ein klangvolles Pendant zu finden. Genauer gesagt: zu erfinden.

Als Weibchen für den Zaunkönig kam natürlich nur die Zaunkönigin in Frage. Der Rotkopfwürger erhielt eine Rotkopfwürgerin und der Wiedehopf eine Wiedehöpfnerin. Dass der Fink eine Finkin habe, könne nur im Deutschen gelten, fanden wir; im Spanischen müsse er eine Finka haben.

Die Frau vom Pfau wurde zur Pfauna. Die Eule bekam einen Eulo an die Seite gestellt. Für den Uhu fand sich die Uhura und für die Nachtigall der Nachtigallo.

Das Prinzip mit dem weiblichen A und dem männlichen O schien  unbegrenzte Möglichkeiten zu eröffnen, und warum sollte es nur am Wortende funktionieren? Flugs erklärten wir die männliche Amsel zum Omsel.

Die Wachtel durfte sich über ihren Wächtler freuen und der Dompfaff über  seine Dompfeife. Manche Formen ließen sich auch durch Verkürzung gewinnen: Das männliche Gegenstück zur Dohle wurde zum Dohl, und das Weibchen des Reihers zur Reihe.

Kreuz und quer sprangen wir durchs Alphabet und ließen auch den Zilpzalp und den Zwergfalken nicht aus. Die Zilpzälpin fand unser beider Gefallen, doch mit der „Zwergfälkin“ wollte Alexandra sich nicht zufriedengeben. Das sei nicht konsequent genug, sagte sie, und gab nicht eher Ruhe, bis ich unserer Liste eine „Zwerginnenfälkin“ hinzugefügt hatte. Um die zweifache Kastration des Zwergfalken wieder wettzumachen, stutzte ich die Haubenlerche kurzerhand zum Helmlerch.

Manche Namen stellten uns vor eine besondere Herausforderung, so wie die Mönchsgrasmücke, die vorne männlich und hinten weiblich klang. Das Pendant dazu konnte nur ein Nonnengrasmuck sein.

Auch französische Endungen waren willkommen: So fand sich als Partnerin für den Neuntöter die Neuntöterette, und die Heckenbraunelle kam zu ihrem   Heckenbruno. Den Zitronengirlitz schließlich verbandelten wir mit der Zitronengirlande.

„Jetzt weiß ich, was für ein Vogel du in der Vogeloper warst!“, rief Alexandra auf einmal. Gespannt blickte ich sie an: „Nämlich?“ – „Ein Star! Was sonst?“ – „Und was war dann meine Partnerin: eine Starin oder eine Stärin?“ – „Weder noch“, zwitscherte Alexandra, „für einen weiblichen Star kommt schließlich nur ein Wort in Frage: Diva!“


Nun dürfen Sie selbst ran. Aber nicht allein: Drucken Sie diese Spielanleitung aus und lassen Sie Ihre Freunde am Silvesterabend mitknobeln! Wer die besten Einfälle hat, gewinnt!

Viel Vergnügen dabei wünscht

Ihr Zwiebelfisch-Männchen

P.S. Die schönsten Einfälle Ihrer Spielrunde dürfen Sie mir natürlich gerne schicken!

(c) Bastian Sick 2011

 


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.


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4 Kommentare

  1. Und es gibt doch den Schwalberich: In dem Duett „Machen wir’s den Schwalben nach…“ aus der „Csárdásfürstin“ von Emmerich Kalman heißt es: „Bist du falsch, o Schwalberich, fliegt die Schwälbin fort …“

  2. Mein Nachbar, der Vogelzüchter ist, bezeichnet alle Vögel als Henne oder Hahn, egal ob Wellensittich oder Amsel.

  3. Auch die nicht essbaren Waldvögel Kauz und Käuzin werden unterschieden. Der männliche Vogel kann er sogar komisch und dadurch erst menschlich werden!

  4. Witzig wie immer, aber:
    Nach Duden lautet die Abkürzung für Postskript nur: PS – ohne alle Punkte.
    Viele Grüße
    C. Freimark

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