Dienstag, 19. Juni 2018
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Die Geschichte des O

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Alle Jahre wieder singen wir „O du fröhliche“ und „O du selige“. Und manch einer fragt sich: Was ist das eigentlich für ein „O“, das da besungen wird? Ist es überhaupt ein Wort? O ja, das ist es in der Tat! Ein sehr gefühlvolles Wort sogar. Und noch dazu das kürzeste Wort, das die deutsche Sprache zu bieten hat.

Kurz vor Weihnachten schrieb mir ein Leser aus O. Genauer gesagt: aus Oberderdingen. Das liegt nicht etwa, wie der Name vermuten ließe, hoch oben in den Bergen über allen Dingen, sondern in Baden-Württemberg im Landkreis Karlsruhe. Der Leser wollte wissen, ob das „o“ in „O du fröhliche“ ein Wort oder nur eine Singsilbe sei.

O lieber Leser!, schrieb ich zurück, wie schön, dass Sie mich nach dem selten gewordenen, aber noch immer ungemein schmückenden „o“ fragen!

In der Tat ist „o“ ein Wort, wenn auch nur ein ganz kleines. Sprachwissenschaftler nennen es eine Partikel. Ungeachtet seiner Winzigkeit steht dieses „o“ für hohe Werte: Es steht für Ehrfurcht, für Respekt, für Verbundenheit, für Liebe. Und das schon seit geraumer Zeit; denn dieses „o“ existierte bereits bei den alten Römern, was lateinische Redewendungen wie „o tempora, o mores“ („O Zeiten, o Sitten“) noch heute bezeugen.

Schon die Römer gebrauchten das „o“ bei der Anrede, und so kam dem „o“ im Deutschen die Aufgabe zu, den Anredefall wiederzugeben; fachsprachlich auch bekannt als Vokativ.

Wenn Marcus und Brutus im Lateinischen plötzlich zu „Marce“ und „Brute“ werden, dann ist das nicht etwa ein Schreibfehler oder eine Verniedlichung, sondern eine höfliche Form der Anrede. Die Endung auf -e lässt erkennen, dass es sich um den Vokativ handelt. Da es im Deutschen keinen Vokativ gibt, wird diese Form traditionell mit dem vorangestellten kleinen „o“ wiedergegeben: „o Marcus!“, „o Brutus!“ und natürlich „o Cäsar!“.*

Nach lateinischem Vorbild erzeugt das „o“ in zahlreichen deutschen Gedichten, Gebeten und Liedern den weihevollen Klang einer gefühlsbetonten Anrede:

O Mond!
O mein Herz!
O meine Königin!
O Tannenbaum!
O du lieber Augustin
O Jesulein süß!
O Herr!
O Gott!

Auch in anderen Sprachen lebte das lateinische Anrede-„o“ munter fort. Im Italienischen („O sole mio“), im Französischen mit einem Dach verziert („Sois sage, ô ma douleur“) und auch im Englischen sind zahlreiche Beispiele zu finden: „O Captain, my Captain“, „O brother, where art thou?“, „O holy night“.

Wie so vieles ist dieses „o“ irgendwann aus der Mode geraten. Die Anrede wird heute im Deutschen üblicherweise mit anderen Wörtern kenntlich gemacht, sei es „sehr geehrte(r)“, „liebe(r)“, „mein“ oder „hallo“. Es geht auch kürzer mit „du“ oder „Sie“: „Du Depp!“, „Sie Vollidiot!“ Für die meisten Menschen mögen dies nichts anderes als Beleidigungen sein, Sprachwissenschaftler können darin immerhin noch eine korrekt gebildete Vokativ-Entsprechung erkennen.

Wann immer man ein „o“ liest oder hört, kann man sicher sein, dass es sich um einen überlieferten Text handelt. Kirchenlieddichter haben es manchmal auch als Lückenfüller eingesetzt und damit legendäre Mythen wie Owie erschaffen, jenen rätselhaften anderen Sohn Gottes, von dem man nur weiß, dass er lacht:

Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn – O wie lacht
Lieb’ aus deinem göttlichen Mund.
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt!
Christ, in deiner Geburt!

Das „o“ kann übrigens nicht nur vor Namen stehen, sondern auch vor Wörtern der Zustimmung und der Ablehnung:

O ja!
O nein!
O doch!
O weia, o weh!
Ojemine! (Eine Verballhornung von „O Jesus!“, die mit Rücksicht auf das 2. Gebot entstand.)

Darin ist das lateinischstämmige „o“ dem deutschen „oh“ mit „h“ sehr ähnlich. Viele halten „o“ und „oh“ ohnehin für gleichbedeutend. Doch es besteht ein Unterschied. Schlägt man im Wahrig nach, so findet man dort unter „o“:  gefühlsbetonter, verstärkender Anruf. Unter „oh“ hingegen steht: Ausruf des Staunens, des Bedauerns, der Ablehnung.

Dass ein gefühlsbetonter Anruf und ein entsetzter Ausruf nicht dasselbe sind, liegt auf der Hand, daher ist die Unterscheidung zwischen „o“ ohne „h“ und „oh“ mit „h“ sinnvoll.

Während „O mein Herz“ als eine sehr gefühlsbetonte, geradezu schmachtende Anredeform verstanden werden kann, liest sich „Oh! Mein Herz!“ eher wie die Ankündigung eines Infarktes.

„O“ ist also in der Tat ein Wort. Womöglich das kürzeste deutsche Wort und das einzige, das nur aus einem Buchstaben besteht.**

Darum zählt das „o“ beim Scrabble wohl auch 2 Punkte, weil man immer, wenn man ein Wort wie „Ofen“, „Lore“ oder „rot“ legt, automatisch ein einzelnes, gefühlsbetontes Anredewort mitlegt.

Nach diesen Ausführungen bleibt mir nur, Ihnen eine gefühlsbetonte Weihnachtszeit zu wünschen, und zwar mit einem O-Vers:

O Weihnacht, o komme, komm über mein Haus,
komm über mein Viertel, komm über die Stadt.
O Weihnacht, o komme, erfülle das Land,
bring Frieden den einen, den andern Verstand.
O Weihnacht, o komme, so will es der Brauch.
O Weihnacht, o komme, komm über mich auch.

(c) Bastian Sick 2013


Bild links: So kann man es auch schreiben, vor allem, wenn man das Erstaunen oder Bedauern hervorheben will.

 

 

Bild unten: Hier erhalten Sie eine deutlich lautere Version des bekannten Weihnachtsliedes.

Screenshot von iTunes, eingeschickt von Zwiebelfisch-Leser Arno Ehret aus Freiburg

* In anderen Sprachen gibt es den Vokativ sehr wohl. Besonders in den slawischen Sprachen gehört er zur gängigen Praxis. Wenn ich „Liebe Magdalena“ auf Polnisch schreibe, ist Magdalena anschließend kaum wiederzuerkennen, und das liegt nicht etwa an meiner Handschrift, sondern an der polnischen Grammatik, die uns im Vokativ ein „o“ für ein „a“ vormacht: „Liebe Magdalena“ heißt auf Polnisch „droga Magdaleno“.

**Abgesehen natürlich von Dialektwörtern wie „a“ (= ein) und „i“ (= ich) sowie den Tonbezeichnungen C, D, E, F, G, A, H und B und dem französischen Importwort „à“ („3 Würstchen à 1,50 Euro“).

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9 Kommentare

  1. Betreff: „Marquis von O“

    Lieber Bastian, habe dich soeben zu O – bigem ernannt. Deine Abhandlung über das kürzeste Wort der deutschen Sprache hat mich mal wieder sehr entzückt.
    Außerdem wollte ich dir ganz wunderschöne Feiertage wünschen, wie es meine Frau Gattin im Nebenzimmer bestimmt auch noch tut.
    Also: Alles Liebe und Gute, und was du auch immer ausbrütest an wundersamen Dingen, es möge dir zu Genuss, Ruhm und Ehre gerinnen 🙂
    Dein Burkhard

  2. Eigentlich erhoffte ich mir von dem Beitrag endlich die Aufklärung darüber, wer der mysteriöse „Owie“ ist, der zusammen mit der göttlichen Familie in der eigentlich stillen Nacht immer lacht:
    „O wie lacht …“

    • Liebe Claudia! Wie in der Kolumne erwähnt: Im Lied heißt es „Gottes Sohn Owie lacht“, demnach handelt es sich also um einen älteren Bruder von Jesus, der sich über die Geburt seines Brüderleins so sehr freute, dass er lachte. Interessanterweise schweigen sich die Evangelisten über ihn aus, aber dank des Weihnachtsliedes wissen wir, dass es ihn gibt. In Florenz wurde ihm gar ein Museum geweiht, die berühmten Owiezien.

  3. Noch eine kleine fernöstliche Anmerkung zum deutschen O: es ist wohl nur ein Zufall, aber auch im Japanischen existiert ein vorangestelltes O als Partikel zum Ausdruck der Ehrfurcht, des Respekts oder der Verbundenheit, oder auch gefühlsverstärkend, im Nominativ oder auch Vokativ, z.B. das poetische o-tsuki-sama (ehrenwerter Herr Mond), das ganz selbstverständliche o-kaa-san (ehrenwerte Frau Mutter), das kindliche o-uma-chan (liebes Pferd), o-shaburi (lieber? Schnuller). Kinder und Frauen sprechen oft mit leichter Gefühlsbetonung von o-yasai (liebes? Gemüse), o-mame (liebe? Bohne), o-cha (lieber? Tee), so klingt es jedenfalls freundlicher als ohne das O, so wie es die Männer zu sagen pflegen. Übrigens kennt das Japanische auch noch andere Ultrakurzwörter, darunter sogar richtige Substantive: I (der Magen), E (das Bild), und U (der Kormoran!).

  4. O endlich mal ein weihnachtlicher Beitrag, der Freude macht!
    Oh, hätte fast vergessen, Ihnen schöne Feiertage zu wünschen.
    Beste Grüße aus Breisach,
    Jochen Voigt

  5. Hallo, Herr Sick, ich lese wie immer Ihre Kolumnen mit großer Freude – in Chemnitz direkt erleben konnten wir Sie ja nur zwei Mal bisher!
    Zum O in norwegischer Sprache (geschrieben: å) kann ich Ihnen zumindest einen Ort beifügen: Nämlich Å (gesprochen O) auf den Lofoten.

    Aus Wikipedia: „Erreichbar ist Å über das Meer mit einer Fähre von Moskenes nach Bodø und über den Landweg über den im Jahre 1992 eröffneten Kong Olafvs veg über Sørvågen.
    Der größte Teil des Ortes und auch der Süßwassersee gehört der Familie Johan B. Larsen und deren Nachkommen.
    Die Stadt lebt heute hauptsächlich vom Tourismus in den Sommermonaten. Die zwei dort ansässigen Museen stellen einen wichtigen Beitrag zur Darstellung der Kultur auf den Lofoten dar. Å ist vorwiegend ein Fischerdorfmuseum und besteht aus 23 Gebäuden, die 150 Jahre alt sind und sich noch an ihrem alten Platz befinden. Dazu gehören einige Rorbuer, Bootshäuser, eine Schmiede und eine Bäckerei sowie eine Trankocherei.“

  6. Zur Ergänzung bezüglich „o“: Im Portugiesischen wird vor den Namen im Vokativ ein ó mit Akut gesetzt. Die Aussprache ist jedoch offen im Unterschied zum Deutschen. Man ruft „ó Pedro“, „ó Antónia“, etc.
    Besonders interessant finde ich den Bedeutungsunterschied zwischen „o“ und „oh“!
    Schöne Feiertage und einen guten Rutsch! R. Plachy

  7. Muss man sich nicht fragen, welchE fröhliche und selige O besungen wird? – Vielen Dank für diese umfassende Würdigung unseres kürzesten und eines unserer zweitkürzesten Worte! 🙂 C.K.

  8. Claudio Giorgini

    Lieber Herr Sick! «O sole mio» ist kein Vokativ, sondern, richtig geschrieben «’o sole mio», eine für die neapolitanische Mundart – und das Lied ist auf Neapolitanisch, nicht auf Italienisch geschrieben – typische Elision für «lo sole mio». «’o» ist also ein Artikel, keine Interjektion. Ein Nominativ also, wie aus dem ganzen Satz zu entnehmen ist: «’o sole mio sta in fronte a te», d.h. «Meine Sonne scheint vor dir!».
    Richtig ist aber doch, dass auch die italienische Sprache die Verwendung von «o» als Interjektion kennt: «O patria mia (Leopardi)» (O mein Vaterland)

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