Mittwoch, 24. Mai 2017
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Einer von 80 Millionen?

Max Giesinger

Gestern stellte mir ein Leser eine Frage zum Text des Liedes „80 Millionen“ von Max Giesinger. Der Leser schrieb: „Beim Refrain stolpere ich immer wieder über eine Stelle. Dort heißt es: ›… ich weiß es nicht, doch ich frage mich schon: Wie hast du mich gefunden, einer von 80 Millionen?‹.“

Ob es nicht „einen von 80 Millionen“ heißen müsse, da es doch „Wie hast du mich gefunden“ heiße und der Gefundene somit im Akkusativ stehe. Müsse die Ergänzung dann nicht auch im Akkusativ stehen? Er wisse zwar, so schloss der Leser, dass mein Steckenpferd der Genitiv sei, aber vielleicht könnte ich ausnahmsweise mal eine Lanze für den Akkusativ brechen?

Ich habe mir daraufhin erst einmal das Lied angehört und mir den Sänger Max Giesinger angeschaut: Beide gefielen mir und erweckten nicht den Eindruck von „schludriger Grammatik“. Dennoch hatte der Leser recht, etwas stimmte mit der Zeile nicht ganz.

Bei „einer von 80 Millionen“ handelt es sich um einen sogenannten Zusatz, auch „Apposition“ genannt. Und der Zusatz steht immer im gleichen Fall wie der Satzteil (Subjekt oder Objekt), den es beschreiben soll.

Wenn der Zusatz zum Akkusativobjekt „mich“ gehören soll, müsste er im Akkusativ stehen: „Wie hast du mich gefunden, einen von 80 Millionen“. Man könnte den Zusatz auch weiter nach vorn rücken, dann würde es noch deutlicher: „Wie hast du mich, einen von 80 Millionen, gefunden“?

Der Zusatz steht hier aber im Nominativ (einer) und kann daher nur auf das einzige andere Wort im Nominativ bezogen werden, nämlich auf „du“:

Wie hast du, einer von 80 Millionen, mich gefunden?

Der Sänger besingt hier also nicht sich selbst, sondern seinen Finder – der zudem noch männlich ist, was das Lied unter grammatischem Aspekt zu einem schwulen Liebeslied macht. Denn es heißt ja nicht „du – eine von 80 Millionen“.

Verschiedene Faktoren (Videoclip, Wahrscheinlichkeit) legen allerdings nahe, dass der Sänger mit „einer von 80 Millionen“ nicht seinen Finder meint, sondern sich selbst, den Gefundenen. Dann müsste er korrekterweise singen:

„Wie hast du mich gefunden, einen von 80 Millionen“?

Nun kommt es vor, dass in Liedertexten die Grammatik bisweilen verbogen wird, um das Versmaß zu wahren oder einen Reim zu retten. In einem gewissen Rahmen ist das legitim – solange der Text dadurch nicht missverständlich wird.

In dem vorliegenden Lied bestand allerdings gar keine Notwendigkeit zu einer grammatischen Verbiegung; das Versmaß wäre genauso hingekommen, wenn es geheißen hätte „einen von 80 Millionen“.

Man könnte zur Not noch mit der Vorstellung einer Satzellipse (Verkürzung) argumentieren und sagen, „einer von 80 Millionen“ sei die Verkürzung von „ich bin doch nur einer von 80 Millionen“. Der Einsatz von Ellipsen ist aber nur dann ratsam, wenn sich dem Leser/Hörer die ausgelassenen Worte problemlos erschließen – was hier nicht der Fall ist. Man braucht schon etwas Fantasie, um auf einen weggefallenen Halbsatz wie „ich bin doch nur …“ zu kommen.

Vielleicht wird der verantwortliche Textdichter behaupten: „Wir haben es bewusst falsch gemacht, damit der Song authentischer wirkt, denn heute kann doch kaum noch jemand noch korrekt beugen.“ Wer könnte ihm da widersprechen?

Angesichts des Wuschel-Faktors des Sängers und des Kuschel-Faktors des Liedes bin ich gern geneigt, über ihn hinwegzusehen, einen von 80 Millionen Fehlern im heutigen Deutsch.


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Bilderstrecke: Dativ, Akkusativ und andere Un-Fälle

Berlin-Kreuzberg, fotografiert von Joseph Karg

Hier hat jemand wohl zu viel den „Herrn der Ringe“ gesehen (Zitat Gollum: „Mein Schatz!“)

Wuppertal-Barmen, fotografiert von Daniel Kristen

Sie meinen, es müsse „ökologischem“ heißen? Aber es heißt ja auch nicht „Pralinem“.

Diese Zeilen hingegen machen keinen guten Eindruck.

Freizeit- und Saurierpark Germendorf, fotografiert von Ulrich Schmitt

Wem seine Abenteuer?

Aushang einer Eisdiele im Hauptbahnhof Hannover, fotografiert von Michael Täger

Fundstück aus Hameln, eingeschickt von Stefan Düker

Kuscheltier-Greifer auf dem Berliner Weihnachtmarkt, fotografiert von Anke Sperling

Von der Sixx-Facebook-Seite, eingeschickt von Heike Bielow-Rehfeldt

Fazit:

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4 Kommentare

  1. Oh je, Herr Sick, jetzt sind Sie aber einer von 80 Millionen…

    So toll der Text auch diesmal wieder ausgefallen ist mit dem genialen Seitenhieb, es könne sich womöglich um ein schwules Liebeslied handeln, so schnell kommt man mit den Objektbezügen selbst manchmal durcheinander.

    „Und der Zusatz steht immer im gleichen Fall wie der Satzteil (Subjekt oder Objekt), den es beschreiben soll.“

    Hier müsste es doch heißen: „…, den ER beschreiben soll.“, oder?

  2. Abgesehen von grammatischen Unstimmigkeiten – ich nehme mal an, mit den 80 Millionen meint Max Giesinger die deutsche Gesamtbevölkerung. Unterstellen wir seiner Angebeteten eine heterosexuelle Orientierung, so hatte sie aber nur noch die Auswahl unter ca. 39 Millionen männlichen Deutschen, von denen man Kinder und Greise auch noch abziehen müsste. Andererseits: Warum sollte sich ihr Interesse nur auf deutsche Männer beschränken? Fragen über Fragen ….

  3. Ich sehe hier eine ganz andere Merkwürdigkeit. Es geht hier um mehrere Millionen, singen tut er allerdings nur Million, also die Einzahl. Brrrrrrrrrr…. Ich kann so etwas nicht hören…

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