Sonntag, 16. Dezember 2018
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Erwarten und Versprechen

Frage einer Leserin aus Düsseldorf: Gerade habe ich in einer Fernsehsendung gehört, wie ein Studiogast gefragt wurde: „Was erwarten Sie sich von dieser Debatte?“ Ist das nicht irgendwie falsch? Kann man das so sagen? Heißt es nicht „Was erwarten Sie von dieser Debatte?“ Und wie ist die Antwort? „Ich erwarte mir, dass …“? Das klingt doch nun wirklich seltsam, finden Sie nicht? 

Antwort des Zwiebelfischs: Ihr Gefühl trügt Sie nicht. Das Verb „erwarten“ wird standardsprachlich nicht mit „sich“ gebraucht. Es ist nämlich nicht reflexiv. Man kann etwas oder jemanden erwarten, lang und heiß und sehnlichst, aber das tut man nicht auf „sich“ bezogen.

Im Falle des „Sich-Erwartens“ liegt eine Überkreuzung mit anderen, sinnverwandten Konstruktionen vor, nämlich mit „sich etwas versprechen“ oder „sich etwas erhoffen“.

Man kann sich viel (oder wenig) von jemandem versprechen, und man kann sich irgendetwas von irgendjemandem erhoffen. „Versprechen“ und „erhoffen“ können beide reflexiv (also mit „sich“) gebraucht werden, „erwarten“ hingegen nicht.

Da „sich etwas versprechen“ und „sich etwas erhoffen“ aber nahezu gleichbedeutend sind mit „etwas erwarten“, kommt es immer wieder vor, dass die eine Form der anderen angepasst wird.

Die Sprachwissenschaft nennt so etwas eine Kontamination (zu Deutsch „Verschmutzung“) oder auch Amalgamierung, also eine Verschmelzung von Wörtern oder Wortteilen zu einem neuen Begriff. Dies kann bewusst und in kreativer Absicht geschehen, so wie bei der Verschmelzung der Wörter „teuer“ und „Euro“ zu „Teuro“.

Meistens aber geschieht es aus Versehen, aus Unkenntnis oder Unsicherheit. Wenn man nicht genau weiß, wie eine bestimmte gängige Phrase gebildet wird, greift man auf eine andere zurück, die ähnlich klingt und ungefähr das Gleiche bedeutet. So entstehen Formulierungen wie „meines Wissens nach“ (Verschmelzung aus „meines Wissens“ und „meiner Meinung nach“) und Wörter wie „zumindestens“ (Kreuzung aus „mindestens“ und „zumindest“). Sprachpolizisten zücken in solchen Fällen den Rotstift und ordnen eine gründliche Dekontamination an.

Auch zu früheren Zeiten wurde „erwarten“ nicht rückbezüglich gebraucht, dafür aber noch mit dem Genitiv: „Ich erwarte deiner mit Sehnsucht und offenen Armen“, lautet ein klangvolles Beispiel aus einem „praktischen Rathgeber in der deutschen Sprache“ aus dem Jahre 1824. Heute ist der Genitiv nur noch hinter „in Erwartung“ zu erwarten.

Politiker kommen übrigens selten in die Verlegenheit, „sich“ etwas zu erwarten, denn das Wort „erwarten“ gehört gar nicht zu ihrem aktiven Wortschatz. „Die Erwartung“ schon, aber nicht das Verb „erwarten“. Verben sind den Politikern nämlich unbequem. Statt „ich erwarte“ sagen sie lieber „ich habe die Erwartung“. Und statt „ich befürchte“ heißt es im Politikerdeutsch „ich habe die Befürchtung“. Warum ist das so? Das liegt an der Natur der Wörter: Verben haben etwas Direktes, Unmittelbares; Verben sind emotional. Wenn ein Politiker zugibt, dass er auf etwas hofft oder sich vor etwas fürchtet, wirkt er viel zu sehr aus Fleisch und Blut. Lieber versteckt er sich hinter einer hölzernen Nominalkonstruktion, das verleiht ihm scheinbare Autorität und Kompetenz und macht ihn weniger angreifbar.

Viele Menschen tun sich schwer damit, die Worte „ich liebe dich“ über die Lippen zu bringen. Ein Politiker würde ein derart emotionales Geständnis ohnehin ganz anders formulieren. Bei ihm klänge es vermutlich so: „Ich habe in Bezug auf dich die Wahrnehmung einer Empfindung der Zuneigung.“

(c) Bastian Sick 2010


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.

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