Mittwoch, 13. Dezember 2017
Home / Kolumnen / Zwiebelfisch / Ich hab noch einen Koffer in Berlin zu stehen

Ich hab noch einen Koffer in Berlin zu stehen

0,1020,1068758,00_XvnDqpMV_f.jpg

Berliner gibt es nicht nur mit Puderzucker oder Guss, sondern auch mit Schnauze. Der Berliner gilt als eigenwillig — und nirgendwo spiegelt sich das anschaulicher wider als wie in seiner Sprache.

Der Berliner Taxifahrer ist seit je eine Spezies für sich, nicht immer von überschwänglicher Freundlichkeit, aber nie um Worte verlegen, wenn es gilt, den Fahrgast mit einem Potpourri aus Schimpftiraden über die Regierung und philosophischen Erkenntnissen über die Wechselfälle des Lebens zu unterhalten. Die Aufklärung ist im Fahrpreis inbegriffen. Widerspruch ist zwecklos.

Im vergangenen Jahr gastierte ich mit meinem Bühnenprogramm über die Fallstricke der deutschen Sprache mehrmals in der Hauptstadt. An einem Abend war ich spät dran, und so sprang ich in ein Taxi und erklärte dem Fahrer, dass ich so schnell wie möglich ins Schiller-Theater müsse. „Wohin wollense?“, fragte er mich. „Bitte fahren Sie mich ins Schiller-Theater!“, wiederholte ich. Da wandte er sich zu mir um und sagte: „Det jeht nich, juter Mann. Ick kann Ihnen höchstens nachm Schiller-Theater fahren. Ins Theater müssen Se denn schon selba lof’n.“ Au weia, dachte ich, der Abend fängt ja gut an!

Nicht immer nimmt es der Berliner mit den Präpositionen so genau wie dieser Taxifahrer. Und mit den Fällen schon gar nicht. Ob Dativ oder Akkusativ, da ist man sich nicht immer ganz sicher, und um sich nicht ständig zwischen „mir“ und „mich“ entscheiden zu müssen, sagt der Berliner einfach „ma“, das kann nämlich beides bedeuten. „Ick lach ma ’n Ast!“; „Da hab ick ma wohl jeirrt.“ Dieses „ma“ wird daher gelegentlich auch als „Akkudativ“ bezeichnet, also dritter und vierter Fall in einem.

Der Berliner ist nun mal praktisch veranlagt. Und darüber hinaus ist er alles andere als kleinlich. Klotzen statt kleckern, lautet die Devise. Das gilt besonders für den Umgang mit den Zeiten. Wo die Standardsprache sich mit Perfekt oder einfacher Vergangenheit begnügen würde, da prasst der Berliner mit dem Plusquamperfekt. Statt „Ich war gestern wieder bis zwölf in der Kneipe“ oder „Ich bin gestern wieder bis zwölf in der Kneipe gewesen“ sagt der Berliner: „Ick war jestern wieda bis zwölwe inner Kneipe jewesen.“ Eine typische Konstruktion einer Berliner Redaktionskollegin lautete: „Also, das hatte ich jetzt gerade nicht verstanden.“ Ich war jedes Mal dankbar, dass sie nicht noch ein „gehabt“ nachsetzte.

Für Nicht-Berliner immer wieder irritierend ist die Art und Weise, in welcher der Berliner zum Ausdruck bringt, dass sich irgendetwas irgendwo befindet. Er sagt nämlich nicht: „In meinem Keller steht noch ein altes Fahrrad“, sondern „Ich habe im Keller noch ein altes Fahrrad zu stehen.“ Jawohl, der Berliner hat Dinge zu stehen — oder zu liegen. Der hochdeutsche Satz „Irgendwo muss hier doch noch mein Schlüssel liegen“ heißt auf Berlinisch: „Ick hatte hier doch noch ’n Schlüssel zu liejen jehabt!“

Der Autohändler hat hinten im Hof einen nagelneuen BMW zu stehen, und der Zahnarzt hat im Wartezimmer illustre Magazine zu liegen.

Geschäftsleute und Sachbearbeiter aus anderen Teilen der Republik werden regelmäßig verunsichert, wenn ihnen ein Berliner Kollege erklärt, er habe die Unterlagen „vorzuliegen“. Das klingt fast wie ein Imperativ: „Die Akte habe ich meinem Chef morgen früh vorzulegen, sonst fliege ich raus!“ Gemeint ist aber nichts anderes, als dass der Kollege die Papiere vor sich auf dem Tisch liegen hat.

Nach dieser Logik scheint Marlene Dietrichs berühmte Liebeserklärung an Berlin ein bisschen zu kurz geraten zu sein. „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“, sang sie 1948. Als waschechte Berlinerin hätte sie eigentlich singen müssen: „Ich hab noch einen Koffer in Berlin zu stehen.“

Scherzhaft wird diese Konstruktion auch die „Berlinische Verlaufsform“ genannt, obwohl dabei nicht viel verläuft; es sei denn, man stößt aus Versehen einen alten Eimer mit Farbe um, den man noch irgendwo zu stehen hatte. Ansonsten wird eher gestanden und gelegen, gelegentlich auch gehangen: „Mein Opa hatte in seiner Stube ein Bild vom Kaiser zu hängen.“ Dieses ausgefallene sprachliche Prinzip kommt allerdings nur bei Gegenständen zur Anwendung. Personen sind im Stehen oder im Liegen nicht mit „zu“ zu haben. „Da hinten steht mein Mann“ wird nicht etwa zu „Ich hab da hinten meinen Mann zu stehen“, das wäre nämlich nicht nur umständlicher, sondern auch noch missverständlich. Man kann zwar auch in Berlin gepflegt einen sitzen haben, aber man hat niemanden zu sitzen, und man hat auch niemanden zu liegen. Folglich muss kein Mann befürchten, jemals von seiner Frau die folgenden Worte zu hören: „Schatz, du kannst da jetzt nicht rein, ich hab da noch den Klempner zu liegen.“

Das wäre nämlich selbst für einen Berliner ein ziemlicher Klops. Aber mit Klöpsen kennt er sich schließlich aus, der Berliner. Von Buletten ganz zu schweigen. Die isst der Berliner  gern mit Senf, weil er nun mal gerne überall seinen Senf dazugibt. Berliner essen auch Hamburger, nur keine Berliner. Denn zum Berliner sagt der Berliner komischerweise Pfannkuchen. Das finde ich als Hamburger etwas seltsam. Aber soll ma egal sein, mich isses eins.

(c) Bastian Sick 2008


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 4“ erschienen.

Lesen Sie auch:

Stimm-Zettel für die Brief-Wahl von dem Land-Tag

Am 7. Mai sollen die Schleswig-Holsteiner einen neuen Landtag wählen. Dazu hat jeder Wahlberechtigte eine …

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *