Montag, 26. September 2016
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Leichensäcke aus dem Supermarkt

Für Verkaufsstrategen ist der Griff in die Englisch-Schublade längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Um hiesige Produkte „hipper“ und „cooler“ zu machen, wird alles bedenkenlos mit englischen Vokabeln beklebt. Der Griff zum Wörterbuch hingegen wird oft vergessen. Da bleiben peinliche Irrtümer nicht aus.

Eine wahrhaft gruselige Geschichte erlebte ein Student aus Oldenburg. Als er gedankenverloren in der Mensa speiste, wurde er plötzlich auf eine Gruppe von amerikanischen Austauschstudenten aufmerksam, die sich am Nebentisch erregt über einen Werbeprospekt einer Supermarktkette unterhielten. Es ging um irgendein supertolles Angebot, doch ganz offensichtlich war es nicht der günstige Preis, der die Amerikaner in Erstaunen versetzte, sondern der angepriesene Artikel selbst. W. stellte die Lauscher auf und verstand irgendetwas mit „bag“. Er konnte sich zunächst noch keinen Reim drauf machen und aß daher sein gar köstliches Mensa-Menü in Ruhe zu Ende.

Als der Student anderntags zum Einkaufen ging, prallte er im Supermarkt gegen eine Werbetafel, auf der „body bags“ angeboten wurden. Tatsächlich handelte es sich dabei um mehr oder weniger modische Rucksäcke. Nachdenklich blieb der Student vor dem Angebot stehen und kramte in seiner Erinnerung: „Hmm … body bags? Da war doch was!“ Kein Zweifel, er hatte den Begriff schon mal gehört, aber in einem anderen Zusammenhang. Und dann fiel es ihm wieder ein: Ein Kinofilm war’s. Einer über den Vietnam-Krieg. Mit viel Blut und vielen Toten. Eine ungute Ahnung beschlich ihn. Sowie er zurück in seiner Wohnung war, griff er nach dem Englisch-Wörterbuch und schlug nach. Und da stand es, Schwarz auf Weiß: „body bag“ bedeutet Leichensack! Nun verstand der junge Mann, was die Gemüter der amerikanischen Austauschstudenten so erregt hatte: Leichensäcke im Supermarkt. Und dann auch noch im Sonderangebot!

Wer sich die Mühe macht und ein bisschen recherchiert, der wird feststellen, dass es in deutschen Verkaufsangeboten von Leichensäcken nur so wimmelt. Allein bei eBay finden sich Dutzende von „body bags“, in allen Größen und Farben. Die Interpretation, was genau ein solcher sei, geht da von Bauchtäschchen über Umhängetasche bis hin zum Tornister.

Auf internationalen Flügen der Lufthansa soll es schon vorgekommen sein, dass das Bordpersonal den Reisenden „body bags“ zum Verkauf angeboten hat. Gemeint waren damit diese praktischen Sets mit Augenklappen, Pantoffeln und Ohrstöpseln. Über dadurch ausgelöste Fälle von Massenhysterie oder gehäufter Ohnmacht unter den englischsprachigen Passagieren ist zum Glück bislang nichts bekannt.

Meistens soll „body bag“ wohl aber nichts anderes als Rucksack bedeuten. Das Wort Rucksack scheint jedoch völlig aus der Mode gekommen zu sein. Vermutlich klingt es zu deutsch, zu sehr nach Bergwandern, nach Matterhorn und Kuhglockengeläut. Das schreckt die Jugend ab, die schließlich Englisch gewöhnt ist, auch wenn sie es gar nicht immer versteht. Fazit: Kein Verkaufsschlager ohne englisches Etikett (cooler: Label). Aber wenn „body bag“ nun gar nicht das bedeutet, was die Anbieter meinen, was heißt „Rucksack“ dann tatsächlich auf Englisch? Machen wir rasch die Gegenprobe im Englisch-Wörterbuch. Da steht zum einen backpack, als Bezeichnung für die großen Wanderrucksäcke, aber noch davor, gleich an erster Stelle, steht zu lesen, man glaubt es kaum: rucksack.

So weit ist es also schon gekommen, dass deutsche Werbemacher und Marketingstrategen sich neue englische Begriffe ausdenken müssen, weil das englische Wort zu deutsch klingt. Mit lawn mower und outdoor grill wird sich dann wohl bald auch nichts mehr verdienen lassen. Wie wär’s also mit lawn shaver und outdoor roast? Wie bitte, Sie haben noch keinen? Dann aber nix wie los!

(c) Bastian Sick 2003


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ erschienen.

 

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