Montag, 27. März 2017
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Von riesen Erfolgen und klassen Kämpfen

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Einen »riesen Spaß« und ein »wahnsinns Feeling« bescheinigt die Seite holidaycheck.de einem Tanzclub auf Bora Bora. Und auf Facebook schreibt eine Schauspielerin über ihren ersten Auftritt in einem Musical, es sei »ein riesen Vergnügen und eine ganz neue Erfahrung« gewesen. Das ist auf jeden Fall eine ganz neue Form der Rechtschreibung.

Es lebte einst im Riesengebirge ein gewaltiger Riese. Mit seinen Riesenhänden konnte er jeden noch so großen Stein werfen und mit seinen Riesenfüßen alles zerquetschen, was sich ihm in den Weg stellte. Eines Tages hörte er, wie eine Maus entsetzt schrie: »He, pass doch auf! Fast hättest du mich mit deinen riesen Füßen zertreten!« Der Riese sprach: »Das tut mir riesig leid!« – »Das will ich auch hoffen!«, schnaubte die Maus. »Es wäre nämlich ein riesen Fehler gewesen! Du hättest riesen Ärger mit meiner Sippe bekommen!« – »Vor riesen Ärger habe ich keine Angst«, erwiderte der Riese gelassen. »Wirklich nicht? Wovor dann?«, fragte die Maus. Der Riese überlegte kurz und sagte: »Vor Riesenärger!«

holidaycheck.de

Sie haben zweifellos längst bemerkt, worum es in dieser Geschichte von dem Riesen und der Maus tatsächlich geht: um getrennt oder zusammen, um mäuseklein oder riesengroß. Immer wieder findet man Angebote, die einen »riesen Spaß« verheißen oder einen »riesen Preisnachlass«. Es gibt jedoch kein Adjektiv, das »riesen« heißt. Das vom Riesen abgeleitete Adjektiv heißt »riesig« oder »riesenhaft«. Alles, was mit einem »Riesen« beginnt, wird groß- und zusammengeschrieben, so wie der Riesenhunger, die Riesengemeinheit und das Riesenglück.

screen-capture-4Dass »Riesen« so oft für ein Adjektiv gehalten wird, liegt vermutlich daran, dass auf dem folgenden Wort nicht selten eine eigene Betonung liegt. »Ich wünsch dir einen riesen Erfolg!« trägt sowohl eine Betonung auf »rie« als auch auf »folg«. So wie bei »Ich wünsch dir einen großen Erfolg« oder »Ich wünsch dir einen tollen Erfolg«.

Trotzdem taugt die Vorsilbe »Riesen-« nicht zum Adjektiv. Es wäre ja auch geradezu paradox, etwas so Großes wie »Riesen« kleinschreiben zu wollen. Nur wenn sie sich mit »groß« zu einem tatsächlichen Adjektiv verbindet, schrumpft die Vorsilbe auf Kleinformat, denn »riesengroß« wird trotz Riesen-Beteiligung nicht großgeschrieben.

Mit dem Riesen ist es übrigens genauso wie mit dem Heiden: Heidenspektakel, Heidenärger, Heidenarbeit und Heidenangst lassen sich nicht als »heiden Spektakel«, »heiden Ärger«, »heiden Arbeit« und »heiden Angst« verkaufen.

Doch bei anderen verstärkenden Ausdrücken ist das starre Gefüge der Grammatik in Bewegung geraten: Die Vorsilbe »super« war lange Zeit ein fest verbundener Bestandteil in Wörtern wie »Superheld«, »Superbenzin« oder »Superweib«. Inzwischen aber erkennt der Duden beim Wort »super« auch ein Alleinstellungsmerkmal an. Es gibt ein »super Spiel«, eine »super Idee« oder einen »super Vorschlag«, und ein Treibstoff kann »super Benzin« sein, ohne deswegen gleich Superbenzin sein zu müssen. Wenn »super« die Bedeutung »großartig« hat, funktioniert es – zumindest in der Umgangssprache – auch als Attribut. Doch wenn es die Bedeutung »über« hat, muss es mit dem Folgewort zusammengeschrieben werden; denn ein Supermarkt ist nicht zwangsläufig ein super Markt, und ein Supertanker nicht unbedingt ein »super Tanker«.

Auch »klasse« ist in die Klasse der Attribute aufgestiegen: Ein »klasse Lehrer« ist etwas anderes als ein Klassenlehrer, und wenn jemand über eine »klasse Gesellschaft« schreibt, schwebt ihm dabei nicht unbedingt eine Klassengesellschaft vor. Aus Respekt vor der Grammatik wird das Wort »klasse« manchmal dennoch gebeugt, so schreibt ein Redakteur über einen Boxkampf: »Die beiden haben sich einen klassen Kampf geliefert«. Das könnte jedoch auch als Klassenkampf missverstanden werden. Das Wort »klasse« braucht, wenn es die Bedeutung »hervorragend« hat, nicht gebeugt zu werden. Eine Superidee ist ja auch keine »supere Idee«, und Superhelden sind keine »supernen Helden«.

Klasse und super gehören damit in die Superklasse der Unbeugsamen. Denn nicht nur Gallier können unbeugsam sein, sondern auch einige Eigenschaftswörter, meist solche, die einerseits Fremdwörter und andererseits Vorsilben sind, so wie »extra«, »ultra«, »mega« und »hyper«.

Auch »okay« ist ein Fremdwort und wird gelegentlich als vorangestelltes Qualitätsmerkmal verwendet. Mancher hält eine akzeptable Lage für eine »okaye Lage« und beschreibt einen zufriedenstellenden Handel als einen »okayen Handel«, wenn nicht gar als einen »okayenen«. Der Duden hält »okaye Lösungen« zwar noch nicht für okay, aber das kann in ein paar Jahren schon anders aussehen.

Genau wie »super« sind auch »ultra«, »hyper« und »mega« eigentlich Vorsilben und kommen daher nur in Zusammenschreibung vor: ultraleicht, hyperaktiv, mega-out. Doch auch hier macht sich die Vorsilbe zunehmend selbstständig, und Menschen schreiben einander, sie haben »mega viel Arbeit« oder beim Chinesen »ultra lecker gegessen«. Ob hyperdämlich oder hyper dämlich, Megaspaß oder mega Spaß – hier bewegen wir uns orthografisch in einer Grauzone. Die Verwendung von Kraftausdrücken ist seit jeher ein Merkmal der Umgangssprache, und die ist bekanntlich sehr flexibel und schafft sich im Zweifelsfall ihre eigenen Regeln.

Doch der Riese aus dem Riesengebirge bewegt sich mit seinen Riesenfüßen nicht in einer Grauzone, sondern auf sprachlich festgetretenem Grund: »Solange ich hier lebe, bleibt das Riesengebirge ein riesiges Gebirge und kein riesen Gebirge«, sprach er. Allein die Maus wollte das nicht anerkennen und bemühte sich, das Riesige kleinzureden, wo sie nur konnte. »Ich habe heute einen echt schrägen Kerl getroffen,« berichtete sie später ihrer Sippe. »Der hatte riesen Füße und riesen Hände, aber einen erbsen Verstand.«


Dass sich »riesen« sogar beugen lässt, entdeckte Lateinlehrer Oliver Lange aus NRW im Sommer 2015 am Schieder-Stausee. Klicken Sie auf das Bild für eine Großansicht.

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Ein „spitzes“ Beispiel von rp-online.de vom Januar 2016, eingeschickt von Angela Bauer:

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12 Kommentare

  1. Karsten Schelf

    Lieber Herr Sick! Das war mal wieder ein „super“ Text, den ich bestens im Unterricht einsetzen kann. Meine Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse lieben Ihre Bücher und werden sich bestimmt auch über diesen Text lustvoll hermachen. Dinge wie „wahnsinns Feeling“ und „mega Leistung“ sind bei denen an der Tagesordnung. Ich arbeite daran, dass es eines Tages eine Megaleistung wird und wir alle mit einem Wahnsinnsgefühl nach Hause gehen!
    Ihr K. Schelf

  2. Da schreiben Sie was: der „Supergau“! Wissen Sie noch, woher das eigentlich kommt? „GAU“ ist die Abkürzung von „größter anzunehmender Unfall“ und beschreibt einen maximal zu erwartenden Schaden – VOR dem Eintreffen eines Ereignisses.

    Die Unfälle von Tschernobyl oder Fukushima als „Supergau“ zu bezeichnen, zeugt nur von völliger sprachlicher Ahnungslosigkeit – und wird den eingetretenen Ereignissen und ihren Opfern alles andere als gerecht.

    • Lieber Schorsch! Noch vor einigen Jahren hielt auch ich die Steigerung des „größten anzunehmenden Unfalls“ (GAU) zum „Super-Gau“ für unnötig und habe das sogar in einer Kolumne thematisiert: Brutalstmöglichst gesteigerter Superlativissimus (http://bastiansick.de/audiovideo/brutalstmoeglich-gesteigerter-superlativissimus-2-2/)
      Inzwischen wurde mir aber von Expertenseite versichert, dass der Super-Gau tatsächlich etwas anderes sei als der Gau. Mag sein. Ich bin kein Atomphysiker. Der Duden führt den Super-Gau (in der Schreibweise Super-GAU) schon einige Zeit, und da dieser Begriff in den Medien fast ausnahmslos verwendet wird (von einem Gau ist jedenfalls nie die Rede, es sei denn, man meint damit eine Landschaft wie den Breisgau oder den Rheingau), halte ich ihn heute für allgemein akzeptiert.

    • Eine Anmerkung zum „Super-GAU“ möchte ich noch machen. Es ist meines Erachtens schon schlimm genug, dass es den „GAU“ schon gar nicht mehr gibt. Es gibt anscheinend nur noch „Super-GAUs“. Und dass da der Duden (wieder mal) mitmacht, ist schon bezeichnend. Ich wage eine Prognose: In 2 oder 3 Jahren gibt es den „Super-GAU“ kaum noch. Er wird dann vom „Mega-GAU“ ersetzt worden sein.

      Viele Gruesse
      Uwe R.

    • Lieber Schorsch, Lieber Uwe!

      Da muss ich Ihnen beiden beipflichten, auch wenn es mich dauert, dem überaus geschätzten Herrn Sick zu widersprechen: Wie sollte man denn einen „größten anzunehmenden Unfall“ noch steigern – größerer?

      Viele Grüße
      Monika B.

  3. riesen Klasse!

  4. Wie immer: ein super Artikel!

  5. Toller Artikel, der ein aktuelles Thema behandelt, das insbesondere die Jugendsprache betrifft. Leider kennt kaum einer mehr die „riesen“ Unterschiede zwischen Attribut und Adjektiv.

  6. Außer beim „Super-GAU“ bin ich bei Ihnen, lieber Herr Sick.
    Der Super-GAU ist ein Pleonasmus (Tautologie, Hendiadyoin), denn GAU steht bereits für den „G“rößten „A“nzunehmenden „U“nfall.
    Und das Größte (Superlativ) kann man nicht mehr steigern, „Super“ davor ist super zu viel.
    Mit herzlichen Grüßen, Ihr Klaus Walter (aus Franken)

  7. Lieber Herr Sick! Kleine Anekdote dazu: In der bekanntermaßen eher kurzlebigen und oft auch sehr regionalen Jugendsprache wurde in meiner Jugend (Ach, die Achtziger…) in Schwaben neben „super“ und „riesen“ eine Zeit lang auch das Wort „Gottes-“ verwendet: „Ich habnen Gotteshunger!“ Auf die entsetzte Reaktion des örtlichen Pfarrers, der den Namen des Herrn nicht in dieser Form mißbraucht wissen wollte, kam allerdings prompt die passende Antwort: Das Wort werde schließlich zur Steigerung gebraucht, was für Gott doch wohl eine sehr angemessene Verwendung sei.
    Gruß,
    Kaya Rip

  8. Lieber Zwiebelfisch Bastian Sick, zu diesem Beitrag kann man nur sagen: „Super“. Oder, wie evtl. der Türke sagt, „Süper“ – angesichts seiner im Fußball vorhandenen „Süperlig“.
    Oder noch einfacher der Kommentar: Spitze!

  9. Sie schreiben: „Der Duden hält ‚okaye Lösungen‘ zwar noch nicht für okay, aber das kann in ein paar Jahren schon anders aussehen.“
    Mein Tipp: Vorher wird der Duden (folgerichtig) noch „riesen“ für zulässig erklären, so wie er bisher fast jeden sprachlichen Unfug zugelassen hat, wenn er nur weit genug Verbreitung gefunden hatte. Schade um das, was der Duden einmal war …

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