Donnerstag, 17. August 2017
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Von sich und Ihnen

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»Erleben Sie Weltklassemusik live bei Ihnen zuhause!« heißt es in einer Internetwerbung eines bekannten deutschen Geldinstituts. Eine solche Grammatik schafft alles und jeden, nur kein Vertrauen. Höchste Zeit, ein paar Dinge über den Gebrauch des Reflexivpronomens klarzustellen.

Es führt in unserer Sprache ein eher unscheinbares Dasein und ist doch von großer Bedeutung: das rückbezügliche Fürwort, auch Reflexivpronomen genannt. Es existiert in vielen verschiedenen Formen: als »mir«, »mich«, »dir«, »dich«, »uns« und »euch« und vor allem als »sich«. Doch es existiert nicht als »ihnen« oder »Ihnen«. Diese beiden letztgenannten sind Personalpronomen und nicht rückbezüglich.

Die Einladung »Erleben Sie Weltklassemusik live bei Ihnen zuhause!« stellt keinen Rückbezug her, sondern schafft Verwirrung. Es sieht nämlich so aus, als ob hier zwei Gruppen zugleich angesprochen würden, von denen die eine aufgefordert wird, die Weltklassemusik im Hause der anderen zu erleben. Das war aber bestimmt nicht gemeint; daher hat sich die Bank mit dieser Werbung keinen Gefallen getan. Und Ihnen auch nicht.

Zum Glück kommt die Verwechslung von »sich« und »Ihnen« nicht allzu häufig vor. Wenn jemand Ihre Kontaktdaten benötigt und Sie fragt, ob Sie ihm wohl eine Telefonnummer »von Ihnen« geben können, hätte es natürlich »von sich« heißen müssen. Aber das versteht ihn von selbst.

Die Frage lautet hier ausnahmsweise nicht »Zu dir oder zu mir?«, sondern: »Bei sich oder bei Ihnen?« Die Antwort hängt davon ab, ob ein Rückbezug vorliegt oder nicht. Im folgenden Satz ist die Sache klar:

Er fühlte sich bei sich zu Hause nicht mehr sicher.

Ein deutlicher Fall von Rückbezug, denn »er« ist das Subjekt, und es geht um sein Zuhause. Im nächsten Satz geht es um denselben »er« und sein Zuhause, und doch ist der Bezug ein anderer:

Er wollte sich vergewissern, ob bei ihm zu Hause alles in Ordnung war.

Hier liegt kein Rückbezug vor, denn das Subjekt des Nebensatzes ist nicht »er«, sondern »alles«. Im folgenden Beispiel ist es wieder anders:

Er wollte sich vergewissern, ob er bei sich zu Hause noch sicher war.

Hier ist das »sich« wieder korrekt, denn es gibt ein »er«, auf das es sich beziehen kann.

Manchmal treten berechtigte Zweifel auf. Einem ersten Gefühl folgend ist man geneigt, ein »sich« zu setzen, doch bei längerem Nachdenken erweist es sich als falsch. Nehmen wir die Müllers, die zu sich nach Hause gingen. Und nehmen wir an, wir folgten ihnen dabei. Welcher Satz ist nun richtig?

Wir folgten den Müllers zu sich nach Hause.

Wir folgten den Müllers zu ihnen nach Hause.

Die Müllers gingen zwar »zu sich« nach Hause, doch der Rückbezug wird in dem Moment zerstört, in dem »wir« zum Subjekt werden. Daher ist die zweite Antwort korrekt.

Lassen wir die Frage »sich oder ihnen« damit auf sich beruhen und wenden wir uns einer anderen Frage zu, die uns bei Sätzen mit Rückbezug viel häufiger beschäftigt; und zwar wo genau das Wörtchen »sich« zu stehen hat. Es ist nämlich nicht nur reflexiv, sondern auch sehr flexibel. Bald steht es hier:

Immer wieder stellen sich Menschen diese Frage.

Und bald steht es dort:

Immer wieder stellen Menschen sich diese Frage.

Nach traditionellem Sprachgebrauch steht das Reflexivpronomen unmittelbar hinter dem gebeugten Verb (hier: »stellen«). Im heutigen Sprachgebrauch lässt sich jedoch eine starke Tendenz erkennen, das »sich« weiter nach hinten zu rücken. Der zweite Satz ist daher ebenso möglich. Er ist nicht besser und nicht schlechter, höchstens etwas »moderner«.

Schauen wir uns ein anderes Beispiel an, diesmal eines mit einem Nebensatz:

Im Märchenwald dämmerte es bereits, als sich der Prinz leisen Schrittes an den Drachen heranschlich.

Hier befindet sich das Reflexivpronomen gleich hinter dem Einleitewort (»als«). Dies ist wiederum die traditionelle Variante, wie sie von Lektoren und Korrektoren nach wie vor bevorzugt wird.

In der »moderneren« Variante rückt das Reflexivpronomen näher an das gebeugte Verb, in diesem Falle also hinter den Prinzen:

Im Märchenwald dämmerte es bereits, als der Prinz sich leisen Schrittes an den Drachen heranschlich.

Bei der Verschiebung des »sich« um eine Position nach hinten bleibt es aber nicht immer. Hier und da wird gern bewiesen, dass sich das »sich« noch sehr viel weiter nach hinten rücken lässt. Die folgende, dritte Variante ist grammatisch zwar möglich, allerdings ist sie eher unkonventionell und aus diesem Grunde (noch) nicht zur allgemeinen Nachahmung empfohlen, auch wenn sie geradezu poetisch anmutet:

Im Märchenwald dämmerte es bereits, als der Prinz leisen Schrittes an den Drachen sich heranschlich.

Ganz so modern ist das Nach-hinten-Schieben übrigens nicht. Man pflegte es bereits in der Klassik. In Friedrich Schillers »Kabale und Liebe« fragt Luise: »Wenn die Mücke in ihren Strahlen sich sonnt – kann sie das strafen, die stolze, majestätische Sonne?« Und seufzt bald darauf: »Ferdinand! Daß du doch wüßtest, wie schön in dieser Sprache das bürgerliche Mädchen sich ausnimmt.«

Dass unsereins nicht verkenne, wie elegant in dieser schönen Sprache das nach hinten verlagerte Reflexivpronomen sich ausnimmt!


Zuletzt noch ein paar Dinge in Kürze, die man über das Reflexivpronomen wissen sollte:

– Es gibt für die Siezform kein großgeschriebenes »sich«: »Haben Sie Sich gut amüsiert?« ist falsch. Richtig ist: »Haben Sie sich gut amüsiert?« »Sich« wird nur in einem einzigen Falle großgeschrieben, nämlich wenn es am Satzanfang steht.

– Zwar lautet das Reflexivpronomen der 3. Person sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl »sich« (er kennt sich aus; sie kennen sich aus), doch wenn zu einem Subjekt in der 3. Person (z. B. »mein Nachbar«) die 1. Person (»ich«) hinzutritt (also »mein Nachbar und ich«), dann lautet das Reflexivpronomen nicht »sich«, sondern »uns«: »Mein Nachbar und ich haben uns oft gegenseitig geholfen.«

– Wenn in einem Satz zwei »sich« aufeinandertreffen, ist das stilistisch nicht unbedingt schön, doch kein Grund, eines von beiden wegfallen zu lassen. »Es gehört sich, sich zu bedanken« ist inhaltlich wie grammatisch korrekt. Falsch hingegen wäre: »Es gehört sich, zu bedanken.«


Weiteres zum Gebrauch des Reflexivpronomens:

Zwiebelfisch: Ich erinnere das nicht
Zwiebelfisch: Liebet einander!
Zwiebelfisch: Wenn du und er wollt
Fragen an den Zwiebelfisch: Was macht das »’s« in »ehe man sich’s versieht«?

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4 Kommentare

  1. Wobei das mit dem zu Hause bzw. zuhause noch nicht abschließend geklärt wäre.

  2. Aber dieses Geldinstitut verdient doch erst einmal großes Lob, dass sie es geschafft haben, das Wort „Weltklassemusik“ in einem Wort zu schreiben. Mutmaßlich gegen den Protest des Grafikers.

    Da muss jemand die Zwiebelfisch-Kolumnen gelesen haben. Immer zuerst loben! Und dann darauf hinweisen, dass es sogar noch besser geht.

  3. Super, dieser Zwiebelfisch! Mir fällt auf, dass das rückbezügliche „sich“ oft durch ein anderes Pronomen ersetzt wird, egal, ob in gesprochenen Texten oder in Zeitungen oder Büchern – selbst in sonst gut geschriebenen! Ein Beispiel: „Er zeigte auf den Stuhl neben ihm.“ Aus dem Sinnzusammenhang geht aber klar hervor, dass er den Stuhl „neben sich“ meint und nicht den Stuhl neben jemand anderem.
    Angesichts solcher Beispiele ist es geradezu wohltuend, wenn das „sich“ dann mal richtig angewendet wird.

  4. Weltklassemusik bei mir zuhause (oder zu Hause) LIVE = da kommt also das ganze Orchester zu mir nach Hause und spielt mir was vor. Es ist doch nur „live“ wenn ich im Konzertsaal sitze, alles andere ist doch irgendwie aufgenommen und wiedergegeben, also nicht „live“ (ein schoenes neudeutsches Wort, wie uebersetzt Zwiebelfisch dies? Meine arme Mutter haette das „liefe“ ausgesprochen (den sie kannte ja kejn Englisch) und gefragt, was das denn heist.

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