Sonntag, 23. Juli 2017
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Weltberühmtes Ratekau

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Ratekau ist ein weltberühmtes Dorf – weit über seine Gemeindegrenzen hinaus. Viele Deutsche kennen Ratekau wegen seiner Autobahnabfahrt, die es sich mit Timmendorf teilt. Früher kannte man Ratekau auch wegen seines Campingplatzes. Den gibt es jetzt leider nicht mehr. Dafür hat Ratekau seit einigen Jahren einen Aldi-Markt.

Und wer Ratekau nicht nur wegen seiner strategisch günstigen Lage kennt, der kennt es vielleicht aufgrund seiner imposanten Kirche. Die gibt es übrigens schon bedeutend länger als die Autobahn, sogar länger als das Lübecker Holstentor. Die Ratekauer Feldsteinkirche wurde im 12. Jahrhundert errichtet. Viel älter sind in Schleswig-Holstein nur noch ein paar Hünengräber und Moorleichen. Außerdem ist Ratekau sogar im dtv-Geschichtsatlas vermerkt: Im Jahre 1806 kapitulierte hier der preußische Generalleutnant Blücher vor den napoleonischen Truppen unter Marschall Bernadotte. Bemerkenswert der Zusatz, den Blücher – quasi als Erklärung – unter die Urkunde schrieb: „Ich kapithullire, weil ich kein Brot und keine Muhnitsion nicht mehr habe.“

Das Wort „kapituliere“ hatte Blücher tatsächlich mit Doppel-l geschrieben, und Munition sogar mit „uh“, aber weder das noch die doppelte Verneinung wurden ihm als Fehler ausgelegt, denn Blücher wurde später sogar noch zum Generalfeldmarschall befördert und in den Fürstenstand erhoben.

Dass er damals kapitulierte, statt weiterzukämpfen, machte Blücher zum Helden. Denn im Riesebusch hatten die Franzosen schon ihre Kanonen in Stellung gebracht und waren bereit, Ratekau zu beschießen. So aber blieb das Dorf stehen und über die Jahrhunderte fast unverändert. Bis in die 70er-Jahre, als die Bauernhöfe abgerissen wurden, die Autobahn gebaut und der alte Bahnhof stillgelegt wurde. Der Fortschritt hat unser Dorf viel radikaler verändert, als es die Franzosen mit ihren Kanonen vermocht hätten.

(c) Bastian Sick 2009

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