Sonntag, 28. Mai 2017
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Wie lautet die Einzahl von Geschwister?

Frage einer Leserin: Sehr geehrter Herr Sick, ich habe sechs Brüder, und es ist schon ein Runninggag geworden, mich als „Lieblingsschwester“ zu bezeichnen. Wer mein Lieblingsbruder sei, ist leicht zu fragen, doch was ist eigentlich die richtige Singularform von „Geschwister“? „Geschwist“ klingt so komisch. Gibt es vielleicht gar keine einzelnen Geschwister?

Antwort des Zwiebelfischs: Das Wort „Geschwist“ klingt in der Tat drollig und wird, wenn überhaupt, scherzhaft gebraucht. Standardsprachlich gibt es vom Wort „Geschwister“ keine Einzahl.

Der Duden führt zwar „das Geschwister“ als „fachsprachliche Form für eines der Geschwister“, doch das ist eine artifizielle Form, die bislang noch nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch vorgedrungen ist.
Einen allgemeinen und korrekten Singular bietet uns nur die Verkleinerung: das Geschwisterchen/das Geschwisterlein.

Dass es von „Geschwister“ keinen Singular gibt, liegt in der Entstehung des Wortes begründet: Es wurde nicht erschaffen, um einen einzelnen Bruder oder eine einzelne Schwester zu benennen (denn dafür hatte man ja die Worte Bruder und Schwester), sondern um die Gesamtheit der Brüder und Schwestern zu benennen. „Geschwister“ ist klanglich eng verwandt mit „Schwester“, beide Wörter sind gleichen Ursprungs. Während die Söhne früh das Elternhaus verließen, um ein Handwerk zu erlernen, blieben die Töchter noch so lange in der Familie, bis sie verheiratet wurden – weshalb es also in den Familien in der Regel mehr Schwestern als Brüder gab, was die Schwestern somit zum Vorbild für das Wort „Geschwister“ werden ließ.

Der fehlende Singular des Wortes „Geschwister“ tut dem Wert des Wortes aber keinen Abbruch. Dass unsere Sprache überhaupt das Wort „Geschwister“ kennt, ist großartig. Denn die meisten anderen Sprachen haben es nicht: Meistens muss man dort umständlich von „Brüdern und Schwestern“ sprechen, ob nun im Englischen (brothers and sisters) oder im Französischen (frères et soeurs). Selbst das dem Deutschen so nahe stehende Niederländische hat kein Wort für Geschwister, sondern kennt nur „broers en zusters“.
Wenn Sie also jemanden fragen wollen, ob er unter seinen Geschwistern eines bevorzuge, haben Sie folgende vier Möglichkeiten:

 

Hast du einen Lieblingsbruder oder eine Lieblingsschwester? (Standard)
Hast du ein Lieblingsgeschwister? (fachsprachlich)
Hast du ein Lieblingsgeschwisterlein (kindlich)
Hast du ein Lieblingsgeschwist? (scherzhaft)
Hast du eines deiner Geschwister am liebsten? (schlau)

 

Mit herzlichen Grüßen, auch an Ihre Brüder
Bastian Sick

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15 Kommentare

  1. Im Englischen gibt es für „Geschwister“ das Wort „siblings“, das sogar auch in der Einzahl stehen kann.

  2. Im Luxembourgischen („Lëtzebuergesch“) gibt es das Wort „Geschwëster“, das offensichtlich vom Deutschen abgeleitet wurde – kann aber auch nicht in der Einzahl stehen.

    Viele Grüße.
    Monika Barnes

  3. Im Spanischen gibt es „los hermanos“, was gleichzeitig Brüder und Geschwister heißt.

  4. Warum folgt denn nach der Ankündigung „folgende vier Möglichkeiten“ eine Liste mit fünf Beispielen?

    • Warum statt der Ankündigung von „vier Möglichkeiten“ fünf Beispiele folgen? Ist doch klar: Weil es sich hier um Sprache und nicht um Mathematik handelt!

  5. Übrigens kann sich auch Esperanto hier helfen: frato (Bruder), fratoj (Brüder), fratinoj (Schwestern), gefratoj (Geschwister), gefrato (die Einzahl von Geschwister).

  6. Geschwisterkind ?

  7. Von Eltern gibt es normalerweise auch keinen Singular. In der Welt der Statistik wird der Singular aber benötigt, man sagt „Elter“.

  8. Und fremde Geschwister sind ja Leute – und schon hat man das gleiche Problem erneuit. Wie ist denn die Einzahl von Leute?

  9. Bei Eltern ist Englisch genauso praktischer wie bei den „siblings“, die es wie oben schon gesagt auch als „sibling“ geschlechtsneutral einzeln gibt.
    Die „parents“ (und „grandparents“) treten auch als „parent“ allein auf, und so seltsam klingende Formulierungen wie Elternteil kann man vermeiden.

  10. P. I. Atamaniuk, M.Sc.

    Die Vorsilbe Ge- macht aus einem konkreten Begriff einen Gattungsbegriff.
    Stern – Gestirn
    Hirn – Gehirn
    saugen – Gesäuge
    Trank – Getränk

    Geschwister und Gebrüder wären als Neutrum im Singular zu sprechen.

  11. Volker Morstadt

    „,,, liegt in der Entstehung des Wortes begründet: Es wurde nicht ERschaffen, um …“ Nein, lieber Herr Sick: „Es wurde nicht GEschaffen …“!!! Verfallen doch bitte auch Sie nicht in die Stammverben-Vermeidung!!! Schaffen – schuf – geschaffen genügt – da braucht’s kein erschaffen. Auch Luther übersetzt ja in Gen. 1 schon „Im Anfang schuf …“ und nicht „erschuf“.

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