Dienstag, 30. Mai 2017
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Die Sache mit dem Bindestrich

Ein Schüler aus Hamm hat eine Frage zur Schreibweise von Zusammensetzungen mit Eigennamen. Eigentlich ist es gar keine Frage, denn er kennt die Antwort sehr genau. Schließlich hat er bereits mehrere Bände der Reihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ aufmerksam und mit Begeisterung gelesen. Da ist es kaum verwunderlich, dass er sich mit den Regeln besser auskennt als seine Lehrer. 

Sehr geehrter Herr Sick,

ich gehe in die neunte Klasse eines Gymnasiums, daher nahm meine Klasse Anfang dieses Jahres an dem Wettbewerb „Jugend debattiert“ teil. Nun, es müsste der 8. April gewesen sein, bekamen wir einen Zettel, sie nennen ihn liebevoll „Evaluation“, auf dem wir das Jugend-debattiert-Projekt bewerten sollten. Doch dann sah ich, dass wir in keinster Weise den Jugend-debattiert-Unterricht bewerten sollten, sondern einen sogenannten Jugend debattiert-Unterricht.

Als ich diesen überaus schwerwiegenden Fall von Nichtsetzung eines Bindestrichs sah, wandte ich mich unverzüglich an meine Deutschlehrerin. Sie sagte dazu nur, dass dies ein Eigenname sei und dass das so seine Richtigkeit habe. Darauf erwiderte ich, dass die „Jugend“ genauso zum „Unterricht“ gehöre wie auch „debattiert“. (Das habe ich von Ihnen gelernt.) Und dass es zwei Möglichkeiten gebe, dieses Wort zu schreiben, zum einen die von mir bevorzugte Schreibweise mit zwei Bindestrichen, zum anderen die, bei der der Eigenname in Anführungszeichen steht: „Jugend debattiert“-Unterricht. Aber nur bei der zweiten Methode dürfe man den ersten Bindestrich weglassen. Meine Deutschlehrerin zeigte sich weiterhin  unbeeindruckt und blieb bei ihrer Theorie mit dem Eigennamen.

Aus diesem Grund ist jetzt meine Frage: Hatte meine Deutschlehrerin recht oder war meine Annahme die richtige?

Ich bitte um Antwort, da ich, falls ich recht habe, meiner Lehrerin die E-Mail vor die Nase halten und sagen möchte: „Schauen Sie her, Bastian Sick hat auch gesagt, dass meine Theorie richtig war.“  Falls sie sich nicht bewahrheiten sollte, dann ist es eben so.

Mit besten Grüßen

Eric Piotraschke

Antwort Bastian Sicks: 

Lieber Eric,

zunächst möchte ich dir sagen, dass ich mich über deine Mail ganz außerordentlich gefreut habe und dass du dir meinen Respekt verdient hast. Du schreibst, dass du in die 9. Klasse gehst. Demnach müsstest du 14 oder 15 Jahre alt sein. Wenn ich daran denke, was ich in dem Alter getrieben habe, fällt mir mancher Unsinn ein. Doch auf die Idee, einem mir nur aus Büchern oder vielleicht aus dem Fernsehen bekannten Menschen einen Brief zu schreiben und ihn in einer Fachfrage um Rat zu bitten, wäre ich wohl nicht gekommen. Dazu hätte ich kaum den Mut aufgebracht – viel zu groß wäre meine Angst gewesen, nicht ernstgenommen und enttäuscht zu werden.

Dich will ich also auf keinen Fall enttäuschen, darum antworte ich dir noch heute. Druck dir diese E-Mail ruhig aus und zeige sie deinen Eltern und deiner Lehrerin, denn sie haben allen Grund, stolz auf dich zu sein. Du schreibst sehr sicher und verstehst es, dein Anliegen und deine Argumente schlüssig vorzubringen; deine Gedanken sind klar strukturiert, man kann ihnen gut folgen. All das sind Anzeichen dafür, dass du es im Leben noch weit bringen wirst.

Und nun zu deiner Frage: Wenn ein Name (bestehend aus einem oder mehreren Teilen) mit einem Hauptwort zu einer Fügung zusammengesetzt wird, dann müssen alle Teile dieser Fügung mit Bindestrichen verbunden werden. So lautet die Regel, wie sie im Duden (und in anderen Rechtschreibwerken) steht und von der es keine Ausnahme gibt.

Eine Schule, die nach Astrid Lindgren benannt wurde, schreibt sich Astrid-Lindgren-Schule.

Eine Straße, die nach Willy Brandt benannt wurde, schreibt sich Willy-Brandt-Straße.

Ein Fall für Sherlock Holmes ist ein Sherlock-Holmes-Fall, und der neue Film mit James Bond ist der neue James-Bond-Film.

Ein Unterricht, der im Zeichen von „Jugend debattiert“ steht, ist folglich ein Jugend-debattiert-Unterricht, oder, wie du selbst es angeführt hast, ein „Jugend debattiert“-Unterricht. Wenn der Eigenname in Anführungszeichen steht genügt ein Bindestrich. (Wobei Anführungszeichen aber nicht bei Personennamen stehen, sondern nur bei Namensschöpfungen, die auf den ersten Blick nicht als Namen zu erkennen sind.)

Du lagst mit deiner Vermutung also voll und ganz richtig.

Dass deine Lehrerin das anders sieht, ist typisch für die heutige Zeit, in der sich selbst die Lehrer kaum noch mit den Regeln auskennen (in diesem Fall: Dudenregel K 26, „Bindestrich bei Aneinanderreihungen“) und in der um Eigennamen ein Tamtam gemacht wird, als seien es unantastbare Heiligtümer. Das versuchen uns vor allem Handel und Industrie immer wieder weiszumachen, die ihre Markennamen stets unverändert geschrieben sehen wollen, am liebsten in der firmeneigenen Typografie und mit einem ™-Zeichen. So wie die Firma Lego, die mir mal vorschreiben wollte, in einem Zitat das Wort „Legosteine“ so zu schreiben: LEGO® Steine. Das war mir zu blöd, und darum habe ich lieber „Steckbausteine“ geschrieben. Jede Firma hat natürlich das Recht, sich selbst so zu schreiben, wie sie will. Doch sie kann von anderen nicht erwarten, sich deshalb über die Regeln der deutschen Rechtschreibung hinwegzusetzen. Der Schutz von Markennamen hat keinen Vorrang vor den Regeln der deutschen Rechtschreibung.

Dass in Bezug auf die Bindestriche eine so große Verunsicherung herrscht, liegt auch an der Übermacht des Englischen. Dort stehen bei Zusammensetzungen aus Namen und Hauptwörtern keine  Bindestriche, wie man am John F. Kennedy Airport sehen kann oder am Dow Jones Industrial Average (auf Deutsch: Dow-Jones-Index). Viele deutsche Institutionen schreiben sich daher heute selbst schon bindestrichlos oder setzten den Bindestrich nur noch vor das letzte Teil der Zusammensetzung: Robert Koch-Institut statt Robert-Koch-Institut; Carl Friedrich von Weizsäcker-Gymnasium statt Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Gymnasium.

Die nächste Rechtschreibreform wird es frühestens Ende dieses Jahrhunderts geben. Dann wird man möglicherweise beschließen, das deutsche Schriftbild dem englischen anzupassen. Bindestriche werden dann für überflüssig erklärt, und die Großschreibung von Hauptwörtern wird auch nicht mehr nötig sein. Dafür wird in Buch-, Film- und Liedertiteln jedes Wort großgeschrieben und mein Buch heißt dann „Der Dativ Ist Dem Genitiv Sein Tod“.

Vielleicht kommt es aber auch nicht dazu, wer weiß. Bis dahin gilt weiterhin, was im Duden steht, also: Jugend-debattiert-Unterricht oder „Jugend debattiert“-Unterricht.

Sehr herzliche Grüße von der Ostsee sendet dir dein

Bastian Sick

Tags darauf schrieb Eric Piotraschke zurück: 

Hallo Herr Sick,

ich habe mich riesig über Ihre Nachricht gefreut und nicht so schnell mit einer Antwort von Ihnen gerechnet. Ich werde die Mail auf jeden Fall meiner Deutschlehrerin zeigen, denn sie war es, die mich auf Ihre Bücher gebracht hat. Zurzeit lese ich Ihr drittes Buch aus der Dativ-Reihe, also habe ich die Sache mit den Legosteinen schon gelesen und mich prächtig darüber amüsiert. Meine Lieblingskolumne ist übrigens „Der traurige Konjunktiv“, die ich bestimmt schon dreimal gelesen habe. Meiner Mutter las ich sie auch einmal vor, danach schmissen wir mit Konjunktiv-II-Formen nur so um uns. Außerdem besitze ich sämtliche Bücher aus der Happy-Aua-Reihe, das Buch „Wie gut ist Ihr Deutsch?“ und die große Bastian-Sick-Schau vom SWR. Darüber hinaus denke ich, dass ich einen Autogrammwunsch an die auf der Internetseite genannte Adresse schicken werde. Liebe Grüße aus Hamm sendet Ihnen Ihr

Eric Piotraschke

PS: Grüßen Sie auch Sibylle und Henry von mir, und wenn Sie Frau Jackmann sehen, dann sei auch sie herzlich von mir gegrüßt :-)

Erneute Antwort Bastian Sicks: 

Lieber Eric,

deine Grüße habe ich sofort weitergeleitet – Henry und Sibylle haben sich sehr gefreut. Dass dir die Kolumne „Der traurige Konjunktiv“ besonders gefällt, freut wiederum mich sehr, denn auch ich mag sie sehr und habe sie seit Kurzem wieder im Programm, wenn ich irgendwo zu einer Lesung bin, so wie demnächst in Oldenburg (am 28.4.). Dazu gehört auch die „Ode an den Konjunktiv“, die in meinem jüngsten Buch („Dativ 6“) erschienen ist und die dir bestimmt gefallen wird.

Hier kannst du sie online lesen.

Und hier kannst du sie von mir vorgetragen hören und sehen.

Was hat übrigens deine Lehrerin gesagt? Ich hoffe, meine Klarstellung hat sie nicht verletzt. Immerhin hat sie dich auf meine Bücher aufmerksam gemacht, dafür bin ich ihr zu Dank verpflichtet. Also bestell ihr bitte meine Grüße! Eine fröhliche Schulzeit wünscht dir dein

Bastian Sick


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3 Kommentare

  1. Ach, schriebe doch die Hälfte der Neuntklässler nur halb so gut wie dieser Eric Piotraschke! Es ist eine Wohltat, seine Zeilen in so fehlerfreiem, sauber formulierten Deutsch zu lesen. Gäbe es mehr seines Schlages, könnte man sich sogar in die Social-Media-Welten wagen, die derzeit einfach nur abstoßend sind ob der unterbelichteten Schreiber – vom Inhaltlichen ganz zu schweigen.

  2. Melanie Herzig

    Lieber Eric, danke, ich hab mich gerade königlich amüsiert. Ich wusste schon immer, dass du ein Guter bist, das hat Herr Sick schon sehr treffend erkannt.

  3. Wie ist das eigentlich bei „Bud Spencer & Terence Hill Filme“

    Ist es „Bud-Spencer-&-Terence-Hill-Filme“ oder „Bud Spencer & Terence Hill-Filme“?

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