Donnerstag, 21. September 2017
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Macht es Sie traurig, wenn „Fehler plötzlich richtig sind“?

2014-11-15 Würzburg - 28
FOTO: MIT MONA TRABOLD IM SAALBAU LUISENGARTEN AM 15.11.2014

Sehr geehrter Herr Sick,

mein Name ist Mona Trabold. Seit einiger Zeit nehme ich mir vor, Ihnen zu schreiben, doch erstens bin ich mir nicht sicher, ob Sie antworten und zweitens mache ich mir Sorgen darum, wie Sie meine Sprache beurteilen. Noch gehe ich in die Schule, doch da mich Sprachen wirklich faszinieren, habe ich vor, mich damit in Form eines Studiums weiter zu beschäftigen.

Gestern besuchte ich dann Ihr Programm in Würzburg (Ich bezweifele, dass Sie sich an mich erinnern: Ich habe kurzes, blondiertes Haar und trug ein dunkles, rotfarbenes Kleid), und Sie beeindruckten mich. Die Frage, die ich mir schon eine Weile stelle, hängt mit Ihrem Bezug zur Sprache zusammen. Sie haben bereits eine gewisse Entwicklung der deutschen Sprache miterlebt. Wie gehen Sie mit dieser Veränderung um? Macht es Sie traurig, wenn „Fehler plötzlich richtig sind“ oder sehen Sie diese Entwicklung als natürlich an? Glauben Sie nicht, dass ein Teil der Kultur verloren geht, wenn immer mehr Englisch in unser Deutsch miteinfließt? Eine weitere Frage deutete ich bereits am Anfang der E-mail an: Wie betrachten Sie die Menschen um sich herum? Mich macht es schon wahnsinnig, wenn nicht einmal mein Deutschlehrer als und wie unterscheiden kann, geschweige denn den korrekten Imperativ verwendet. Wie halten Sie das aus?

Ihrem Vortrag zuzuhören war überaus entspannend. Es ist ein schönes Gefühl zu erkennen, dass jeder im Raum an der Sprache interessiert ist, denn in der Schule sind Schüler am wenigsten daran interessiert, was sie zu lernen haben. Vor allem das Sprechen dient nur zur Kommunikation und solange das Gegenüber versteht, was zum Beispiel „Alter! Die Schrift von dem Lehrer is‘ noch viel hässlicher wie meine! Darauf komm ich echt net klar“ heißen soll, macht sich niemand Gedanken darüber, wie viel mehr mit Worten gestaltet werden kann.

Mit freundlichen Grüßen (Können Grüße freundlich sein? Besser gesagt: Können sie unfreundlich sein? Wenn ich jemandem einen Gruß ausrichte, meine ich es dann nicht immer gut?)

Mona Trabold, Klingenberg am Main

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11 Kommentare

  1. Hurra – endlich mal eine Schülerin, die erkennt, worin das Problem liegt. Meine Verehrung – verbunden mit der Befürchtung, dass Sie die unweigerliche Frustration im Laufe Ihres Berufslebens kabarettistisch aufarbeiten müssen, um nicht in der Klapsmühle zu landen.

    Mit freundlichen Grüßen (!!!)

    Joachim Roller, der gerade zuviel korrigert hat.

  2. Heike Bielow-Rehfeld

    Klasse geschrieben! Sie spricht mir aus dem Herzen. Wenn schon Lehrer nicht mehr richtig sprechen, wie sollen es dann die Schüler lernen? HILFE, wohin soll das führen? Also mich macht das auch krank. Man darf nur nichts kritisieren, schon gar nicht bei Facebook, dann wird man zum Feind. Viele meinen ja, dass es wichtiger sei, überhaupt miteinander zu kommunizieren. Natürlich ist es wichtig, aber muss deshalb unsere schöne deutsche Sprache aussterben?

  3. Leider (oder vielleicht ist es auch besser so) besuchen ja nur diejenigen die Veranstaltung von Herrn Sick, die es gar nicht nötig hätten, weil sie im Umgang mit der deutschen Sprache ohnehin schon gewandt sind. Aber was sollten dort auch die anderen, hätten sie doch nichts zu lachen. Zumeist sind es auch ältere Semester, denen ein strengerer Unterricht, wie er früher wohl üblich war, nicht geschadet zu haben scheint. Umso mehr freut es, dass Sie, liebe Frau Trabold (sind Sie denn auch immer lieb?), die Fahne der jungen Generation hier so hochhalten. Die kleinen Fehlerchen im Beitrag verschmerzt man gern ob der sonst so reifen Wortwahl. Ich bin in etwa im zarten Alter von Herrn Sick. Mich regen die schlimmen Zustände im Umgang mit der deutschen Sprache quer durch alle, selbst seriöse Medien kolossal auf – nur um statt seiner auf die Frage nach der Sprach“entwicklung“ zu antworten.

    (…) Grüße aus Halle
    Heike Germo

  4. Mich macht es traurig, wenn bisher richtiges pötzlich zum Fehler wird.

    Ich wohne gar nicht so weit weg von Klingenberg am Main und ich gehöre zu den Menschen, die versuchen, ihren Dialekt so lange es geht am Leben zu erhalten. Ich sehe meine unterfränkisch-taubergründische Muttersprache aber sterben.

    Es ist noch gar nicht so lange her, da wusste ich zwar, was der Unterschied zwischen als und wie ist, aber ich wäre nie im Leben drauf gekommen, in gesprochener Sprache „als“ zu verwenden. Damit gehöre ich zu den wenigen in meiner Generation. Ich bin 37.

    Meine Kinder werden trotz meiner Bemühungen meinen Dialekt nicht mehr sprechen können, aber ich hoffe zumindest noch verstehen.

    Ich persönlich glaube nicht, dass „ein korrekt verwendeter Imperativ“ alles besser machen würde. Ich glaube eher, „dass ein Teil der Kultur verloren geht“, wenn man diesen jedem abverlangen würde.

    • Dialekt ist etwas Schönes. Es vermittelt das Gefühl von Heimat. Ich, Jahrgang 1971, wurde in einem Viergenerationenhaus groß. Mein Uropa, Jahrgang 1891, sagte unverblümt:“Isch gäi uffn Abort brunze.“ Auch der Spruch „gäi mol bei misch“ war gängig.
      Mir fehlt das Rechtschreibgen. Ich lerne nur mühsam und vieles entscheide ich aus dem Bauch heraus. Es mag Menschen geben, die Dialekt reden und fehlerfrei schreiben können, ich nicht.
      Ich bin über alles dankbar, das richtig geschrieben oder gesprochen wird.
      Auch wenn ein Teil der Kultur verloren geht, sage ich lieber „Ich gehe zur Toilette.“.

  5. Da hat die junge Frau ja mal Pech … 🙂 – meine LehrerInnen haben sämtlich ziemlich reines Hochdeutsch gesprochen, von ein bisschen ostwestfälisch-niedersächsischem „Einschlach“ mal abgesehen …
    Man darf über den eigenen Perfektionsansprüchen (und mir fällt korrektes Deutsch auch leicht!) nicht vergessen, dass andere eben sehr oft … ganz andere Talente besitzen – und glücklich(er) wird, wer seine Ohren „auf Durchzug“ stellen kann.

  6. Guten Tag Frau Trabold, guten Tag Herr Sick, ich bin selbst Deutschlehrerin an einer Grundschule und bemühe mich, meine Schüler für Ihre Muttersprache zu begeistern. Die geschilderten Beobachtungen sind mir nur allzu bekannt, nicht nur die Schüler betreffend. Auch mich macht es teils wütend, teils besorgt, wenn nicht einmal Lehrer korrekt sprechen. Zum genannten Beispiel „als-wie“ erhielt ich einst folgende Antworten: „Ich bin kein Deutschlehrer, ich muss das nicht!“ und „Das ist Mundart. Ich darf das.“
    Mich erfreut es, dass es junge Menschen gibt, denen ihr Sprachgebrauch nicht ganz gleichgültig ist. Prima!!!

  7. Andererseits, wie langweilig wäre es, wenn alle alles richtig machten! Welch riesiges Feld intellektueller Betätigung ginge uns verloren! Und es gibt kaum eine preiswertere Quelle eigenen Selbstwertgefühls als die Fähigkeit, aufgrund eigener Kenntnis der Sprache immer wieder zu merken, dass andere, auch vermeintliche Autoritätspersonen wie Lehrer, auch nur mit Wasser kochen.
    Die von vielen beklagten „Variationen“ im Sprachgebrauch werden wohl angesichts der modernen Kommunikationsentwicklung nicht verschwinden. Man sollte darauf deshalb nicht mit Sorge, Wut oder Trauer reagieren, sondern es als lebenslange Herausforderung ansehen. Das mag eine Sisyphusarbeit sein, aber für das, was für Sisyphus damals Strafe war, zahlen wir heute teure Fitnessklubgebühren. Es gibt keinen Grund, den ewigen Kampf um die deutsche Sprache nicht genauso sportlich anzugehen.

    • Tja, das mit den Lehrern ist so eine Sache. Ich habe „was mit Sprachen“ gelernt, und mußte während meiner Ausbildung feststellen, daß mein Deutsch trotz Abitur und guter Noten eher mittelmäßig war.

      In 35 Jahren als nebenberufliche Nachhilfelehrerin mußte ich ebenfalls feststellen, daß es die wenigsten Lehrer schaffen ihren Schülern z. B. den Unterschied zwischen wie und als zu vermitteln. Eine Sache, die eigentlich in 1 Minute erklärt und verstanden werden kann.

      Nichts gegen Dialekte, ein hochinteressantes Thema, bei dem man viel über die Geschichte der Sprache und die Einflüsse auf die Sprache lernen kann.

      Nehmen Sie willkürlich eine Tageszeitung, eine Internetseite, ein Buch – Fehler über Fehler. Wenn dann noch so tolle „Textverarbeitungsprogramme“ dazukommen, die hinter jedem Komma aus das ein dass machen. Da kann ich mich richtig aufregen.

      Als Übersetzerin mußte ich die Erfahrung machen, daß man deutsche Texte, insbesondere Briefe nicht einfach übersetzen kann, denn die Verfasser meinten häufig etwas völlig anderes, als das was sie geschrieben hatten.

      Mein Deutsch ist nicht perfekt, das konnte ich in den wundervollen Tests feststellen. Ich arbeite aber daran!

      Ganz schlimm finde ich es, daß das Sprachverhalten und das Interesse für die deutsche Sprache gerade heute so gering ist. Nie war es einfacher, sich Informationen zu verschaffen, sei es über die Schreibweise eines Wortes, die Bedeutung, den Gebrauch usw.

      Mit großem Vergnügen lese ich seit einigen Monaten diese Seiten und bin Herrn Sick einfach nur dankbar, daß es noch Menschen gibt, die sich wirklich mit der deutschen Sprache auseinandersetzen.

      Meine Ermutigung an Frau Trabold: bleiben Sie kritisch, bleiben Sie lernbereit, lassen Sie sich nicht verunsichern, auch wenn sie zum 50. Mal Standart anstatt Standard gelesen haben.
      Meine Empfehlung: neusprech.org

      Hochachtungsvoll

      plumperquatsch 😀

  8. „Komm wir essen Opa.“
    „Komm wir essen, Opa.“

    Satzzeichen können Leben retten!

    • Heute habe ich so viel gelacht, wie lange nicht mehr. Aus Gedankenlosigkeit und Unwissen entstehen wirklich drolligste Situationen. Ich freue mich immer wieder daran, wenn ich Menschen begegne, die mit unserer Sprache sorgfältig und auch spielerisch umgehen. Meine Ohren und meine Seele können entspannen, wenn sich Sprache fehlerfrei entfaltet, ich fühle mich bereichert, wenn mein Gegenüber fehlerfrei und wortgewandt zu mir spricht. Dialekt, macht mich eher ein bißchen hilflos, weil es vorkommt, dass ich nicht verstehe, dass ich die Laute nicht zu Worten verbinden kann und den Eindruck habe, es handle sich um eine Fremdsprache. Dennoch bewundere ich manchmal die Kunstfertigkeit, die in einem Dialekt liegen kann. Und dem Gedanken, Dialekt sei Heimat und Kultur, kann ich gut beipflichten. Die Abstumpfung unserer Sprache in Schrift und Wort durch die Rechtschreibreform aber macht mich traurig und ärgerlich, ich finde, wir machen es uns zu leicht mit der Aufweichung von Regeln zugunsten der anscheinend willkürlichen Klangnachbildung. Die Änderung der Schreibweise von Portemonnaie zu Portmonee, zum Beispiel, macht mich regelrecht unglücklich, schreibende Hand und Auge fühlen sich beleidigt, und ich möchte manches Wort vor dem Verschwinden aus unserer Sprachwelt bewahren. Dass Fehler plötzlich richtig werden, wie es oben angesprochen wurde, besorgt mich. Wenn ich Rechtschreibfehler der Lehrerin meines Kindes korrigieren muss, damit mein Kind lernen kann, was richtig ist, ist dies auch mir peinlich.
      Ich habe heute die Aufzeichnung Ihrer Sendung „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ gesehen, Herr Sick, und es sehr genossen. Auch das Lesen der Kommentare auf dieser Seite war mir eine Freude. Ich danke vielmals.

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