Samstag, 25. November 2017
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Äpfelmus, Kartoffelnsalat und Nüssetorte

Äpfelmus, Kartoffelnsalat und Nüssetorte
FOTO: KARTOFFELSALAT, QUELLE: WIKIPEDIA

Frage eines Lesers aus Münster: Verehrter Zwiebelfisch, ich habe eine Frage zur Kartoffel ? und zum Apfel. Müsste es, wenn es um Salat aus Kartoffeln geht, nicht Kartoffelnsalat heißen? Und beim Mus aus Äpfeln nicht Äpfelmus? Beim Mus aus Pflaumen heißt es doch auch Pflaumenmus. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort!

Ihr Alfred Karg

Antwort des Zwiebelfischs: Lieber Herr Karg! Die Antwort ist vermutlich nicht ganz so leicht verdaulich, wie man es bei einer derart appetitanregenden Frage vermuten sollte. Selbst der Duden räumt ein: »Es gibt keine ausnahmslos gültige Regel. Entscheidend für die Anwendung der Singular- oder Pluralform ist jeweils der Sprachgebrauch im Einzelfall.« So viel lässt sich immerhin feststellen: Bei Zusammensetzung mit Obst und Gemüse als erstem Bestandteil stehen das Obst und das Gemüse für gewöhnlich in der Einzahl:

Apfel + Kompott = Apfelkompott

Kartoffel + Mus = Kartoffelmus

Nuss + Torte = Nusstorte

Die Grammatik lässt es dabei völlig kalt, dass für ein Kompott und ein Mus immer mehrere Früchte einer Sorte nötig sind. Äpfelkompott, Kartoffelnmus und Nüssetorte wären vielleicht logisch, aber Logik und Grammatik sind bekanntlich zwei Paar Schuhe.

Die Grammatik hält sich hier an andere Zusammensetzungen wie »Haustür« oder »Busfahrer«, die ebenfalls nicht zu Häusertüren oder Bussefahrern werden, selbst wenn es um die Türen verschiedener Häuser und die Fahrer verschiedener Busse geht.

Endet die Frucht auf einen unbetonten Vokal (wie die Birne, die Orange, die Feige oder die Pflaume), wird ein Fugenzeichen eingeschoben, in diesem Fall ein »n«. Das heißt aber nicht, dass Birne, Orange, Feige und Pflaume dadurch plötzlich in der Mehrzahl stünden. Das »n« kittet nur die Fuge zum folgenden Wort:

Birne + »n« + Gelee = Birnengelee (= Gelee von der Birne)

Orange + »n« + Saft = Orangensaft (= Saft von der Orange)

Pflaume + »n« + Mus = Pflaumenmus (= Mus von der Pflaume)

Beere + »n« + Konfitüre = Beerenkonfitüre (= Konfitüre von der Beere)

Doch keine Regel ohne Ausnahmen, und davon gibt es im deutschen Obstgarten reichlich. Während die gewöhnliche Beere zur Beerenkonfitüre wird, werden »spezialisierte« Beeren wie die Erdbeere, die Himbeere und die Stachelbeere nicht zu Erdbeerenkonfitüre, Himbeerengelee oder Stachelbeerentorte. Wenn der Beere ein Bestimmungswort (»Erd-«, »Him-«, »Stachel-«, »Brom-« etc.) vorausgeht, fällt das unbetonte »e« am Ende der Beere weg, und ein Fugenzeichen gibt’s dann auch nicht mehr: Aus Maul, Beere und Baum wird – schnippschnapp, »e« ab – der Maulbeerbaum (nicht: Maulbeerenbaum).

Auch die Kirsche hält sich offenbar für eine spezialisierte Beere, denn auch sie lässt ihr unbetontes »e« einfach fallen, wenn sie eine Wortverbindung eingeht. Sie wird also nicht – wie in obiger Regel – zu Kirschensaft und Kirschenkuchen, sondern zu Kirschsaft und Kirschkuchen.

Und selbst die Birne erweist sich als wankelmütiges Wesen. Liegt sie in der Kompottschüssel, ist es »Birnenkompott«. Hängt sie aber am Baum, dann ist?s kein Birnenbaum, sondern ein Birnbaum. Ganz nach Art der Kirsche, die nicht am Kischenbaum hängt, sondern am Kirschbaum. Die Pflaume indes behält ihr »e« und hängt am Pflaumenbaum. Allerdings spricht sich das bei uns im Norden wie »Flaumbaum«, was aber eher an der ortsüblichen Trägheit bei der Aussprache als an irgendeiner grammatischen Regel liegt. Der Saft aus Birnen ist hingegen nicht Birnsaft, sondern Birnensaft, während der Saft aus Kirschen nicht Kirschensaft ist, sondern nur Kirschsaft. Das ist zugegebenermaßen verwirrend. Nicht umsonst besagt ein alter Rat: Man soll Kirschen nicht mit Birnen vergleichen.

Über eine ganz ähnliche Frage haben sich vor langer Zeit die Komiker Karl Valentin und Lisl Karlstadt auf äußerst amüsante Weise den Kopf zerbrochen. Es ging dabei um den Semmelknödel. Valentin behauptete, es müsse »Semmelnknödel« heißen, weil so ein Knödel schließlich aus mehreren Semmeln und nicht bloß aus einer Semmel gemacht sei. Und auf Lisl Karlstadts Frage, wie man dann zu einem Dutzend Semmelknödel sagen müsse, antwortete er mit Bestimmtheit: »Semmelnknödeln!«

Valentins »Semmelnknödeln« stammen aus dem Jahr 1940 und zählen zu den Klassikern im deutschen Sprachkabarett. Sie werden immer wieder gern serviert, wenn es darum geht, die Unlogik des deutschen Zusammensetzungsprinzips zu entlarven.

 

Sehr herzlich grüßt Sie Ihr Bastian Sick


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6 Kommentare

  1. Bernd Schwintowski

    Ganz anders verhält es sich jedoch bei Semmelnbröseln. Das hat weiland schon Karl Valentin eindringlich erläutert.

    • …. nicht so ganz, denn Karl Valentin (mit F gesprochen, „… denn es heißt ja auch Vater und nicht Water“ – er selbst), also K.V. erläuterte Liesl Karlstadt, dass selbst EIN Semmelknödel aus mindestens zwei alten Semmeln bestehen muss, demgemäß wäre das dann ein Semmelnknödel, aber es wird ja gar nie nur einer zammabatzt, immer gleich mehrere bis viele, drum heißen sie auch unerbittlich Semmelnknödeln.

  2. Guten Tag,
    gilt dies nur für Obst und Gemüse? Wie ist diese Regel bei anderen Lebensmitteln?

    Ich denke natürlich an die „Semmelnknödeln“ des Karl Valentin 😉

    Herzlich grüßt

    MaWi

  3. Rainer Göttlinger

    Und wie ist das jetzt beim Hundekuchen?

  4. Leo Reiffenstein

    Es gibt auch regionale Unterschiede: so isst der Österreicher gerne Schweinsbraten, während der Deutsche Schweinebraten bevorzugt, ebenso verhält es sich mit Rindsbraten und Rinderbraten. Völlig absurd wird es aber, wenn der deutsche Gast in Wien ein Quarktäschchen verlangt und nach längerem Zögern eine Topfengolatsche erhält!
    Beste Grüße aus Wien,
    Leo Reiffenstein

  5. Walter F. Steinböck

    Karl Valentin und seine Lisl im Original:

    Karlstadt: Nein, man sagt schon von jeher Semmelknödel.
    Valentin: Ja, zu einem ? aber zu mehreren Semmelknödel sagt man Semmelnknödeln.
    Karlstadt: Aber wie tät man denn zu einem Dutzend Semmelknödel sagen?
    Valentin: Auch Semmelnknödeln ? Semmel ist die Einzahl, das mußt Ihnen merken, und Semmeln ist die Mehrzahl, das sind also mehrere einzelne zusammen. Die Semmelnknödeln werden aus Semmeln gemacht, also aus mehreren Semmeln; du kannst nie aus einer Semmel Semmelnknödeln machen. [?]
    Valentin: [?] solang die Semmelnknödeln aus mehreren Semmeln gemacht werden, sagt man unerbitterlich: Semmelnknödeln.

    Daher: Semmelknödel!

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