Donnerstag, 9. Juli 2020
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Der oder das Virus?

Im Treppenhaus kommt mir meine Nachbarin Frau Jackmann entgegen. »Es gibt wieder Klopapier!«, ruft sie triumphierend, noch völlig außer Atem. Ich blicke auf ihre Einkaufstasche und muss lachen: »Aber jetzt wohl nicht mehr. Sieht so aus, als hätten Sie alle Rollen gekauft!« – »Na ja, einen solchen Engpass will ich kein zweites Mal erleben!« – »Kennen Sie den Witz, wieso es kein Klopapier mehr gibt?«, frage ich. »Einer niest, und 500 machen sich in die Hose!« Frau Jackmann findet das nur bedingt komisch: »Mit dem Virus ist nicht zu spaßen!«

Damit hat sie natürlich recht. Die aktuelle Pandemie hält unser Land im Würgegriff und sorgt für große Verunsicherung. Das fängt schon beim Wort »Virus« selbst an; denn es herrscht Verunsicherung darüber, ob es sich dabei um ein männliches oder ein sächliches Wort handelt. In der Fachsprache ist »Virus« sächlich, da es aus dem Latein kommt, wo es »Schleim« und »Gift« bedeutet und ein sächliches Wort ist. Das ist zugegebenermaßen sehr ungewöhnlich, denn Wörter, die auf »-us« enden, sind in der Regel männlich. Aber schon im Latein gab es Ausnahmen, und das Virus ist eine davon. In der Alltagssprache hat sich beim Virus jedoch ein männlicher Artikel eingebürgert, weil für die Mehrheit nicht einzusehen war, warum Latein derart unlogisch sein sollte. Dem tragen auch unsere Wörterbücher Rechnung. Laut Duden ist es zulässig, »Virus« mit männlichem Artikel zu gebrauchen. Für die Mediziner wird es weiterhin »das Virus« heißen, weil sie schließlich viel Mühe und Fleiß in den Erwerb des großen Latinums investiert haben.

Wörter mit schwankendem Genus gibt es übrigens eine Menge, was kein Wunder ist, zumal das Wort »Genus« selbst zwischen männlichem und sächlichem Geschlecht schwankt. Es ist – wie »Virus« – im Latein sächlich, also ebenfalls ein Ausnahmefall. Auch das Wort »Corpus« ist im Latein sächlich, weshalb es in Strafprozessen meistens um »das Corpus Delicti« und nicht um »den Corpus Delicti« geht. Eingedeutscht zu »Korpus« ist es aber männlich, besonders wenn man damit den Klangkörper von Instrumenten meint.

Regelmäßig verunsichert sind wir auch bei Wörtern wie »Zölibat« (für Theologen männlich, standardsprachlich aber sächlich), »Radar« (fachsprachlich »das«, standardsprachlich »der«) und »Python« (tatsächlich männlich, also »der Python«; da das Wort »Schlange« aber weiblich und der Python nun mal eine Schlange ist, sagen viele »die Python«). Nicht zu vergessen der Krake, der aus dem Norwegischen kommt, wo er »kraken« heißt und männlich ist. Wäre er weiblich, hieße er »kraka«. Dass der Krake im Deutschen trotzdem immer wieder als ein weibliches Wort empfunden wird, liegt an der Endung: Viele deutsche Wörter, die auf einem unbetonten »-e« enden, sind weiblich, wie die Flöte, die Kröte, die Ente, die Möwe. Nicht aber der Löwe, der ist männlich – was beweist, dass es auch im Deutschen mit den Endungen nicht immer ganz logisch zugeht.

Vom Virus weiß man, dass es nicht nur sein Geschlecht verändern kann, sondern auch sich selbst, indem es mutiert. Manchmal mutiert aber auch nur die Rechtschreibung. So war in der »Ostsee-Zeitung« kürzlich von einem »Corina-Virus« zu lesen. Dadurch erscheint die Frage des Geschlechts in einem neuen Licht: Mag »Virus« männlich oder sächlich sein, die Corina ist auf jeden Fall weiblich.


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Ein Kommentar

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    Anmerkung zum „großen Latinum“ der Mediziner: Um Medizin zu studieren, reichte früher das „kleine Latinum“, aber schon seit längerer Zeit benötigt man überhaupt kein Latinum mehr.

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