Donnerstag, 9. Juli 2020
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Verhofft kommt nicht so oft

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Wirsch oder unwirsch, das ist hier die Frage, nicht nur für König Kalle, sondern für uns alle.

Unvernunft begegnet man mit Vernunft, Unhöflichkeit mit Höflichkeit. Doch wie begegnet man Unverfrorenheit und Unverblümtheit? Mit Verfrorenheit und Verblümtheit? Von einer ganzen Reihe von Un-Wörtern scheinen uns die dazugehörigen Wörter zu fehlen.

Es gibt Tage, an denen bin ich ziemlich unwirsch, ohne zu wissen, woher das eigentlich kommt und was das zu bedeuten hat. Das ist natürlich kein Zustand. Also habe ich recherchiert, woher das Wort »unwirsch« kommt und was es genau bedeutet. Ich fand heraus, dass »unwirsch« die Bedeutung »mürrisch, griesgrämig« hat und dass es auf »unwirde« zurückgeht, ein altes Wort für »unwert« im Sinne von »verächtlich«. Unwirsch zu sein ist also nicht unbedingt erstrebenswert. Da bin ich doch lieber das Gegenteil. Doch wie lautet das Gegenteil von »unwirsch«? Ist es »wirsch«? Das Wort »wirsch« gibt es, doch es hat mit »unwirsch« nichts zu tun. Es kommt von »wirr« und bedeutet »grob«, »schroff«, »verärgert« oder »zornig«. »Wirsch« ist also keinen Deut besser als »unwirsch«. Und während ich im Wörterbuch blätterte, fiel mir auf, dass »unwirsch« beileibe nicht das einzige Wort mit der negativen Vorsilbe »un-« ist, dem das positive Pendant entweder nicht passen will oder das gar keines hat.

In einigen Fällen mit »un-« ist das Grundwort früh verschwunden, so wie bei »ungestüm«, zu dem es im Mittelhochdeutschen noch das Gegenstück »gestüeme« in der Bedeutung »ruhig«, »sanft« gab. Vom althochdeutschen Wort »flāt«, das Sauberkeit bedeutete, ist uns nur noch der »Unflat« geblieben. Und als Gegensatz zu »Ungeziefer« gab es einst das »Geziefer«, das »Opfertier« bedeutete. Alle Tiere, die es nicht wert waren, geopfert zu werden, waren folglich Ungeziefer. Weil das Opfern von Tieren mit zunehmender Ausbreitung des Christentums zurückging, wurde das Wort Geziefer irgendwann nicht länger gebraucht und verschwand. Das Ungeziefer hingegen ist bis heute geblieben.

In anderen Fällen mit »un-« hat das Grundwort nie allein existiert. Im Wörterbuch stehen der Unhold und das Ungetüm, doch nach dem Hold und dem Getüm sucht man vergebens. Zwar gibt es das Adjektiv »hold« und die »Holdseligkeit«, doch vom guten, braven Hold fehlt jede Spur. Kein Wunder, denn einen Hold ohne »un-« hat es nie gegeben, ebenso wenig ein »un«-loses Getüm.

Unzähligen »un«-Wörtern fehlt die positive Grundform, und »unzählig« zählt selbst dazu, denn von »zähligen Wörtern« hat man noch nie gehört. Es gibt »unausweichlich«, aber nicht »ausweichlich« – außer in Texten, in denen es mit der Präposition »ausweislich« verwechselt wurde. Es gibt »unbändig«, aber nicht »bändig«. Der Mensch hat Dinge erfunden, die »unverwüstlich« sind, aber keine, die »verwüstlich« wären. Man kennt »unglaubliche« Geschichten, aber keine »glaublichen«. Und man kann sich noch so gut benehmen und wird doch nie für seine »gehobelten Manieren« gelobt.

Auch die Wörter »ersättlich«, »verbrüchlich« und »verhofft« gibt es nur als Negativ. »Unverhofft kommt oft«, lautet eine Redewendung. »Verhofft« hingegen kommt nicht so oft, was daran liegt, dass es nicht existiert*.

Auch bei »gefähr« führt die Suche ins Nichts, was daran liegt, dass »ungefähr« gar kein echtes »un«-Wort ist. Es entstand nämlich aus den Wörtern ane gevaere, »ohne Gefahr«, und bedeutete in der mittelalterlichen Rechtssprache so viel wie »ohne böse Absicht«. Zahlen und Maße wurden vor Gericht stets mit dem Zusatz »ohne Gefahr« angegeben, um zu versichern, dass eventuelle Ungenauigkeiten »ohne böse Absicht« gewesen seien.

Mein Freund Henry ist jemand, der sich mit fehlenden Wörtern nicht zufriedengibt. »Zu jedem Unding gibt es auch ein Ding«, sagte er, »und wenn es nicht im Duden steht, dann muss man es halt erfinden. Das ist förderlich für die innere Ausgeglichenheit. Wenn du den einen Tag unpässlich bist, dann bist du am anderen eben wieder pässlich.« – »Und wenn mir jemand zu unbedarft ist, stelle ich ihn mir bedarft vor«, sagte ich. »Genau. Was du nicht unverblümt sagen magst, das sagst du eben verblümt. Und wenn du mit unverfrorenen** Forderungen konfrontiert wirst, änderst du sie in verfrorene.« Ein liebsames Prinzip, mit dem man sägliches Vergnügen haben kann. Zwar bringt es nichts, statt unwirsch wirsch zu sein, doch macht es Spaß, in jedem Menschen, der kein Unhold ist, einen Hold zu sehen und in jedem Unfug auch den darin verborgenen Fug.

Zu guter Letzt gibt es »un«-Wörter, die zwar ein Positiv besitzen, welches aber im Laufe der Zeit eine andere Bedeutung angenommen hat, so dass es nur noch dem Anschein nach einen Gegensatz ausdrückt. Das ist zum Beispiel bei »ungemein« und »gemein« der Fall oder bei »unscheinbar« und »scheinbar«. Das Gegenteil von »ungemeiner Freude« ist jedenfalls nicht »gemeine Freude«, und das Gegenteil eines »unscheinbaren Weibchens« ist kein »scheinbares Weibchen«.

Anlässlich des Deutschlandbesuchs von Königin Elisabeth II. schenkte ich Henry eine ziemlich geschmacklose Winkefigur, auf die er sehr verhalten reagierte. »Was ist los?«, fragte ich. »Gefällt sie dir nicht? Sibylle habe ich auch so eine geschenkt, die hat sich unheimlich gefreut!« Henry erwiderte: »Ich freue mich lieber heimlich!«

*Die Jägersprache kennt das Verb »verhoffen«, das »horchen«, »Witterung aufnehmen« bedeutet. Mit »unverhofft« hat es nichts zu tun.

**unverfroren = volksetymologische Umbildung des nicht mehr verstandenen niederdeutschen »unverfehrt« = »unerschrocken«

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