Donnerstag, 21. Oktober 2021

Bei zuen Gardinen und ausem Licht

Ein Merkmal von Adverbien ist, dass sie sich nicht beugen lassen. So lehrt es die Lehre. Dem Volksmund ist das herzlich egal. Für den sind danebene Sätze okaye Lösungen. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Das alljährliche Treffen zum Adventstee bei meiner Freundin Sibylle durfte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, allein schon wegen der Plätzchen nicht: Sibylle kann nämlich meisterlich backen. Während ich also an den Plätzchen knabbere, löchert mich ein junger Mann mit Fragen. Unter anderem will er wissen, ob ich im Privatleben ein Ordnungsfanatiker sei. Wer sich so leidenschaftlich mit der Sprache und ihren Regeln beschäftige, der lebe doch höchstwahrscheinlich in einer picobello aufgeräumten Welt, vermutet er. Ich kann nicht bestreiten, dass ich Ordnung sehr schätze und dass ich schnell nervös werde, wenn Dinge nicht an ihrem gewohnten Platz liegen. Noch nervöser allerdings würden mich offen stehende Schranktüren machen, verrate ich ihm, das sei ein regelrechter Tick von mir. Da muss Sibylle lauthals lachen: „Na bitte: Der Herr Sick hat einen Tick! Als hätten wir’s nicht immer schon geahnt!“ Ich werde etwas verlegen und murmele: „Der eine ist abergläubisch, der andere hat Höhenangst, und ich … nun ja“ — „Und du erträgst eben keine aufen Türen!“, vollendet Sibylle den Satz. Womit sie mal wieder genau ins Schwarze getroffen hat; denn wer sich von offen stehenden Türen nervös machen lässt, den bringen „aufe“ Türen erst recht aus der Fassung — wenn nicht gar aufe Palme.

Das Wort „auf“ hat vor der Tür nichts zu suchen, es kommt eigentlich nur dann zum Einsatz, wenn der Vorgang des Öffnens ausgedrückt wird, also bei aufgehen, aufmachen, aufschließen oder aufbrechen. Wenn der geöffnete Zustand ausgedrückt wird, ist „offen“ die bessere Wahl: offen stehen, offen sein, offen bleiben. Mit dieser Unterscheidung nimmt es die Umgangssprache allerdings nicht so genau, daher hört man häufig, dass etwas auf sei, wenn es eigentlich offen ist. So können nicht nur Menschen aufstehen, sondern auch Türen; Restaurants und Geschäfte können auf sein (im Münsterland können sie sogar los haben!), und wenn Kinder abends zu lange aufbleiben, kann es sein, dass ihre Augen irgendwann nicht mehr aufbleiben. So weit, so gut. Es gibt aber noch einen anderen Unterschied zwischen „offen“ und „auf“: „Offen“ ist ein Adjektiv, und Adjektive können einem Hauptwort problemlos vorangestellt werden, weil sie sich beugen lassen und sich dem Hauptwort somit anpassen. Das Wort „auf“ ist in diesem Fall aber ein Adverb, und bis auf ganz wenige Ausnahmen taugen Adverbien nicht als Beifügung (Attribut) vor einem Hauptwort.

Im norddeutschen Sprachraum ist es nicht unüblich, die Wörter an, aus, auf, zu, dran und ab wie Adjektive zu behandeln und sie einem Hauptwort voranzustellen. Für Sibylle ist es sogar die natürlichste Sache der Welt. Als ich ihr einmal ein Foto von mir mit kurz geschorener Frisur zeigte, rief sie überrascht: „Oh, du — mit abben Haaren!“

Auf einer Fahrt durch Mecklenburg standen wir einmal an einer Straßenkreuzung und wussten nicht weiter. „Nehmen wir die linke Straße oder die rechte?“, fragte ich. „Wir nehmen die geradeause!“, beschloss Sibylle.

Und nie werde ich’s vergessen, wie wir im Aufzug der Universität standen und sich ein Student mit einer brennenden Zigarette zwischen uns drängte. Rauchen war damals im Uni-Gebäude noch erlaubt, aber freilich nicht im Fahrstuhl. „Ist das zu fassen?“, empörte sich Sibylle daher zu recht, „mit ’ner annen Zigarette!“

Ehe man sich’s versieht, werden in der norddeutschen Umgangssprache aus geschlossenen Fenstern zue Fenster, weiter südlich können es auch zune Fenster oder zuene Fenster sein, auf eine einheitliche Form hat man sich noch nicht einigen können. Was vom Duden als „saloppe Umgangssprache“ beschrieben wird, findet gelegentlich Eingang in Publikationen, die sich eigentlich weder als salopp noch als umgangssprachlich verstanden wissen wollen. So behauptete die Karlsruher Internet-Zeitung ka-news.de in einem Bericht über Kleidung im Büroalltag: „Für Frauen sind ein längerer Rock und zuene Schuhe das ideale Büro-Outfit.“

Als ich Sibylle dieses bemerkenswerte Fundstück präsentierte, stellte sie kopfschüttelnd fest: „So was kann man doch nicht schreiben, das ist doch ein total danebener Satz!“ Darin konnte ich ihr nur zustimmen. Adverbien lassen sich nicht beugen — und auch nicht steigern. Von solchen Hinweisen zeigt Sibylle sich freilich völlig unbeeindruckt. Ihr macht es viel mehr zu schaffen, dass sie ihre Oma jetzt nicht mehr so einfach besuchen kann, weil sie in ein „weiter weckes Krankenhaus“ verlegt worden ist.

An diesem Adventssonntag ist Sibylle wieder in Höchstform. „Es bringt nichts, einer vorbeien Beziehung nachzutrauern“, erklärt sie einer frisch getrennten Freundin. Und zu ihrer Arbeitskollegin, die auf eine Dreiviertelstelle reduziert hat, um ihrer Kündigung zuvorzukommen, sagt sie: „Das ist doch eine okaye Lösung!“

Und auch für mich hat sie noch ein paar aufheiternde Worte parat. Den Schranktüren-Tick kenne sie nur allzu gut, ihr Ex-Freund habe sich auch immer von solchen Dingen ablenken lassen. Das sei manchmal sehr lästig gewesen, vor allem wenn sie es sich gerade ein bisschen gemütlich machen wollten. Da half dann nur eins: Licht aus! „Denn“, so schließt Sibylle verschmitzt, „bei zuen Gardinen und ausem Licht, da stören aufe Schranktüren nicht!“

(c) Bastian Sick 2007


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 4“ erschienen.

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