Samstag, 26. September 2020
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Lauter Erbauliches über laut

Die Fronten sind seit Jahren erstarrt. Auf der einen Seite stehen die Genitivisten in ihren bunten Uniformen, auf der anderen Seite die Dativisten mit ihren Federbuschhelmen. Über Stacheldraht und Gräben hinweg rufen sie sich zu: „Laut eines!“ – „Laut einem!“ Und dann werfen sie mit Fibeln und Grammatikbüchern. Ein Ende des Kampfes ist nicht abzusehen.

Überraschung für alle Genitiv-Muffel: Die Präposition „laut“ regiert den Genitiv! Ihr glaubt es nicht? Es ist aber wirklich so! Es heißt „laut des Berichtes“, ebenso „laut eines Papiers aus dem Ministerium“ und außerdem „laut Ihres Schreibens vom soundsovielten“.

Allen Genitiv-Freunden dürfte diese Information Genugtuung bereiten. Doch damit ist das Thema nicht vom Tisch. Im Gegenteil. Der Kasuskrieg tobt erbittert weiter. Die Dativ-Anhänger sind auf dem Vormarsch, und sie haben gute Argumente, die nicht so einfach von der Hand zu weisen sind. Zum Beispiel sagen sie, dass sinnverwandte Präpositionen wie „gemäß“, „entsprechend“ und „zufolge“ allesamt den Dativ regieren: entsprechend dem Bericht, gemäß dem Beschluss der Regierung, seinem Plan zufolge… Warum also nicht auch „laut“? Man täte der deutschen Sprache doch eher einen Gefallen, wenn man hier für Einheitlichkeit sorgte. Gab es zu diesem Thema nicht sogar ein Buch eines gewissen Bastian Sick mit dem Titel „Tod dem Genitiv! Es lebe dem Dativ!“ – oder so ähnlich?

Und nun, liebe Genitiv-Freunde, haltet euch fest: Laut Duden ist hinter „laut“ auch der Dativ erlaubt! Es ist also nicht falsch, „laut dem Bericht“ zu sagen, auch „laut einem Papier“ und „laut Ihrem Schreiben“ sind zulässig.

Grabenkämpfe zwischen Genitiv- und Dativ-Anhängern sind berüchtigt. Im Falle der Präposition „wegen“ zieht sich der Kampf schon seit Generationen hin, und auch wenn „wegen dem“ in der gesprochenen Sprache über „wegen des“ gesiegt hat, so gilt der Genitiv hier nach wie vor als standardsprachlich. „Wegen dem“ kann man sagen, aber schreiben sollte man es nicht.

Anders verhält es sich mit „laut“. Da haben es die Dativ-Anhänger bereits erreicht, dass auch im Schriftdeutsch der Gebrauch des Dativs gestattet ist. Es bleibt also jedem selbst überlassen, sich seinen Kasus hinter „laut“ frei zu wählen. Gemäß dem Shakespeareschen Motto: Was ihr wollt!

Übrigens: Steht „laut“ direkt vor einem Hauptwort im Singular, ohne Artikel oder Attribut, dann wird dieses Hauptwort überhaupt nicht gebeugt. Dann heißt es flexionslos: laut Gesetz, laut Bericht, laut Befehl, laut Zwiebelfisch. Man braucht also nur den Artikel zu streichen, schon herrscht Waffenstillstand zwischen Genitiv- und Dativ-Anhängern.

Doch worum geht es in diesem Krieg überhaupt? Um die Auslöschung des Genitivs? Um die Zurückdrängung des anscheinend übermächtig gewordenen Dativs? Nein, darum geht es gar nicht – in Wahrheit geht es um die Rettung der Grammatik. Welcher Kasus nun bevorzugt wird, ist zweitrangig – Hauptsache, es findet überhaupt noch eine Beugung statt!

Und nun kommt das Beste: Steht „laut“ direkt vor einem (stark gebeugten) Hauptwort im Plural, ohne einen Artikel oder ein Attribut dazwischen, dann ist der Dativ gefordert – als Retter des Genitivs! Denn der Genitiv selbst unterscheidet sich im Plural nicht von Nominativ und Akkusativ, sehen Sir selbst: die Briefe, der Briefe, den Briefen, die Briefe – der einzige Kasus mit erkennbarer Veränderung ist hier der Dativ: den Briefen. Daher heißt es: laut Briefen – nicht um dem Genitiv eins auszuwischen, sondern weil der Genitiv einfach nicht kompliziert genug ist! Der Dativ beugt sich ein Stück weiter – daher erhält er den Zuschlag.

Übrigens: Laut Wörterbuch kann die Präposition „laut“ nur vor einem Hauptwort stehen, das etwas Gesprochenes oder Geschriebenes wiedergibt. Also nicht „laut Bauplan“ oder „laut Zeichnung“ (und entsprechend wohl auch nicht „laut Malerei“, obwohl es ja die Lautmalerei gibt). Da kommt man aber ins Grübeln: Demnach müsste nämlich auch „laut Herrn Müller“ nicht korrekt sein, denn Herr Müller mag zwar viel Gesprochenes oder Geschriebenes von sich geben, doch ist er selbst immer noch ein Mensch aus Fleisch und Blut. Also nur „laut Anweisung von Herrn Müller“? Und was ist mit all den vielen „laut Bundeskanzler Schröder“ und „laut Präsident Bush“, die man täglich in den Nachrichten findet? Die Definition muss wohl etwas erweitert werden: „laut“ darf auch vor Personen stehen, die die Quelle der Verlautbarung sind. Zum Beispiel: „laut des Sprechers“ oder „laut dem Sprecher“ – oder kurz: laut Sprecher (nicht zu verwechseln mit Lautsprecher.)

Wer hinter „laut“ Personen erlaubt, der muss auch Pronomen erlauben. Doch wie heißt es richtig, lieber Zwiebelfisch? „Laut ihm“ oder „laut seiner“? Klingt der Genitiv hier nicht reichlich ungewöhnlich? Gestelzt und antiquiert? Tja – wofür würden Sie sich entscheiden? Ring frei für die nächste Runde: Der Genitiv ist noch längst nicht so tot, wie der Dativ ihm gerne hätte!

(c) Bastian Sick 2005


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.

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