Mittwoch, 31. August 2016
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Angle ich oder angel ich?

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Foto: Karsten Kenzel

Eine Textdichterin fragte sich, ob der Zwerg in ihrem Musical „Schneeweißchen und Rosenrot“ in einer Szene statt „Hier sitz ich und ich angel“ lieber sagen soll „Hier sitz ich und ich angle“. Auf der Suche nach einer Antwort warf sie die Angel nach dem Zwiebelfisch aus, der prompt anbiss.

Frage einer Freundin aus der Eifel: Bei den Proben unseres Musicals »Schneeweißchen und Rosenrot« für die Brüder-Grimm-Märchenfestspiele in Hanau kam eine Frage auf. Es singt: Albin, der Zwerg, Untergebener des Zwergenkönigs, der den Bären und den Adler anlocken möchte, um sie zu töten. Dazu gibt er sich als leichte Beute aus:
     Hier sitz ich und ich angel (oder – und das ist die Frage – angle?)
     Es scheint der Sonnenschein
Bin arglos, wehrlos, klein und schwach
und, wie gesagt, allein!!!

Mein Bauchgefühl sagt, dass es »Hier sitz ich und ich angel« heißen sollte. Aber begründen kann ich’s nicht. Kannst du uns helfen?

Liebe Grüße, deine Edith

Antwort des Zwiebelfischs: Das ist ja eine wunderbare Szene! Euer Musical wird bestimmt ein Glanzlicht der diesjährigen Festspiele. Um deine Frage gewissenhaft beantworten zu können, musste ich mir erst einmal ein Grammatiklehrbuch angeln. Dort fand ich nach einigem Suchen schließlich folgende Regel:

Bei Verben auf -eln wird das zum Wortstamm gehörende »e« in der 1. Person Singular Präsens heute im Allgemeinen ausgelassen.

Das bedeutet also, dass es statt

     ich angele, ich bummele, ich häkele, ich puzzele, ich sammele

heute meistens eine Silbe kürzer heißt:

     ich angle, ich bummle, ich häkle, ich puzzle, ich sammle

Das gilt übrigens auch für den Imperativ der 2. Person Singular:

     Angle mir einen Fisch! Bummle nicht so! Häkle mal was anderes!

In der norddeutschen Umgangssprache lässt man allerdings lieber das »e« am Wortende wegfallen. Denn bei »Ich angle« folgen ein nasales »n«, ein »g« und ein »l« aufeinander, das überfordert den Norddeutschen, der es lieber ruhig und breit mag. Darum heißt es für ihn in der 1. Person Singular »ich angel« und »ich sammel« und in der Befehlsform »Nun angel mir ’nen Fisch!« und »Sammel den Müll ein!«.

Im Bairischen hingegen bereitet das Aufeinanderprallen von Konsonanten weniger Probleme, hier ist der Ausfall einer unbetonten Silbe in der Wortmitte geradezu typisch (z. B. »abg’sperrt«, »ausg’fuchst«).

Lass Albin, den Untergebenen des Zwergenkönigs, also sagen: »Hier sitz ich und ich angle«, es sei denn, das Zwergenkönigreich soll in Norddeutschland liegen.

Und wenn du jetzt sagst: »Na gut, ich ändere das« und dich fragst, ob es nicht auch »ich ändre das« oder gar »ich änder das« heißen kann, dann sind wir bei den Verben auf -ern, die den Verben auf -eln ja nicht ganz unähnlich sind. Hierzu stellt das Lehrbuch fest, dass das »e« für gewöhnlich behalten wird: ich ändere, ich feiere, ich wandere. Die Formen »ich ändre, ich feire, ich wandre« sind offenbar eher die Ausnahme.

Und auch hier gibt es wiederum eine dritte Möglichkeit. Der Norddeutsche hat bekanntlich seinen eigenen Kopf und sagt daher Sachen wie: Ich änder das, ich feier gern und ich wander lieber allein. Das Grammatiklehrbuch schweigt sich darüber aus. Es hält nur fest: Welches »e« auch immer wegfällt, ein Apostroph wird in keinem Fall gesetzt!

Wenngleich an jede Angel auch ein Haken gehört, so wär ein Haken bei »ich angel« und »ich angle« doch verkehrt.


Anmerkung einer Leserin aus München: Lieber Herr Sick, in Ihrer Kolumne „Angel ich oder angle ich?“ vom 13. April 2013, die wie immer sehr aufschlussreich war, haben Sie uns Bayern unterstellt, dass uns das Aufeinanderprallen von Konsonanten weniger Probleme bereitet als anderen Deutschen. Vielleicht ist das so, Beispiele wie „abg‘sperrt“ und „ausg‘fuchst“ scheinen das zu belegen. Allerdings sind wir wiederum nicht solche Zungenakrobaten, als dass wir das Wort „Ausgezogene“ tatsächlich so aussprechen könnten, wie Sie das behaupten: „Ausgzogne“ ist vielleicht die verständlichste Umschrift, gesprochen wird das Wort aber entweder „Auszongne“ oder sogar „Auszonge“. Bevor man sich die Zunge bricht (wie das zweifelsohne bei Konsonantenclustern wie „gz“, aber auch bei „gb“, „gd“, „gp“ und „gt“ der Fall wäre), wird in Bayern also lieber die ganze „ge-„Silbe „abzwickt“.


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