Sonntag, 12. September 2021

Kampf um den Titel der First Lady

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Erste im ganzen Land?“ – „Frau Schröder-Köpf, Ihr seid die Erste hier, doch die Gattin des Johannes, unseres ersten Mannes, steht noch einen Platz höher als Ihr!“ Was wie die moderne Adaption eines Grimmschen Märchens klingt, ist ein großes journalistisches Dilemma.

Damals in Gallien waren die Verhältnisse ganz klar: Gutemine war die Gemahlin des Chefs und somit die erste Frau im Dorf. Beim Fischhändler brauchte sie sich nicht in die Schlange einzureihen, sondern wurde selbstverständlich vor allen anderen bedient. Jeder zollte ihr Respekt, und wenn nicht, dann flogen die Fische. Auch ihr Mann Majestix („Schnäuzelchen“) tat gut daran, sich unterzuordnen. Es bestand kein Zweifel: Gutemine war die „First Lady“ der unbeugsamen Gallier.

First Lady mit Anhang: Gutemine und ihr SchnäuzelchenFreilich wurde sie im Dorf nicht so genannt, denn der Begriff war ja englisch. Und die Gallier haben es ja bekanntlich nicht so mit dem Englischen. Bei den Teutonen sind englische Wörter dafür umso beliebter, vor allem, wenn sie aus Amerika kommen. Doch nicht jede praktische Formel lässt sich ohne weiteres aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen; oftmals sind die Verhältnisse zu unterschiedlich. Dennoch verfällt die deutschsprachige Journaille sofort in den Automatismus, wann immer sie in irgendeinem Land auf irgendeinem roten Teppich eine offensichtlich geehelichte Frau an der Seite eines offensichtlich amtierenden Regierungschefs ausmacht, von der „First Lady“ zu sprechen. So haben wir es schließlich von den Amerikanern, unseren großen sprachlichen Vorbildern, gelernt: Die Ehefrau des Oberhäuptlings ist die First Lady.

Folglich wird dieser Titel generös und gnadenlos auf sämtliche anderen Ehefrauen von Regierenden übertragen: Was bei den Amerikanern derzeit Laura Bush, ist bei den Franzosen Bernadette Chirac, bei den Briten Cherie Blair und bei uns in Deutschland… na klar, Doris Schröder-Köpf. Selbst die Russen, bis vor ein paar Jahren noch Bollwerk gegen die Amerikanisierung der Welt, haben inzwischen nicht nur eine Mafia und ein eigenes Terrorismus-Problem, sondern auch eine eigene First Lady: Ljudmila Putina.

Halt, stopp! Wie war das eben? Doris Schröder-Köpf soll die First Lady Deutschlands sein? Die „erste Frau im Staate“? Und was ist mit der Frau des Bundespräsidenten? Kommt Christina Rau erst an zweiter Stelle? Laut Protokoll steht der Bundespräsident drei Stufen über dem Kanzler. Kann dann die Frau des Kanzlers über der des Präsidenten stehen? Vom Paradoxon mal ganz abgesehen, dass die vierte Ehefrau Gerhard Schröders die „erste“ Lady sein soll…

Und wie ist es mit Großbritannien? Wenn Cherie Blair die First Lady ist, was ist dann die Queen? Second Lady? Immerhin trägt sie die Ziffer II bereits in ihrem Namen. Doch über eine solche Titulierung wäre Elizabeth II. ganz bestimmt nicht amüsiert.

Gehen wir doch mal logisch vor: Erste Frau im Staat kann nur sein, wessen Ehepartner protokollarisch an der Staatsspitze steht. In den USA ist es Laura Bush, weil ihr Mann George W. Bush das Staatsoberhaupt ist. Das Staatsoberhaupt Großbritanniens ist die Queen, und die ist mit Prinz Philip verheiratet, demnach ist er die First Lady.

Laut Lexikon ist die First Lady eine Präsidentengattin, und weil Großbritannien keinen Präsidenten hat, hat es auch keine First Lady. Punktum. Ein Schock für alle Politikredakteure: Wie soll man da noch einen Text über Cherie Blair schreiben können, wenn dieses wichtige Synonym wegfällt? Halb so schlimm! Der Begriff „Premiersgattin“ passt ebenso gut, ist obendrein auch noch deutscher und kommt ganz ohne Leerzeichen aus. Und wie verhält es sich mit Deutschland? Zu Zeiten von Wilhelmine Lübke hätte niemand die herausragende Rolle der Präsidentengattin in Frage gestellt. Heute mag man darüber streiten. Aber auf Doris Schröder-Köpf passt die Bezeichnung „First Lady“ ebenso wenig wie auf Cherie Blair.

Ein Kollege wollte der Lexikon-Definition nicht glauben und behauptete, die First Lady sei immer die Frau des Regierungschefs. Demnach aber hieße die First Lady Frankreichs nicht Bernadette Chirac, sondern Anne-Marie Raffarin, denn Regierungschef ist derzeit Jean-Pierre Raffarin und nicht Jacques Chirac. Taugt also nichts, dieser Erklärungsversuch, da ist man mit der Präsidentengattin doch besser beraten. Was aber nicht besagt, dass Bernadette Chirac sich widerspruchslos einen amerikanischen Aufkleber verpassen ließe. Wer die Gutemine des 21. Jahrhunderts unfranzösisch mit „First Lady“ anspricht, darf sich nicht wundern, wenn „Schnäuzelchen“ Jacques ihm dafür auf die Zehen tritt. Beim Teutates!

Was die USA betrifft, so hat George W. Bush selbst einmal eine äußerst eigenwillige Definition der „First Lady“ geliefert, wie man sie nur ihm allein zutraut: „The most important job is not to be governor, or first lady in my case.“ („Die wichtigste Aufgabe besteht nicht darin, Gouverneur zu sein, oder First Lady, wie in meinem Falle.“)

(c) Bastian Sick 2003


Diese Kolumne ist auch im Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ erschienen.

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