Samstag, 25. Juni 2022

Als die Flamme verlöschte

„Olympias Fackel verlöscht in Paris“, titelte die „Sächsische Zeitung” im Frühling 2008. Da waren offenbar die Grammatikkenntnisse des Redakteurs kurzfristig erloschen. Rufen wir die Sprach-Feuerwehr und machen wir ein paar Lösch-Übungen.

Chaotische Szenen spielten sich ab, als das olympische Feuer Anfang April durch Paris getragen wurde. Demonstranten versuchten, den Fackellauf zu unterbrechen und den Läufern die Fackel zu entreißen. Tatsächlich erlosch die Flamme — aber nicht etwa durch die Hand eines Demonstranten. Es waren Sicherheitskräfte, die die Fackel löschten — sogar mehrmals. Dies sei zum Schutz der Fackel geschehen, hieß es in den Nachrichten. Die Flamme wurde jedes Mal in einem Bus neu entzündet. So erfuhr man als olympischer Laie ganz nebenbei, dass die von den Läufern getragene Fackel nur ein Ableger des tatsächlichen olympischen Feuers war, welches seinerseits ganz gemütlich im Bus nach China reiste.

Als tags darauf „Olympias Fackel verlöscht in Paris“ in der „Sächsischen Zeitung“ stand, entzündete sich an dieser Überschrift sogleich eine Diskussion über den korrekten Gebrauch des Verbs „verlöschen“. „Löschen“ und „verlöschen“ ähneln einander nur auf den ersten Blick, bei genauerer Betrachtung sind sie grundverschieden. Denn während das transitive „löschen“ ein regelmäßiges Verb ist, wird das intransitive „verlöschen“ unregelmäßig gebildet.

Die Feuerwehr löscht heute, wie sie auch früher löschte und überhaupt immer schon gelöscht hat. Das von ihr gelöschte Feuer jedoch, das verlöscht nicht, sondern verlischt. Und in der Vergangenheit verlosch es, um schließlich im Perfekt gänzlich verloschen zu sein. Apropos Vergangenheit: „Wenn die Vergangenheit verlöscht“, überschrieb die „WAZ“ einen Hinweis auf eine Veranstaltung zum Thema Demenz und Alzheimer. Die Vergangenheit verlöscht jedoch nicht. Nicht einmal die Erinnerung an sie. Stattdessen verlischt offenbar das Wissen um den feinen Unterschied zwischen dem, der da etwas löscht, und dem, das da am Ende verlischt.

Dass ein Verb auf zwei verschiedene Weisen konjugiert werden kann, ist nichts Außergewöhnliches, dafür gibt es zahlreiche Beispiele. In den meisten Fällen besteht zwischen den unterschiedlichen Formen auch eine unterschiedliche Bedeutung. Von „wiegen“ beispielsweise lassen sich die Formen „gewiegt“ und „gewogen“ bilden, die keinesfalls das Gleiche bedeuten. So haben sich auch von „löschen“ zwei verschiedene Formen entwickelt; die eine mit der Bedeutung „ausmachen“, die andere mit der Bedeutung „ausgehen“.

All das ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt dagegen ist, wie die unregelmäßigen „Lösch“-Formen denn nun im Einzelnen aussehen.

Die beiden Studenten am Nebentisch, die sich aufgeregt über das Auslöschen der olympischen Fackel unterhalten, sind sich uneins. „Es muss verlischt heißen“, sagt der eine. Der andere ist skeptisch: „Wieso? Gibt es etwa ein Verb, das verlischen heißt?“ Nein, das gibt es nicht, auch wenn manche von seiner Existenz überzeugt zu sein scheinen, wie man aus einigen hundert Einträgen im Internet schließen kann, in denen das Wort „verlischen“ auftaucht. So erfährt man beispielsweise in einem christlichen Blog: „Schwach ist unser Glaube oft, er flackert im Wind und droht zu verlischen.“ Das verbindet den Glauben mit der Grammatik: Auch die ist oft schwach und flackert im Wind.

Verlöschen und erlöschen werden nach dem gleichen Schema gebildet wie die unregelmäßigen Verben „werfen“ und „essen“: Wo bei denen das „e“ zum „i“ wird (du wirfst, er wirft, du isst, er isst), da wird bei verlöschen das „ö“ zum „i“: du verlischst, er verlischt. Also in der zweiten und dritten Person Singular. Im Plural bleibt’s beim „ö“. Kerzen, die „erlischen“, erlöschen regelwidrig. Und die Befehlsform? Einer hartnäckig brennenden Kerze, die sich allen Ausblasversuchen trotzig widersetzt, kann man befehlen: „Erlische endlich!“. Das wäre die gehobene Entsprechung für „Verdammtes Ding, nun geh schon endlich aus“. Doch wenn man einen Menschen bittet, das Licht zu löschen, dann lautet der Imperativ nicht etwa „Lisch das Licht“, sondern „Lösch das Licht“.

Wenn ein Wissenschaftsmagazin warnt, dass die Sonne „verlöscht“, und ein Boulevardblatt den Lesern ausmalt, wie plötzlich auf unserem Planeten alles Licht und Leben „erlöscht“, dann ist Sprachkritik ohnehin nicht angebracht, denn angesichts des drohenden Weltuntergangs ist die Frage, ob hier richtig oder falsch getextet wurde, bedeutungslos. Denn ist die Menschheit erst ausgeloschen, gibt es auch keine Grammatik mehr.

(c) Bastian Sick 2008


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 4“ erschienen.

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