Samstag, 26. September 2020
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Ein ums nächste Mal

Wann hätten Sie denn mal Zeit? Dieses Wochenende, das kommende, das nächste oder erst das darauf folgende? Geht’s auch unter der Woche oder erst in acht Tagen? Bei der Festlegung eines Termins kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Man kann sich eigentlich nur wundern, dass Menschen zwischen diesem und dem nächsten Mal überhaupt zueinander finden.

Ich beneide jene Menschen, die von sich behaupten, dass sie keine Schwierigkeiten hätten, sich mit anderen Menschen zu verabreden. Nicht dass ich kontaktscheu wäre. Ich denke da eher an die vielen sprachlichen Hürden, die es zu nehmen gilt, ehe ein Treffen zustande kommt. Schon die Vereinbarung eines Termins stellt – sprachlich gesehen – nicht selten ein schier unlösbares Problem dar.

Mein Freund Henry chattet. Gelegentlich, wie er sagt, nur so zum Spaß. Meistens tausche er mit interessierten jungen Damen Kochrezepte aus, behauptet er. Neulich aber hatte er eine Chat-Bekanntschaft tatsächlich so weit gebracht, dass sie sich mit ihm treffen wollte. Ein Live-Date! Damit aber fingen die Schwierigkeiten erst an. Während des Essens in unserem Stammlokal schildert Henry mir den Ablauf des Chats:

HOBBYKOCH: Wollen wir uns treffen?
KATINKA1977: Ja, sehr gerne!
HOBBYKOCH: Wann hätten Sie denn mal Zeit? Passt es Ihnen vielleicht nächstes Wochenende? Ich könnte was Leckeres für uns kochen!
KATINKA1977: Ich fahre am Samstag nach Bonn zu meiner Mutter, da werde ich nicht vor Sonntagabend zurück sein. Aber das Wochenende darauf wäre fein!
HOBBYKOCH: Das meinte ich ja auch.
KATINKA1977: Ach so. Ich dachte, Sie meinten das kommende Wochenende.
HOBBYKOCH: Dann hätte ich „dieses“ Wochenende geschrieben. Das nächste kommt danach.
KATINKA1977: Für mich ist das Nächste eigentlich immer das, was mir am nächsten ist, also das, was als nächstes drankommt…
HOBBYKOCH: Da heute bereits Mittwoch ist, können Sie davon ausgehen, dass mit dem „nächsten“ Wochenende nicht das Wochenende in drei Tagen gemeint ist.

An dieser Stelle unterbreche ich Henrys Ausführungen: „Das kann ja wohl nicht wahr sein! Du bist vermutlich der einzige Mann, der selbst einen Internet-Chat noch dazu nutzt, um seinen Mitmenschen kostenlose Nachhilfe zu erteilen.“ – „Warum nicht“, erwidert Henry gelassen, „du siehst doch, dass in dieser Frage ganz offensichtlich Aufklärungsbedarf bestand.“ Also weiter im Text:

KATINKA1977: Aber wenn ich einem Taxifahrer sage, er soll bei der nächsten Ampel rechts abbiegen, dann meine ich damit doch nicht die Ampel nach der, die als nächstes kommt?
HOBBYKOCH: Es kommt darauf an. Wenn Sie nur noch wenige Meter von einer Ampel entfernt sind und von der „nächsten Ampel“ sprechen, dann wird das meist auf die zweite Ampel bezogen.

Mein Kommentar hierzu: „Wolltest du sie nun eigentlich treffen oder ihr die Relativitätstheorie erklären?“ Henry knurrt. „Wart’s ab“, sagt er, „es wird noch richtig drollig.“

KATINKA1977: Was das „nächste“ ist, ist demnach also keine Frage der Reihenfolge, sondern unterliegt der persönlichen Einschätzung? Das merke ich mir für den Supermarkt!
HOBBYKOCH: Was hat das mit dem Supermarkt zu tun?
KATINKA1977: Wenn die Verkäuferin an der Fleischtheke fragt: „Wer kommt als nächstes?“, und es steht nur noch eine Kundin vor mir in der Reihe, dann melde ich mich, weil die vor mir ja praktisch nicht mehr mitgezählt wird.
HOBBYKOCH: Mit dieser Auslegung könnten Sie sich eventuell in Schwierigkeiten bringen.
KATINKA1977: Wieso? Ich berufe mich einfach auf Sie!
HOBBYKOCH: Hätten Sie vielleicht auch mal unter der Woche Zeit?
KATINKA1977: Unter der Woche? Was genau meinen Sie damit? HOBBYKOCH: Unter der Woche ist ein Ausdruck für werktags.
KATINKA1977: Ach so! Na bei Ihnen lerne ich ja noch was. Ich sage immer „in der Woche“.
HOBBYKOCH: In der Woche ist missverständlich, weil der andere denken könnte, es sei eine bestimmt Woche gemeint. Unter der Woche ist eindeutig.
KATINKA1977: Und was ist dann über der Woche? Ist damit das Wochenende gemeint?
HOBBYKOCH: Nein, den Ausdruck gibt es nicht. Mir ist er jedenfalls nicht bekannt.
KATINKA1977: Also gut, ich fürchte aber, dass ich Ihnen „unter“ der Woche nicht viel bieten kann. An Zeit, meine ich.
HOBBYKOCH: Dann also doch nächstes Wochenende? Also das in acht Tagen?
KATINKA1977: In acht Tagen? Da ist doch kein Wochenende? Heute ist Mittwoch, plus acht, das ist nächste Woche Donnerstag!
HOBBYKOCH: Nein, ich meine von diesem Wochenende an gerechnet. KATINKA1977: Da komme ich auf Montag!
HOBBYKOCH: „In acht Tagen“ bedeutet dasselbe wie „in einer Woche“. Kennen Sie nicht Wum und Wendelin? Die haben immer gesagt: Einsendeschluss für den „Großen Preis“ – Samstag in acht Tagen!
KATINKA1977: Der große Preis? Ich fürchte, das war vor meiner Zeit. Aber eine Woche hat doch nicht acht Tage?
HOBBYKOCH: Ich glaube, wir schauen doch besser in unsere Terminkalender und legen uns auf ein numerisches Datum fest, was meinen Sie?
KATINKA1977: Das hört sich zwar irgendwie sehr technisch an, aber vielleicht ist es wirklich das Beste.
HOBBYKOCH: Wie wäre es mit dem 23.? Passt Ihnen das?
KATINKA1977: Meinen Sie diesen Monat oder den nächsten?

Zu einem Treffen zwischen Henry und Katinka1977 ist es bis heute nicht gekommen. Wie mein Freund mir aber dann verrät, war Katinka1977 nicht die einzige junge Dame, bei der er sich um ein Rendezvous bemühte. „Aber ich chatte nicht parallel mit ihnen“, beteuert er. „Immer hübsch eine nach der nächsten!“ – „Eine nach der nächsten?“, frage ich, „sollte es nicht eher heißen: eine nach der anderen? Wenn du dich immer erst mit derjenigen triffst, die du nach der nächsten ansprichst, dann kommst du ja nie zum Zuge!“ – „Elender Besserwisser!“, zischt Henry. „Wer von uns ist eigentlich dran mit zahlen?“, frage ich. „Du hast beim letzten Mal gesagt, dass du die nächsten beiden Male zahlen würdest“, sagt Henry. „Na schön“, erwidere ich, „dann kannst du ja dieses Mal noch zahlen! Herr Ober, der Herr hier würde gerne die Rechnung begleichen!“

(c) Bastian Sick 2005


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.

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5 Kommentare

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    „Sonnabend in acht Tagen“ hieß es beim großen Preis :-)))

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    Werner Glanert

    Hallo Herr Sick,

    gemäß Ihren Büchern macht Ihr Freund Henry ja meistens recht kluge Bemerkungen (z.B. seine Äußerung zu dem Satz „Ich werde das nicht machen, bevor ich NICHT weiß,…..“). Aber bezüglich dieser Kolumne kann ich ihm wirklich in keinem Punkt zustimmen („unter der Woche“ und „in der Woche“ würde ich als identisch ansehen).

    Mein Vater sagte auch oft „heute in acht Tagen“. Ich frage mich dann aber immer, was man eigentlich sagt, wenn man wirklich den achtnächsten Tag meint. Das wirft dann allerdings wieder die Frage auf, ob der achtnächste Tag für Henry erst in neun Tagen ist, da der morgige ja wohl nicht mitzählt (Smiley).

    Mit freundlichen Grüßen
    Werner Glanert

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    Da stellt sich mir die Frage, woher die Bezeichnung „zwischen den Jahren“ kommt. Gemeint ist die Zeitspanne zwischen Weihnachten und Silvester.
    Freue mich über „Aufklärung“.
    Herzliche Grüße aus Australien von
    Eva

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    Und – hatte Henry denn nun recht mit seinen ganzen Auslegungen dieser Zeitbestimmungen?
    Lieben Gruß
    Elke 🙂

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    DI Johann Dobiaß

    Sehr geehrter Herr Sick!
    Da ich weniger Wert auf ausgefeilte Logik als auf Verständlichkeit lege, käme mir die Formulierung „nächstes“ gar nicht auf die Zunge. Ich rede von „diesem“ oder dem „kommenden“ oder „dem … darauf“.
    Bedenken Sie, dass jemand, der an einem Montag vom „nächsten Wochenende“ spricht, eigentlich das vergangene Wochenende meint!
    JD

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