Donnerstag, 9. Juli 2020
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Eine Weihnachtsgeschichte

Kinder lieben es, wenn ihnen vorgelesen wird. Sie können dieselbe Geschichte wieder und wieder hören, ohne dass ihnen dabei langweilig wird. Dem Vorlesen wohnt ein Zauber inne, sagt man. Diesen Zauber gilt es zu bewahren.

Über viele Jahrhunderte hat das Vorlesen in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern eine wichtige Rolle gespielt. Vorlesen regt die Fantasie an und trägt zur Entwicklung des Sprachgefühls bei. Darüber hinaus können durch Vorlesen emotionale Bindungen aufgebaut und vertieft werden. Leider gerät das Vorlesen zusehends aus der Mode. Immer seltener nehmen sich Erwachsene heute noch die Zeit, ihren Kindern etwas vorzulesen. Seit 2004 gibt es daher den »Bundesweiten Vorlesetag«, eine Initiative der Stiftung Lesen und der Wochenzeitung »Die Zeit« zur Förderung der Vorlesekultur. Er findet alljährlich im November statt, und jeder, der Spaß am Vorlesen hat, kann sich daran beteiligen. 2010 war ich in Nürnberg dabei. Es war ein kalter Morgen, auf dem Hauptmarkt standen die fertig aufgebauten Buden, doch es war noch nichts los. Die Stadt lag reglos da, so als würde sie auf etwas warten.

Vor dem Eisenbahnmuseum drängten sich Schüler in großen Trauben. Insgesamt 30 Schulklassen hatten sich eingefunden, um sich von Autoren, Moderatoren, Sängern und Schauspielern etwas vorlesen zu lassen. In der Fahrzeughalle des Museums hatte man ein leuchtend rotes Zelt aufgebaut: das Vorlese-Tipi. Darin konnten es sich die Schüler, nachdem sie brav ihre Schuhe ausgezogen hatten, auf Kissen gemütlich machen. Ich wollte mein junges Publikum nicht mit selbstverfassten Grammatiklektionen überfordern und hatte mir stattdessen eine Weihnachtsgeschichte von Wolfdietrich Schnurre mit dem Titel »Die Leihgabe« ausgesucht. In einem Monat war schließlich Weihnachten, da erschien mir eine nostalgische Erzählung, in der es um einen alleinerziehenden Vater und einen heimlich ausgegrabenen Tannenbaum ging, durchaus angebracht. Als ich meinen Kopf ins Tipi steckte, um »meine« Schüler zu begrüßen, kamen mir allerdings Zweifel, ob das wirklich eine gute Idee war: Die meisten der Schüler der Realschulklasse 6a, die mich da auf dem Boden lümmelnd erwarteten, stammten aus muslimischen Familien, und ihre Begeisterung für Weihnachten hielt sich in nachvollziehbaren Grenzen. Die Jungen legten Wert darauf, mich mit Handschlag zu begrüßen und sich selbst vorzustellen. »Sind Sie berühmt?«, fragten sie mich, um sicherzustellen, dass sie bei dieser Veranstaltung nicht übers Ohr gehauen würden. Schließlich hatte man ihnen »Vorlesespaß mit Promis« versprochen. Von mir hatten sie noch nie gehört, ich hätte also auch genauso gut ein getarnter Lehrer sein können. »Fragt das am besten meine Mutter«, erwiderte ich. Das schien ihre Zweifel zu zerstreuen.

»Die Geschichte, die ich euch vorlesen werde, spielt in den Zwanziger Jahren. Könnt ihr euch darunter etwas vorstellen?« Die Kinder schüttelten den Kopf. »Ich bin noch nicht 20«, sagte ein Junge, ohne sich der gelungenen Pointe bewusst zu sein. »Damals gab es eine schwere Weltwirtschaftskrise«, fuhr ich fort, »viele Menschen waren arbeitslos und wussten kaum, wovon sie leben sollten. Eine warme Wohnung war da schon ein Luxus, oft reichte das Geld nämlich nicht einmal für Briketts oder Koks zum Heizen.« Beim Stichwort »Koks« schreckten ein paar Schüler hoch: »Was, ey, haben die früher echt mit Koks geheizt?« Die Bedeutung des Wortes als Brennstoff ist gegenüber der Droge offenbar verblasst. Die Energiewende macht sich bereits be
merkbar, zumindest im Sprachgebrauch der Sechstklässler. In der Geschichte kamen noch andere antiquierte Wörter vor wie Destille, Logis und Grammophon, die ich erst einmal erklären musste. Ein Grammophon sei ein alter Plattenspieler, auf dem man Schallplatten abzuspielen pflegte, sagte ich und hakte nach: »Ihr wisst doch, was Schallplatten sind?« Etliche schüttelten den Kopf. Einer aber wusste Bescheid: »Das sind so große CDs!« Das konnte man durchgehen lassen, fand ich. Eines Tages wird man Zeitungen vielleicht erklären als »iPads aus Papier« und Wegweiser an Straßenkreuzungen als »Navis aus Blech«, wer weiß?

Der Höhepunkt der Lesung war der Moment, in dem ein Kamerateam durch den Eingang lugte und uns im Zelt filmte. »Ey, cool, RTL!«, riefen einige Schüler begeistert. Es war zwar der Regionalsender »Franken Fernsehen«, aber für die Schüler der 6a war »RTL« offenbar gleichbedeutend mit »Fernsehen«. Nach einer halben Stunde war die Geschichte aus, und wir krochen aus dem Tipi, in dem es inzwischen mächtig heiß geworden war.

Ich nahm mir vor, für das nächste Jahr selbst eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben, in der keine Tannenbäume und Schallplatten vorkamen, sondern zeitgemäße Dinge wie Xbox, Wii und jede Menge Apps, und in der man anstelle von Koks mit Fernwärme heizte.

Als wir Vorleser mit der letzten Schülergruppe am Nachmittag das Eisenbahnmuseum verließen, begann gerade der Christkindlesmarkt. Weihnachtliche Musik vermischte sich mit dem Geruch gebrannter Mandeln. Und wie auf Bestellung hatte es geschneit. Wer noch nach einem Beweis suchte, dass dem Vorlesen ein Zauber innewohnt, der konnte ihn jetzt vor sich sehen: Mit dem Vorlesetag war der Winter gekommen!

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