Mittwoch, 28. Oktober 2020
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Qualität hat ihren Preis

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Fundstück aus der „Ostthüringer Zeitung“ vom 26. April 2012, eingeschickt von Karin Petermann

Jungen sind männlich und Mädchen weiblich? Einer ist keiner, und eine Mannschaft sind ganz viele? Wenn es doch so einfach wäre! Jede Sprache hat seine Tücken, vor allem das Deutsche mit ihren verwirrenden Wechseln zwischen den Geschlechtern und zwischen Einzahl und Mehrzahl.

Dieses hat seine Vorzüge, jenes seine Nachteile, manches hat sein Gutes, alles braucht seine Zeit und jeder hat seinen Stolz. Diese und ähnliche Einsichten werden regelmäßig verkündet. Seltsamerweise hat noch nie jemand laut die Frage gestellt, von wem da eigentlich immer die Rede ist. Wer ist dieser jemand, um dessen Vorzüge es geht, dessen Zeit gekommen und dessen Stolz unbestritten ist? Wer ist dieser „seiner“? Ist es der, dessen Name nicht genannt werden darf? Ist es Hassan der Hofhund? Oder Gott womöglich?

Des Rätsels Lösung liegt nicht im Mystischen, sondern in der Beziehung der Wörter zueinander. Das ominöse „sein“ ist ein besitzanzeigendes Fürwort und bezieht sich auf die jeweils am Satzanfang genannte Sache oder Person. Wenn es heißt „Das wird schon seinen Grund haben“, dann bezieht sich „seinen“ auf „Das“, und dieses „Das“ wiederum auf etwas, das kurz zuvor erwähnt worden ist. Die beiden gehören zusammen, so wie Erde und Mond, und damit keiner von ihnen aus seiner Bahn fliegt, müssen sie sorgsam aufeinander abgestimmt werden.

Die Grammatikaner haben dafür ein schwer auszusprechendes Wort gefunden: Kongruenz. Das ist aus dem Lateinischen entlehnt und bedeutet Übereinstimmung. Wörter, die sich aufeinander beziehen, müssen im gleichen Kasus, Genus und Numerus stehen. Sonst erkennt man am Ende nicht mehr, welches Fürwort zu welchem Hauptwort gehört, und begreift womöglich den ganzen Satz nicht.

„Man sagt zwar, Qualität hat seinen Preis, aber es muss doch auch eine preiswerte Qualität geben“, behauptet ein Anbieter von Wasserbetten. Nein, will man ihm spontan widersprechen, das sagt man eben nicht. Zwar mag es richtig sein, dass alles „seinen Preis“ hat, aber wenn es um Qualität geht, dann wird das Pronomen weiblich, dann muss es selbstverständlich heißen: „Qualität hat ihren Preis“. Diese Erkenntnis scheint sich in der Werbebranche noch nicht ganz herumgesprochen zu haben. Aber die Werbung hatte ja schon immer „seine“ liebe Not mit der Grammatik.

„Auch die kleinere Version des Sportwagens hat seinen Reiz“, kann man in einem Autoprospekt lesen. Das ist nicht nur unter grammatischen, sondern auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ärgerlich, denn hier wurde wertvolles Werbepotenzial verschenkt. Jeder Autohändler weiß, dass sich Autos noch besser verkaufen lassen, wenn man sie mit etwas Weiblichem drapiert. Hätte man „ihren Reiz“ statt „seinen Reiz“ hervorgehoben, hätte sich die kleinere Version des Sportwagens bei der männlichen Zielgruppe bestimmt noch größerer Beliebtheit erfreut.

Zu einer gewissen Verunsicherung führte auch ein Werbefilm von Mercedes-Benz, in dem es ausgerechnet um Sicherheit ging. „Die A-Klasse. Das sicherste Auto ihrer Klasse“, hieß es dort. Viele meiner Leser fragten mich, ob sich die Klasse nicht auf das Wort „Auto“ beziehe und ob es folglich nicht „Das sicherste Auto seiner Klasse“ heißen müsse. Man kann das Problem lösen, indem man nach Vergleichsfällen sucht: „Martin Luther – die eindrucksvollste Persönlichkeit seiner Zeit“. Hier haben wir einen (männlichen) Luther, der mit einem weiblichen Wort (Persönlichkeit) gleichgesetzt wird. Weil Luther zuerst da war, bestimmt er das Geschlecht des Pronomens vor dem Wort „Zeit“. Umgekehrt klänge es eher befremdlich: „Martin Luther – die eindrucksvollste Persönlichkeit ihrer Zeit“. Im Falle der Mercedes-Benz-Werbung verhält es sich genauso: Das weibliche Modell und das sächliche Wort Auto sind gleichrangig, doch weil die A-Klasse zuerst genannt wurde, richtet sich das Pronomen nach ihr. Der Werbespruch ist also korrekt.

Nicht korrekt ist hingegen der Spruch, mit dem die „Lebenshilfe Berlin“ die Organisation in ihren Seniorenwohnstätten beschreibt: „Jede Gruppe hat seinen eigenen Etat und wirtschaftet für sich selbst“. Jede Gruppe ist nämlich – grammatisch gesehen – weiblich, selbst wenn sie nur aus Männern bestehen sollte. Oder aus Kindern im Vorschulalter. Der Kindergarten „Hasselbachzwerge“ schreibt in seiner Selbstdarstellungsbroschüre: „Jede Gruppe hat seinen eigenen Namen: Käfer-, Hasen-, Mäuse- und Elefantengruppe“. Das klingt zwar zunächst unerhört putzig, doch bei genauerem Hinhören fragt man sich, warum denn nicht jede Gruppe ihren eigenen Namen bekommen hat.

Ebenso theologisch vieldeutig wie grammatisch bedenklich ist die Auskunft eines Leichenbestatters, der seine Berufswahl mit den Worten begründete: „Jede Arbeit hat seinen Sinn.“ Wenn ich in einem Diskussionsforum der Tierfreunde lese: „Jede Katze hat seinen eigenen Charakter“, dann vermute ich, dass der Katzenbesitzer offenbar einen Kater hat. Im Gästebuch der Berliner Senatskanzlei hinterließ ein begeisterter Berlinbesucher den Eintrag: „Jede Stadt hat sein eigenes Flair“.

Längst nicht immer kongruent verhalten sich Sprache und Biologie. Während letztere beim Menschen – bis auf wenige Ausnahmen – nur zwei Geschlechter unterscheidet, kennt die Grammatik drei. Es gibt den Mann, die Frau – und das Mädchen! Eine Formulierung wie „Im anderen Abteil saß ein rothaariges Mädchen mit einer knallbunten Reisetasche. Ich grüßte kurz und setzte mich neben sie“ ist grammatisch nur dann einwandfrei, wenn der Erzähler sich auch wirklich neben die knallbunte Reisetasche gesetzt hat. Das Mädchen ist nun einmal sächlich. Daran ändert sich auch nichts, wenn es in die Pubertät kommt. Auf der Internetseite www.kinder.de erfährt man im Kapitel über die Pubertät: „Jedes Mädchen hat ihren eigenen Rhythmus.“ Dem kann man nur entgegenhalten: Jedes Geschlecht hat seinen eigenen Artikel!

Nicht nur ein plötzlicher Wechsel des Geschlechts ist heikel. Zu erheblichen Verständnisproblemen kann es auch bei schwankendem Numerus kommen, beim Durcheinander von Einzahl und Mehrzahl, so wie in diesem Bericht über Osteoporose:

„Jeder vierte Patient ist ein Mann. Sport und Medikamente schützen ihre Knochen.“ Ein solcher Satz gibt Rätsel auf. Hieße es „seine Knochen“, dann wäre klar, wer gemeint ist: der Mann nämlich – oder aber der Patient, beides ergibt einen Sinn. Das Pronomen „ihre“ deutet indes auf eine Mehrzahl hin, die man beim Patienten und beim Mann aber vergeblich sucht. Auch wenn die Zahl „vier“ darin vorkommt, so ist „jeder vierte Patient“ ein Singular. Die einzige Mehrzahl bilden „Sport und Medikamente“, qua Numerus können also nur sie es sein, die hier ihre Knochen schützen. Apropos Sport: In Fußballreportagen erleidet der grammatische Bezug regelmäßig Schiffbruch, wenn eben noch von der Mannschaft im Singular die Rede war und es im nächsten Satz dann im Plural weitergeht: „Die Mannschaft war wirklich in Bestform heute, und man muss sagen, sie haben verdient gewonnen.“ Dieses „sie“ können auch die anderen gewesen sein. Die sprachliche Verwirrung ist komplett, wenn der Mannschaft dann auch noch das Geschlecht verrutscht: „Eine Mannschaft, die seinesgleichen sucht.“

Während der Fußball-WM wurde der schwedische Trainer ja überraschend als „der Mann mit den zwei Gesichtern“ geoutet, und zwar von seiner eigenen Mannschaft. Auf „Spiegel Online“ war zu lesen: „Lagerbäcks Mannschaft hatte in einem emotionalen Spiel seine zwei Gesichter gezeigt, übermotiviert und mit vielen Abwehrfehlern in der ersten Halbzeit.“

Jedes Ding hat seinen Preis
Da gibt es nichts zu diskutieren.
Nur die Qualität – wie man jetzt weiß –
Die hat nicht seinen, sondern ihren.

(c) Bastian Sick 2006


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.

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8 Kommentare

  1. Avatar
    Harald Szuszkiewicz

    Lieber Herr Sick!
    Danke wieder einmal für etwas mehr Erkenntnis. Die grammati(kali)schen Hintergründe hinter „Die A-Klasse. Das sicherste Auto ihrer Klasse“ waren mir nicht bewusst, ich weiß auch nicht, ob ich es selbst, rein aus meinem Sprachgefühl heraus, richtig gesagt hätte.
    Zwei kleine Anmerkungen noch zu Ihrem Artikel, wenn ich darf:
    1. Mit „Hassan der Hofhund“ begeben Sie sich, meines Erachtens, etwas auf dünnes Eis in unserer heutigen ach so sensiblen Zeit. Ich könnte mir vorstellen, dass Mitglieder gewisser Religionsrichtungen hieran Anstoß finden könnten, immerhin ist Hassan ein möglicherweise bedeutsamer Name. Oder hat hier Perscheids Boshaftigkeit die Oberhand gewonnen und Sie gehen davon, dass Ihr Artikel von besagten Personen sowieso nicht gelesen wird, da er von deutsch-grammatikalischen Problemen handelt?
    2. „Jeder vierte Patient ist ein Mann. Sport und Medikamente schützen ihre Knochen.“ Hierzu möchte ich anmerken, dass das Konstrukt sehr wohl korrekt ist bis auf einen kleinen Rechtschreibfehler: Statt „ihre“ müsste es „Ihre“ heißen und die Werbung passt wieder. Von einer Bedeutungsänderung war ja nicht die Rede, oder?
    Mit den besten Grüßen aus Österreich,
    Harald Szuszkiewicz

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      Lieber Herr Szuszkiewicz! „Hassan der Hofhund“ ist politisch mehr als korrekt, korrekter geht’s gar nicht. Es ist ein augenzwinkerndes Zitat, eine Verneigung vor zwei bedeutenden Vertretern der Unterhaltungskunst, die sich um die deutsche Sprache sehr verdient gemacht haben: Peter Alexander und Mireille Mathieu. Das Lied „Hassan der Hofhund“(https://www.youtube.com/watch?v=iPhc99Q9XGU) habe ich während meiner Bühnentournee 2006/2007 als Zugabe gebracht. Es kam beim Publikum sehr gut an, was kein Wunder ist, da das Lied wirklich bezaubernd ist. Schauen Sie es sich auf YouTube an!

  2. Avatar
    Werner Glanert

    Hallo, Herr Sick,
    obwohl ich diesen Artikel in „Der Dativ… Teil 3“ früher schon gelesen habe, bin ich nicht sicher, ob ich die Sätze zur A-Klasse und zu Martin Luther noch korrekt behandelt hätte.
    Ich wende mich allerdings an Sie, da der Artikel mich daran erinnert hat, dass ich noch eine Frage zu dem unteren Zeitungsausschnitt auf Seite 152 von „Wir braten Sie gern!“ habe. Da dort von einem 10-jährigen Mädchen die Rede ist, muss es doch korrekt sein, „sein Bein“ und nicht etwa „ihr Bein“ zu schreiben, oder? Natürlich könnte das zu Missverständnissen führen, wenn man nicht wüsste, dass der Hai nicht gemeint sein kann. Aber grammatikalisch muss das doch richtig sein (so wie „sie“ bei dem rothaarigen Mädchen im Artikel oben doch auch falsch ist), oder?
    Auch bei dem oberen Zeitungsartikel auf derselben Seite fällt es mir schwer, den Fehler zu erkennen. Wie müsste der Satz denn korrekt lauten, damit nicht nur aus dem Kontext, sondern auch grammatikalisch klar wird, dass nicht die Frau, sondern die Wohnung explodiert war ?
    Für die Aufklärung bedanke ich mich bereits im Voraus und möchte abschließend noch darauf hinweisen, dass ich neben diesen beiden Unklarheiten auch viele tolle Sachen in dem Buch gefunden habe, mit denen ich keine Verständnisprobleme hatte.

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      Lieber Herr Glanert! Das mit dem Hai und dem Mädchen (https://bastiansick.de/fundstuecke/hai-kann-wieder-laufen/) sehen Sie richtig: Da „das Mädchen“ sächlich ist, lautet das Pronomen tatsächlich „sein“. Es liegt also kein grammatischer Fehler vor. Allein die Möglichkeit, das „sein“ auch auf den Hai zu beziehen, ist es, was den Artikel komisch macht.
      Auch das zweite Beispiel lädt zu einer missverständlichen Deutung ein, ohne einen grammatischen Fehler zu enthalten. So funktioniert Humor sehr oft: Der Leser/Zuschauer muss an etwas denken, was gar nicht gemeint war, und deshalb lacht man.

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    Nein Nein Nein, die Qualität hat doch hier offensichtlich SEINEN Preis, nämlich den des Präsidenten des Landesverbands, Ulrich Haage. Was auch immer dieser Preis sein möge …

    (Übrigens nervt das webdesign hier – ständig werden mir die ersten Zeilen verdeckt vom nachrutschenden Header … :-o)

    • Bastian Sick

      Sehr geehrter Herr Bauer, mit welchem Gerät haben Sie diesen Artikel aufgerufen? PC, iPad, Tablet oder Smartphone? Die Darstellung ist leider jedes Mal ein wenig anders, was den unterschiedlichen Größen und Formaten zu schulden ist. Ich habe meine Website ja extra auf WordPress umstellen lassen, damit sie auf allen Geräten gleich gut angezeigt wird.

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    2 Widersprüche:

    1. Ich bin Mathe-Lehrer und denke, die Beschreibung „jeder 4. Patient“ entspricht einer Gruppe von Menschen, die dann sehr wohl eben den Gebrauch des Plurals vorschriebe.

    2. Und Die A-Klase hat auch eben nicht ihre Klasse, sondern Das Auto SEINER Klasse eben …

    Und mit „seiner“ und „ihrer“ können immer auch Personnen oder Dinge gemeint sein, die im (Ab)Satz vorher Erwähnung gefunden haben könnten …

  5. Avatar

    Hmm … die Maid – das Mädchen … aber es macht höchst unzufrieden. Man denke nur an einen Satz wie diesen: „Das Frauchen von Hassan, dem Hofhund – seine Beine sind sehr schön …“

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