Samstag, 26. September 2020
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Von Modezaren und anderen Majestonymen

Was wäre eine demokratische Gesellschaft ohne Könige? Leidenschaftslos wählen wir unsere Parlamentarier, und leidenschaftlich rufen wir immer neue Zaren, Fürsten und Päpste aus. Zum Teufel mit der Bourgeoisie – seid umarmt, ihr Majestäten!

Zwar haben wir die Monarchie vor fast 90 Jahren abgeschafft, doch noch immer wimmelt es in unseren Nachrichten von gekrönten Häuptern. Und dies gilt längst nicht nur für die Regenbogenpresse, die Woche für Woche die Gier ihrer Leserinnen und Leser nach glamouröser und skandalträchtiger Hofberichterstattung stillt und nährt. Über Kaiser und Könige wird auch in anderen Blättern berichtet. Selbst dann, wenn die Persönlichkeiten, um die es geht, in ihrem Leben niemals Kaiser oder Könige gewesen sind. Die Verleihung von Herrschertiteln ist im Journalismus selbstverständlich. Zu jedem großen Namen gehört ein majestätisch klingendes Synonym, ein „Majestonym“.

Als im Januar 2005 der Münchner Modemacher und Boutiquenbesitzer Rudolph Moshammer ermordet wurde, las man die Bezeichnung „Modezar“ in sämtlichen Zeitungen und Zeitschriften. Auch die gehobene Presse, von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über den „Spiegel“ bis zur „Neuen Zürcher Zeitung“ verweigerte dem Mordopfer den Kniefall nicht und sprach ihm schonungslos die Zarenwürde zu. Moshammers Tod bedeutet freilich nicht das Ende des (Mode-)Zarentums. Solange es berühmte Designer wie Jean-Paul Gaultier und Karl Lagerfeld gibt, solange wird man sie mit dem Etikett „Modezar“ bekleben.

Was das Zarentum für die Mode, sind die Moguln für die Medien. In Indien, wo sie einst das Sagen hatten, gibt es diese muslimischen Herrscher mongolischer Abstammung schon lange nicht mehr. In der deutschen Presse leben sie jedoch munter fort. Wann immer man einen Bericht über den amerikanisch-australischen Zeitungs- und Fernsehunternehmer Rupert Murdoch liest, findet man dort unter Garantie den Begriff „Medienmogul“. Auch der inzwischen Pleite gegangene Filmhändler Leo Kirch wurde gern als „Medienmogul“ bezeichnet, genauso wie natürlich Silvio Berlusconi. Die ebenfalls gern verwendete Bezeichnung „Medientycoon“ trifft es schon eher, denn das chinesisch-japanisch-englische Wort „Tycoon“ bezeichnet einen einflussreichen, mächtigen Geschäftsmann oder einen Industriemagnaten. Aber „Mogul“ ist weitaus beliebter, zumal sich im Zusammenklang mit „Medien“ ein hübscher Stabreim ergibt.

Als der italienische Lebensmittelkonzern Barilla die deutsche Bäckereikette Kamps übernahm, las man prompt vom „Nudelkönig Barilla“. Überhaupt: Könige gibt es zuhauf. Man kennt „Kekskönige“, „Möbelkönige“, jede Menge „Bierkönige“ und sogar „Harry, den Fliesenkönig“. Einst gab es den Walzerkönig Johann Strauß, heute gibt es immerhin noch den Schlagerkönig Ralph Siegel. Und nicht zuletzt gehört in diese Reihe natürlich (Fußball-)Kaiser Franz Beckenbauer.

Aller demokratischen Einsicht und Überzeugung zum Trotz scheint die Sehnsucht nach Monarchie lebendig geblieben zu sein. Übrigens nicht nur bei uns Deutschen: Auch die US-Amerikaner, die nie einen König hatten, verteilen großzügig Königskronen. Man denke nur an Elvis, den „King of Rock ’n‘ Roll“, oder an Michael Jackson, von vielen ehrfürchtig „King of Pop“ genannt.

In einem Interview mit dem Kölner „Express“ wurde die deutsche Sängerin Andrea Berg als „Musik-Königin“ angesprochen. Dieser Titel wollte ihr jedoch nicht behagen, denn sie wies ihn mit den Worten zurück: „Ich bin keine Königin. Königinnen werden am Ende geköpft. Und das wäre kein schönes Schicksal für mich!“ Das war eine verblüffend kluge Begründung. Einen Monat später schrieb der „Express“ erneut über Andrea Berg – und bezeichnete sie diesmal als Schlagerkönigin.

Wer sich auf einem Gebiet als Spezialist erwiesen hat, wird schnell und mit Begeisterung zum „Guru“ verklärt. Im deutschen Blätterwald wimmelt es nur so von Gurus. Da gibt es den Diät-Guru Robert Atkins, den Theater-Guru Jürgen Flimm, den Gitarren-Guru Carlos Santana, den Pop-Guru Diedrich Diederichsen, sogar einen Teppich-Guru Hans Eitzenberger, einen Schuh-Guru Manolo Blahnik, und nicht zu vergessen den Frisuren-Guru Udo Walz. Ein Guru ist ein religiöser Lehrer im Hinduismus, das Fremdwörterbuch definiert ihn außerdem als eine „von einer Anhängerschaft als geistiger Führer verehrte Persönlichkeit“. Mit der Unabhängigkeit der Presse kann es nicht weit her sein, wenn sie sich tagtäglich hundertmal irgendwelchen geistigen Führern unterwirft.

Und auch Päpste gibt es mehr als nur den einen in Rom. Literaturpäpste zum Beispiel, wie Marcel Reich-Ranicki. Experte oder Meister zu sein genügt eben nicht. Ein Hauch von Nerz, genauer gesagt von Hermelin, muss schon sein. Offenbar steht es nicht einmal im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien, von „Parteifürsten“ zu sprechen. Auch „Landesfürsten“ gibt es in unserer Republik zuhauf, allen Revolutionen zum Trotz. Journalisten mögen auf diese Majestonyme nicht verzichten. Woher sie das wohl haben? Von Sprachpapst Wolf Schneider bestimmt nicht.

(c) Bastian Sick 2005


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.

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