Freitag, 18. September 2020
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Zweifach doppelt gemoppelt

Ein alter Greis, der im dichten Gedränge verschwindet, ein schneller Raser, der auf einer Baumallee verunglückt ist – so etwas hört und liest man manchmal ab und zu. Streng genommen sind solche Wortpaare und Zusammensetzungen jedoch unsinnig – doppelt gemoppelt nämlich.

Denn Greise sind immer alt, und im Gedränge steht man immer dicht an dicht. Raser würden nicht Raser genannt, wenn sie nicht tatsächlich schnell führen, und ohne Bäume wären Alleen auch keine Alleen, sondern gewöhnliche Straßen. Solche Bedeutungsverdopplungen nennt man Pleonasmen. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Überfluss“, „Übermaß“ – bezogen auf den sprachlichen Stil also eine überflüssige Häufung sinngleicher oder sinnverwandter Begriffe. So erklärt es auch der Duden und führt als Beispiele den weißen Schimmel und den schwarzen Rappen an.

Pferdeliebhaber indes wissen, dass Schimmel längst nicht immer weiß sind, sondern in der Regel dunkel geboren werden und erst im Laufe der Zeit aufhellen. So gibt es Schimmel in allen möglichen Schattierungen: als Apfelschimmel, Fliegenschimmel, Fuchsschimmel, Rotschimmel und Blauschimmel (nicht zu verwechseln mit Käse), als Grauschimmel, Braunschimmel und sogar als Schwarzschimmel. Ein weißer Schimmel ist also keine Selbstverständlichkeit.
Auch hinter „kleinen Zwergen“ muss nicht zwangsläufig ein Pleonasmus stecken. Denn alles ist bekanntlich relativ, und wer wollte ernstlich behaupten, dass alle Zwerge gleich groß (oder gleich klein) seien? Einige mögen größer sein als andere, und nicht umsonst heißt es im Volksmund: Auch Zwerge haben mal klein angefangen.

Eng verwandt mit Pleonasmen sind Tautologien, das sind gleichbedeutende Wörter derselben Wortart, also Wortpaare wie „angst und bange“, „ganz und gar“, „immer und ewig“, „schlicht und einfach“, „nie und nimmer“, „schließlich und endlich“, „aus und vorbei“, „still und leise“. Diese Doppelungen gelten als rhetorische Stilmittel und sind daher über jede sprachliche Kritik erhaben.

Natürlich können auch Pleonasmen als bewusst eingesetztes Stilmittel dienen. Oftmals allerdings entstehen sie aus schlichter Unwissenheit. Das betrifft vor allem die Zusammensetzungen aus Fremdwörtern und deutschen Vorsilben. Wer hätte nicht schon einmal von einem „vorprogrammierten Chaos“ gesprochen – wiewohl ein „programmiertes Chaos“ völlig genügen würde, denn programmiert wird immer im Voraus. Oder haben Sie schon mal von einem nachprogrammierten Ereignis gehört? Ein weiterer Dauerbrenner unter den Überflusswörtern ist das Verb „aufoktroyieren“ – eine Verschmelzung aus dem französischen Lehnwort „oktroyieren“ und der deutschen Übersetzung „aufzwingen“.

Meine Nachbarin Frau Jackmann ist eine Meisterin der Sinnverdoppelung. Als ich einzog, klärte sie mich detailliert über alle Mitbewohner des Hauses auf: „Die Lüders aus dem Erdgeschoss haben vier Jungs, richtige Rabauken, vor allem die zwei Zwillinge. Also wundern Sie sich nicht über den Krach!“ Ich wunderte mich vor allem über den Hinweis, dass die Lüders zwei Zwillinge haben. Ich hätte mehr erwartet. Frau Jackmann überbot sich gleich darauf selbst, indem sie mir verriet, dass neben den Lüders ein „Zweierpärchen“ wohne. Sollte es noch einen Untermieter aufnehmen, hätte man es dann mit einem „Dreierpärchen“ zu tun? Im ersten Stock links wohne Herr Schaller, ein sehr netter Vertreter, von dem sie schon manches Mal ein „Gratis-Geschenk“ bekommen habe.

Und in der Wohnung rechts lebe der „geschiedene Exmann“ von Carolin Ölter, der Tochter von Manfred Ölter, der mit Billigmärkten im Osten reich geworden ist. Der sei heute ein „mehrfacher Multimillionär“. Einmal sei sie der Carolin Ölter ja wirklich begegnet. Die sah aber gar nicht aus wie eine Millionärstochter, denn ihr Halsschmuck war ein „künstliches Imitat“, das habe man sofort gesehen.

Als mein Freund Henry mich das erste Mal besuchte und sofort über den Zustand des Treppenhauses zu lamentieren begann, gab Frau Jackmann ihm Recht und klagte: „Ich habe dem Hausmeister bereits schon gesagt, dass das Treppenhaus dringend neu renoviert werden muss, aber im augenblicklichen Moment scheinen die Eigentümer angeblich kein Geld dafür zu haben.“ Vier Pleonasmen in einem Satz! Das muss ihr erst mal jemand nachmachen! Henry nennt sie seitdem respektvoll „Jackie Pleonassis“. Wer in seiner Gegenwart von „ABM-Maßnahmen“ spricht, wird kostenlos über die Bedeutung des Buchstabens „M“ in „ABM“ aufgeklärt. „Spontane Reflexe“ lässt Henry genauso wenig gelten wie „natürliche Instinkte“, zumal das die Existenz unspontaner Reflexe und unnatürlicher Instinkte voraussetzen würde, wie Henry sagt. Und wenn der Fernsehkoch zum Tranchiermesser greift und spricht: „So, und nun müssen wir das Ganze einmal schön in der Mitte halbieren“, dann schaltet Henry um.

Bei Frau Jackmann ist das „umgekehrte Gegenteil“ der Fall. In pleonastischer Hinsicht ist eine Unterhaltung mit ihr immer lohnend. Frau Jackmann würde sagen: „lohnenswert“. Sie hat zu allem eine „persönliche Meinung“, und ich habe es bislang wohlweislich vermieden, sie nach ihrer unpersönlichen Meinung zu fragen. In politischen Fragen ist sie unerbittlich. Nahezu alle Probleme unserer Zeit, sagt sie, seien die Folge der „weltweiten Globalisierung“. Ja, Frau Jackmann kennt sich aus! „Als der Schröder an die Regierung kam, da haben sich doch alle falsche Illusionen gemacht.“ Offenbar macht sie sich lieber richtige Illusionen. Als es zur Großen Koalition kam, meinte sie: „Jetzt suchen natürlich alle nach einer gemeinsamen Schnittmenge!“ Als die Koalition aus CDU und SPD dann stand, sagte sie achselzuckend: „Naja, eine andere Alternative gab es in dieser Situation wohl auch nicht!“ Womöglich gibt es nie mehr als eine einzige Alternative, wenn überhaupt. Aber darüber will ich mit Frau Jackmann lieber nicht diskutieren.

Henry hat da weniger Skrupel. Letzte Woche traf er Frau Jackmann auf der Treppe. „Es gibt Regen“, rief sie ihm zu. „Wie kommen Sie darauf“, fragte Henry erstaunt, „es ist doch kein Wölkchen am Himmel zu sehen!“ – „Ich spür das“, sagte sie, „ich hab da so ein inneres Gefühl!“ Henry erwiderte, ihr „inneres Gefühl“ sei ein Pleonasmus. Seitdem hält sie ihn für einen Arzt. Da sind falsche Missverständnisse natürlich bereits schon im Vorfeld vorprogrammiert.

(c) Bastian Sick 2005


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.


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Ein Kommentar

  1. Avatar
    Natalie Birdwell

    Die Pleonasmen in allen Ehren, aber was mich noch viel höher auf die Palme treibt, ist, wenn Menschen sagen: „Ja, das passiert mir auch immer manchmal!“
    Grrrrrrrr…

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