Dienstag, 24. April 2018
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Kommt ein Flieger geflogen

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Wer etwas kauft, ist ein Käufer. Und wer siegt, der ist ein Sieger. Wer lügt, ist ein Lügner, und wer fliegt — ist der ein Flieger? Jeder Mensch träumt, aber nicht jeder ist gleich ein Träumer. Fast jeder Mensch denkt, aber die wenigsten sind Denker.

In einem Café in Buenos Aires verabschiedet sich ein junger Mann aus Deutschland von seiner argentinischen Verwandtschaft. „Mein Flieger geht um 17 Uhr“, sagt er, woraufhin seine Tante missbilligend erwidert: „Flieger? Du meinst Flugzeug!“ Der junge Mann zuckt nur mit den Schultern und lacht: „Von mir aus auch das, Tante Paula. Flieger oder Flugzeug, das ist doch dasselbe!“ Da ist Tante Paula aber anderer Meinung: „Ein Flieger ist ein Mensch, der ein Flugzeug fliegt“, erklärt sie mit Bestimmtheit, „also ein Pilot. So wie ein Fahrer jemand ist, der ein Fahrzeug fährt, und nicht das Fahrzeug selbst. Ein BMW ist kein Fahrer, und eine Boeing ist kein Flieger.“ — „Vielleicht war das früher mal so“, sagt der Neffe, „aber manche Wörter ändern ihre Bedeutung. Bei uns in Deutschland wird das Wort Flieger heute auch im Sinne von Flugzeug gebraucht.“ Tante Paula stößt einen Seufzer aus: „Armes Deutschland!“

Ganz so schlimm steht es zum Glück nicht um unsere Kultur. Dass Wörter im Laufe der Zeit ihre Bedeutung ändern oder eine zweite Bedeutung hinzugewinnen können, ist nichts Ungewöhnliches. Die Begründung, mit der Tante Paula die Verwendung des Wortes „Flieger“ im Sinne von „Flugzeug“ abqualifiziert, ist ohnehin recht löchrig. Denn durch Anhängen der Endung „-er“ lassen sich aus Verbstämmen nicht allein Menschen erzeugen, sondern auch praktische Dinge wie Einrichtungsgegenstände oder Maschinen. Zweifellos ist ein Leser jemand, der liest, und ein Zuhörer jemand, der zuhört — aber ein Rechner ist nicht etwa ein Mensch, der rechnet, sondern die Maschine, die dem Menschen das Rechnen (und zunehmend auch das Nachdenken) abnimmt.

Ein Läufer kann sowohl jemand sein, der läuft, als auch etwas, auf dem gelaufen wird. Läufer ist nämlich auch eine Bezeichnung für einen längeren, schmalen Teppich. Diese Bezeichnung ist vielen Jüngeren nicht mehr geläufig, da der Teppichläufer ein wenig aus der Mode gelaufen — will sagen: geraten ist.

Oft bezeichnet die Ableitung auf „-er“ auch jemanden, der in gewisser Weise qualifiziert ist: Ein Denker ist nicht einfach nur jemand, der denkt. Wer einmal irrt, ist auch nicht gleich ein Irrer. Nicht jeder, der sprechen kann, ist ein Sprecher. Es ist zum Glück auch nicht jeder, der etwas trinkt, gleich ein Trinker. Und wer sich auf einen Stuhl setzt, ist noch lange kein Setzer. Zwar ist ein Turmspringer jemand, der von einem Turm springt, doch deswegen ist ein Türklopfer noch lange kein Mensch, der an eine Tür klopft. Sonst wäre ein Salzstreuer womöglich ein Angestellter im Restaurant, der Ihnen Salz aufs Essen streut. Und ein Gabelstapler eine Aushilfskraft, die Gabeln stapelt. Ein Sattelschlepper wäre jemand, der den Reitern ihre Sättel bringt, und ein Zitronenfalter ein Arbeiter, der Südfrüchte zusammenlegt. Und wäre Büstenhalter ein Ausbildungsberuf, dann gäbe es bei männlichen Schulabgängern keine Perspektivlosigkeit mehr.

Während meines Militärdienstes bei der Luftwaffe wurde ich zum „Fernschreiber“ ausgebildet. Ich weiß noch, wie wir jungen Rekruten uns darüber amüsierten. Denn ein Fernschreiber war für uns eine Maschine und kein Mensch. Doch man belehrte uns, dass die Maschinen „Fernschreibgeräte“ seien und wir die Fernschreiber — sofern wir die Prüfung bestünden. Andernfalls würden wir nur Kabelträger. Auch über diesen sprachlichen Zweifelsfall ist die Geschichte hinweggegangen: Die Fernschreibgeräte von damals stehen längst im Technik-Museum. Und auch die menschlichen Fernschreiber sind mittlerweile ausgemustert worden.

Ein weiteres Beispiel für den Bedeutungswandel ist der Drucker. Bis in die achtziger Jahre verstand man darunter ausschließlich einen Menschen, der in einer Druckerei arbeitet und eine Druckmaschine bedient. Heute denkt man bei dem Wort „Drucker“ als erstes an ein Gerät, das im günstigen Fall Papier bedruckt und uns ansonsten ständig auffordert, sündhaft teure Tintenpatronen nachzukaufen. Das berühmte Beispiel für den sinnvollen Einsatz eines Bindestrichs zur Unterscheidung zwischen Drucker-Zeugnis und Druck-Erzeugnis droht ebenfalls ins Museum abgeschoben zu werden.

Im Süden Brasiliens lebt eine kleine deutschsprachige Gemeinde, die noch heute einen Dialekt pflegt, wie er zum Zeitpunkt der Auswanderung im 19. Jahrhundert gesprochen wurde. Dieses sogenannte Hunsrück-Deutsch ist für andere Deutschsprechende kaum zu verstehen. Fern der Heimat, waren die Hunsrück-Deutschen von der Entwicklung der deutschen Sprache abgeschnitten. So ging die Einführung des Wortes „Matratze“ komplett an ihnen vorbei. Noch heute sagen sie „Strohsack“. Und auch „Flugzeug“ ist für sie ein abgehobener Modernismus, mit dem sie nicht viel anfangen können. Sie sagen stattdessen „Luftschiff“. Sollte Tante Paula jemals nach Brasilien reisen und dort auf eine Gruppe von Hunsrück-Deutschen stoßen, würde man sie womöglich verständnislos belächeln, wenn sie etwas von einem „Flugzeug“ erzählte. „Das ist doch ein Luftschiff!“, würde man ihr sagen, woraufhin Tante Paula energisch erwiderte: „Aber nein, glauben Sie mir, in Deutschland sagt man schon lange Flugzeug dazu!“ Und die Hunsrück-Deutschen würden die Köpfe schütteln und murmeln: „Armes Deutschland!“

(c) Bastian Sick 2008


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 4“ erschienen.

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3 Kommentare

  1. Mein Lieblingsbeispiel hierzu ist immer das Wort „Spaghettiträger“.

  2. Nu ja, die deutsche Sprache hat nun einmal ihre Eigenheiten. Ich denke da z.B. an Schweineschnitzel vs. Kinderschnitzel.
    Zum Thema „Flieger“: Laut Duden ist Flieger für Flugzeug umgansgsprachlich. Ich persönlich halte die Verwendung von Flieger für Flugzeug genauso falsch die Verwendung wie Fahrer für Fahrzeug. Aber wie ist das mit dem Tret- oder Motorroller?
    Falsch ist meines Erachtens auch Fernseher für Fernsehgerät – obwohl der Duden dies wieder als umgangssprachlich zulässt.
    Ein weites Feld! Für mich sind die Beispiele Symptome für eine allgemeine Verflachung der Sprache. Dazu noch ein Beispiel: Wie oft habe ich in Fotomagazinen Kritiken über die „Linse“ gelesen. Gemeint ist das Objektiv. Ob da nicht wieder die McDonaldisierung der deutschen Sprache dahinter steckt?

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