Samstag, 17. Oktober 2020
Home / Kolumnen / Vom Weiblichen des Schiffs

Vom Weiblichen des Schiffs

Der Passat von VW war männlich, aber die »Passat« in Travemünde ist weiblich

Schon als Kind beschäftigte mich die Frage, warum Schiffsnamen eigentlich immer einen weiblichen Artikel haben. Der Passat von VW war schließlich männlich, aber die „Passat“ in Travemünde ist weiblich. Genau wie die „Europa“, die „Gorch Fock“ und die „Peter Pan“. Als Erwachsener kannte ich die Antwort und habe daraus eine Quizfrage gemacht, die ich bei meinen Lesungen dem Publikum stelle. Und wie es sich für eine Quizfrage gehört, gebe ich vier mögliche Antworten vor:  

Die meisten Leser stimmen für Antwort c) oder d). Die Auflösung ist daher stets mit einer Überraschung verbunden. Vom Geschlecht der Schiffstypen kann es nicht kommen, denn es gibt ebenso männliche wie weibliche Schiffstypen: Der Klipper, der Ever, der Schoner und der Windjammer sind allesamt männlich. (Der Windjammer hat übrigens nichts mit deutscher Jammerei zu tun, sondern ist eine Zusammensetzung aus englisch „wind“ und „jam“, das „pressen“ bedeutet. Windjammer heißt also wörtlich übersetzt „Windpresser“.) Es gibt sogar einige wenige Schiffstypen mit sächlichem Artikel – wie das Kraweel, das Hanseschiff der Neuzeit, das die mittelalterliche Kogge ablöste. Das größte deutsche Kraweel war ein Schiff namens „Peter von Danzig“, das zur Hansezeit übrigens der „Peter von Danzig“ genannt wurde, also einen männlichen Artikel trug. Schiffsnamen waren folglich nicht immer durchgehend weiblich. 

Kraweel »Peter von Danzig«, zu Hansezeiten noch männlichen Geschlechts


Auch wer da glaubt, dass es womöglich dem Einfluss des Französischen zu schulden sei, der Sprache der Galanterie, befindet sich im Irrtum, denn im Französischen sind alle Schiffsnamen männlich: le France, le Norway, le Titanic etc. Das wiederum liegt am Geschlecht des Wortes „Schiff“, das im Französischen männlich ist: le navire. Automarken wiederum sind im Französischen weiblich, weil das Wort für „Wagen“, la voiture, weiblich ist: la Peugeot, la Mercedes, la Volkswagen. Also genau anders herum als im Deutschen. Dass bei uns alle Schiffsnamen weiblich sind, kommt aber tatsächlich von einer Fremdsprache, wenn auch nicht vom Französischen. Die richtige Antwort lautet: b) aus dem Englischen, denn dort ist es ebenso.

Auch im Englischen sind Schiffe weiblich, was sehr ungewöhnlich ist, denn normalerweise sind alle Hauptwörter im Englischen geschlechtslos, sogenannte „it“-Wörter. Doch beim Schiff gebrauchen die Engländer das Pronomen „she“ statt „it“.  

Das hängt damit zusammen, dass Seeleute ihr Schiff als etwas Weibliches empfanden. Die rundlichen Formen des Schiffsbauchs mögen dazu ebenso beigetragen haben wie die Galionsfiguren, die oft Frauen darstellten. In Ermangelung weiblicher Begleitung wurde das Schiff zu ihrer Geliebten: Es musste von ihnen auf Kurs gebracht, im Sturm gebändigt und täglich geschrubbt werden. Es musste rund um die Uhr bewacht und notfalls mit dem Leben verteidigt werden. So etwas tun Männer sonst nur für ihre Frau – oder für ihr Auto. Im Englischen kamen daher auch Autos zu einem weiblichen Geschlecht: „Look my new car. Isn’t she beautiful?“

Nachdem die Engländer die Hanse als vorherrschende Handelsmacht abgelöst hatten, wurden viele Seefahrtsausdrücke aus dem Englischen übernommen, und damit auch das Geschlecht von Schiffsnamen. 

Wer für Antwort d) gestimmt hat, der lag gründlich daneben, denn Kaiser Wilhelm II. war nun wahrlich der Letzte, dem es gefiel, dass alle Schiffsnamen ein weibliches Geschlecht hatten. Schließlich stand er für das Patriarchat. Wenigstens diejenigen Schiffe, die nach männlichen Personen benannt waren, wie der Schlachtkreuzer „Graf Spee“ oder der Panzerkreuzer „Fürst Bismarck“, sollten nach Ansicht des Kaisers männlichen Geschlechts sein.  

Die oder der »Imperator«? Ein Streit um des Kaisers Bart.

Als die Reederei Hapag im Jahr 1912 ihren bis dahin größten Passagierdampfer auf den Namen „Imperator“ taufen ließ, geschah dies auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers mit männlichem Artikel: Das Schiff sollte derImperator“ und nicht dieImperator“ genannt werden. Dann brach der Erste Weltkrieg aus, das Kaiserreich ging unter, und damit auch der Versuch, Schiffsnamen auf männlich zu trimmen. Der „Imperator“ wurde von den Siegermächten einkassiert und kam schließlich zur Cunard-Reederei, die das Schiff in „Berengaria“ umbenannte.
Und Kaiser Wilhelm II. musste ins Exil nach Holland, wo übrigens alle männlichen  und weiblichen Wörter denselben Artikel haben: de man, de vrouw, de imperator. Das hatte er nun davon.

© Bastian Sick

Dieser Beitrag erschien auch (in gekürzter Form) in den »Lübecker Nachrichten« vom 26.7.2020

Lesen Sie auch:

Kein oder keinen Millimeter?

Am Sonntag nach der Wahl schlendern meine Freundin Sibylle und ich durch die Innenstadt. Als …

Ein Kommentar

  1. Avatar
    Christian Schmidt

    Die Klipper, die Ever, die Schoner, die Windjammer und die Krawell gibt es aber auch. Sind eigentlich die Plurale aller nicht-weiblichen Schiffstypen identisch mit der Einzahl? Und wenn ja, warum?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *