Samstag, 28. November 2020
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Warum ein Mund-Nase-Schutz nicht ausreichend ist

Der Zwiebelfisch erklärt, wieso es Mund-Nasen-Schutz und Hals-Nasen-Ohren-Arzt heißt, auch wenn jeder Mensch nur eine Nase hat.

Eine Leserin wollte kürzlich von mir wissen, wieso es »Mund-Nasen-Schutz« heiße. Jeder Mensch habe doch nur eine Nase. Müsse es daher nicht eigentlich »Mund-Nase-Schutz« heißen?

Eine interessante Frage, die mir nicht zum ersten Mal gestellt wurde. So wurde ich früher schon von einem anderen Leser gefragt, warum der HNO-Arzt eigentlich »Hals-Nasen-Ohren-Arzt« genannt werde. Bei Ohren sei der Plural klar, denn davon habe jeder Mensch zwei. Aber Nasen doch nur eine. Sei daher nicht die Bezeichnung »Hals-Nase-Ohren-Arzt« zutreffender? Und wenn man schon alles in den Plural setze, warum dann nicht auch den Hals? Ein »Hälse-Nasen-Ohren-Arzt« klingt natürlich drollig, doch in Wahrheit geht es gar nicht um Einzahl oder Mehrzahl, sondern um die Regeln der Zusammensetzung. 

Für die Grammatik spielt es nämlich keine Rolle, wie viele Nasen der Arzt vor sich hat. Er ist ein Spezialist für den Hals, die Nase und die Ohren, und das wird in der Zusammensetzung zum »Hals-Nasen-Ohren-Arzt«, weil zweisilbige Hauptwörter, die auf ein unbetontes »e« enden, bei Zusammensetzungen immer ein »n« erhalten. 

Das sieht man zum Beispiel bei der Mühle, die in Zusammensetzungen immer zu »Mühlen-« wird, ob nun beim Mühlenflügel, beim Mühlenbach oder beim Mühlendamm. Und es dreht sich dabei immer nur um eine Mühle, eine Mehrzahl wird durch das »n« also nicht ausgedrückt. 

Ein anderes Beispiel liefert die Sonne. In unserem System gibt es nur eine Sonne, daher kann bei Zusammensetzungen wie Sonnenlicht und Sonnenschein nicht von mehreren Sonnen die Rede sein. Gerade deshalb behauptete mal ein Leser, dass es eigentlich doch »Sonnebrille« und »Sonneschirm« heißen müssen, da man sich auf der Erde doch nicht gegen mehren Sonnen bebrillen und beschirmen müsse. Und streng genommen sei unser System auch kein Sonnensystem, sondern nur ein Sonnesystem. 

Doch auch hier lautet die Erklärung: Es hat nichts mit Einzahl oder Mehrzahl zu tun, sondern mit den Regeln der Zusammensetzung, und die Sonne erhält genau wie die Mühle und die Nase bei Zusammensetzungen ein »n«, weil alle zweisilbigen Hauptwörter, die auf auf ein unbetontes »-e« enden, ein solches »n« bekommen. Man nennt es auch ein Fugen-n, so wie es bei anderen Wörtern ein Fugen-s gibt: Aus »Arbeit« und »Platz« wird der »Arbeitsplatz«, aus »Regierung« und »Chef« wird »Regierungschef«. Es geht der Grammatik also nur darum, eine Fuge zu füllen, damit man’s besser sprechen kann. So wird das Fest der Freude zum »Freudenfest« und der Becher für die Asche zum »Aschenbecher«, auch wenn man das »n« nicht überall mitspricht und ein Hesse vielleicht nur »Aschebäscha« sagt. Freilich gibt es Ausnahmen, wie zum Beispiel das Sägemehl, das eigentlich Sägenmehl heißen müsste. Aber »n« vor »m« spricht sich nicht gut, daher ist es weggefallen. 

In Köln habe ich mal mal ein Graffito gesehen, das mich zum Lachen brachte. Dort stand: » … geht ’n Zyklop zum Augearzt.« Klar, der Zyklop hat nur ein Auge, und dennoch gelten für ihn dieselben grammatischen Regeln wie für alle anderen, sodass auch er nur zum Augenarzt gehen kann.

Zur Frage der Zusammenschreibung: Die Drei-Komponenten-Regel

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4 Kommentare

  1. Avatar

    Heißt Sägemehl vielleicht deshalb Sägemehl, weil es von dem Verb sägen abgeleitet ist und nicht von dem Substantiv Säge?

    • Bastian Sick

      Käme es vom Verb, würde man aber nur den Verbstamm nehmen. So wie beim »Trinkbecher« (von trink-en) und beim »Gehsteig« (von geh-en) und beim »Singspiel« (von sing-en). Nach dieser Logik müsste es Sägmehl heißen.

  2. Avatar

    Die Sache mit dem Fugen-s bei Zusammensetzungen mit „Arbeit-“ ist allerdings nicht so eindeutig, oder? Da gibt es ja auch die Gegenbeispiele „Arbeitnehmer“ und „Arbeitgeber“.
    Wissen Sie, woher das kommt?

    • Bastian Sick

      Eine interessante Frage, liebe Frau Lehmann. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind auf jeden Fall Wortschöpfungen der jüngeren Zeit, und möglicherweise wurden sie von Juristen geprägt, die gern das Fugen-s weglassen wie bei der Einkommenssteuer und dem Schadensersatz, die im Juristendeutsch »Einkommensteuer« und »Schadenersatz« heißen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind jedenfalls die einzigen Zusammensetzungen mit Arbeit-, die ohne Fugen-S auskommen. Der Arbeitsvermittler und der Arbeitslose haben wiederum ein Fugen-s.

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