Donnerstag, 21. Oktober 2021

Das Schönste, wo gibt

Dadaismus, Kubismus und Surrealismus sind lange passé. Wir leben im Zeitalter des Wowoismus. Das zeigt sich sofort, wo ein Nebensatz gebildet wird. Darum folgt an dieser Stelle ein Kapitel, wo es um das kleine Wörtchen „wo“ geht. Für alle, die wo noch unsicher sind.

Turmbauer sind Menschen, die einen Turm errichten (zum Beispiel die Babylonier), Häuslebauer sind Menschen, die fleißig schaffen, um sich ein eigenes Haus leisten zu können (zum Beispiel die Schwaben). Und Satzbauer – nun, das sind die, wo einen Satz konstruieren. Dazu bedarf es keiner besonderen Herkunft oder Ausbildung, das lernt man in der Regel schon als Kind. Trotzdem ist das Zusammenbauen von Sätzen kein Kinderspiel.

Denn es gilt zu unterscheiden zwischen Hauptsätzen und Nebensätzen, und bei den Nebensätzen wiederum gibt es unzählige Untergruppen: Subjektsätze, Objektsätze, Infinitivsätze, Temporalsätze, Kausalsätze, Modalsätze und viele mehr. Das ist zum Glück weniger kompliziert, als es sich anhört, denn man muss nicht wissen, wie so ein Nebensatz heißt, um ihn richtig bilden zu können. Wir sind schließlich auch in der Lage, eine Mahlzeit korrekt zu verdauen, ohne zu wissen, ob nun gerade der Zwölffingerdarm, der Leerdarm, der Krummdarm, der Grimmdarm oder Mastdarm aktiv ist. Die meisten Menschen wissen vermutlich nicht einmal, dass sie so viele Därme haben. Und für den Satzbau gilt dasselbe wie für die Verdauung: Entscheidend ist, was am Ende dabei herauskommt.

Die häufigsten Nebensätze sind sogenannte Attributsätze. Sie haben die Aufgabe, ein Element des Hauptsatzes näher zu bestimmen. Um einen solchen Attributsatz einzuleiten, bedient man sich eines Relativpronomens. Die bekanntesten sind „der“, „die“ und „das“.
Einige Attributsätze werden auch mit dem Wort „wo“ eingeleitet. Standardgemäß tritt es immer dann auf den Plan, wenn im Hauptsatz ein „da“ oder „dort“ auftaucht, welches eine nähere Bestimmung erfordert: „Heimat ist überall dort, wo man sich zu Hause fühlt“; „Da, wo ich herkomme, kennt man das nicht“. Die meisten Deutschen lieben dieses kleine Wörtchen „wo“, vermutlich, weil es so schön kurz und prägnant und gut auszusprechen ist. Daher verwenden sie es auch dort, wo Sprachpuristen lieber eine Fügung aus Präposition plus Pronomen sähen.

Das Land, wo Milch und Honig fließen, ist nicht weniger märchenhaft als das Land, in dem einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Und der Punkt, wo Parallelen sich berühren, liegt ebenso in der Unendlichkeit wie jene Stelle, an der sie sich berühren. An dem ehemännlichen Versprechen „In dem Jahr, wo wir Weihnachten mal nicht zu deinen Eltern fahren, bekommst du von mir einen Pelzmantel“ können allenfalls Tierschützer Anstoß nehmen. Denn die Verwendung des Wortes „wo“ ist auch bei Zeitangaben zulässig. Wer sich auf den Moment freut, wo die Tänzerin aus der Torte springt, der kann dies reinen Gewissens tun. Er muss nicht auf den Moment warten, in dem das geschieht.

Doch nicht in allen Fällen stellt „wo“ eine akzeptable Lösung dar. Wenn der zu bestimmende Zeitpunkt in der Vergangenheit liegt, ist „als“ die bessere Wahl. Das Chanson „Am Tag, als der Regen kam“ heißt im französischen Original zwar „Le jour où la pluie viendra“, und dieses „où“ ist das französische Wort für „wo“, doch im Deutschen hätte „Am Tag, wo der Regen kam“ sehr seltsam geklungen.

Dessen ungeachtet hat sich „wo“ in der Umgangssprache als eine Art Universalpronomen etabliert. Längst wird es auch dann gebraucht, wenn weder ein Ort noch ein Zeitpunkt gemeint sind. Eine Frage wie „Kennst du den Film, wo Arnold Schwarzenegger einen russischen Agenten spielt?“ ist heute ebenso selbstverständlich wie die Klage „Man findet kaum noch eine Zeitung, wo auf Rechtschreibung geachtet wird“. Diese Praxis gilt (noch) nicht als salonfähig, auch wenn die Zahl ihrer Befürworter stetig wächst.

Ob „Othello“ nun ein Stück ist, „wo“ es um einen eifersüchtigen Mohren geht oder „in dem“ es um einen solchen geht, bleibt dem Sprachgefühl des Einzelnen überlassen. Die heutige Grammatik lässt beides zu. Ob aber Othello derjenige ist, „der wo“ seine Frau Desdemona am Ende erdrosselt, ist relativ unstrittig. In einigen Regionen dient das „wo“ zur Verstärkung der Relativpronomen „der“, „die“ und „das“ und macht zum Beispiel aus der Oper, die wir letztens gesehen haben, die Oper, die wo wir letztens gesehen haben. In Hessen zum Beispiel. Im Internet kann man an einem Sprachtest „fer alle Hesse und die, die wo’s wern wolle“ teilnehmen.

Im Süden wird das „wo“ auch gern anstelle von „der“, „die“, „das“ verwendet. In der Pfalz zum Beispiel. Die wu do unnä herkumme, wisse‘ B’scheid. Der in Neustadt an der Weinstraße geborene Fußballspieler Mario Basler soll auf die Frage, wie er sich mit seinem Teamkollegen Youri Djorkaeff (damals beide beim 1. FC Kaiserlautern) verständige, gesagt haben: „Ich lerne nicht extra französisch für die Spieler, wo dieser Sprache nicht mächtig sind.“ Ein weiterer berühmter Vertreter des Wowoismus ist Jürgen Klinsmann. Ihm wird das Zitat zugeschrieben: „Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.“ Als Hommage an Klinsmann lief auf SWR3 zur Fußball-WM ein Comedy-Programm mit dem Titel „Mir sin die, wo gwinne wellet“. Ins Hochdeutsche übersetzt: „Wir sind die, die gewinnen wollen.“

Jürgen Klinsmann stammt übrigens aus Baden-Württemberg. Und die Baden-Württemberger sind bekanntlich die, wo alles können außer Hochdeutsch.

** Diese Wendung geht auf die Bibel zurück (2. Moses 3,8) und wird meistens im Singular wiedergegeben (wo Milch und Honig fließen).

(c) Bastian Sick 2006


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.

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