Freitag, 18. September 2020
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Gebrochener Marmorstein

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Am 9. Juni 2006 starb der Sänger Drafi Deutscher im Alter von 60 Jahren. Er hinterließ „Cinderella Baby“ und „Cindy Lou“ und viele andere Hits. Unsterblichen Ruhm erlangte er jedoch mit einer Liedzeile, die bis heute heftig umstritten ist. Zu Unrecht, wie sich zeigen wird.

„Marmor, Stein und Eisen bricht“ sang Drafi Deutscher 1965. Ein Schlager, der fast zu einer Art Volkslied geworden ist. Und der immer wieder gern zitiert wird, wenn es um Sprache und Schlager geht. Nicht nur wegen der bedeutungsvollen Worte „dam dam, dam dam“, sondern vor allem wegen der Titelzeile. Die enthält eine Aufzählung von drei Materialien: Marmor, Stein und Eisen. Ursprünglich sollten es nur zwei sein, denn Marmor und Stein waren eigentlich als ein Wort gedacht: „Marmorstein“ – so wie Tannenbaum  und Fensterglas. Marmor ist ja schließlich eine Gesteinsart, folglich ist die Unterscheidung zwischen Marmor einerseits und Stein andererseits nicht besonders ergiebig. Aber darum geht es hier nicht. Es geht um das letzte Wort der Zeile, um das Verb „bricht“. Sprachpuristen werden nämlich nicht müde zu monieren, dass hier ein Fehler vorliege. Es müsse „brechen“ heißen, sagen sie. Schließlich bestehe das Subjekt des Satzes aus mehreren Teilen, folglich müsse das Verb im Plural stehen: Marmor, Stein und Eisen brechen. Dam dam, dam dam.

Manche kennen eben nur Schwarz und Weiß. Die Dichtung indes kennt auch die vielen Farbtöne dazwischen. Bei der Aufzählung artverwandter Dinge wird in der Dichtung gelegentlich die Einzahl gebraucht. Dafür lassen sich diverse berühmte Beispiele nennen: Wer wollte behaupten, in dem Lied „Hänschenklein“ würde falsches Deutsch verbreitet, weil es dort heißt „Stock und Hut steht ihm gut“ statt „stehen ihm gut“? Wer wollte den bekannten Vers des Dichters August Schnezler, „Gold und Silber lieb ich sehr, kann’s auch gut gebrauchen“, in „kann sie auch gut gebrauchen“ ändern?

Ein jeder kennt Redewendungen wie „Gleich und gleich gesellt sich gern“ oder „Da ist Hopfen und Malz verloren“. Die heißen nicht etwa „Gleich und gleich gesellen sich gern“ oder „Da sind Hopfen und Malz verloren“. Und viele erinnern sich auch noch an den traditionellen Wunsch beim Einzug: „Brot und Salz – Gott erhalt’s“. Der lautete ja nicht „Brot und Salz – Gott erhalt sie“. Und nicht nur Uschi weiß: „Glück und Glas – wie leicht bricht das“ – wer wollte ernsthaft behaupten, es müsse „Glück und Glas – wie leicht brechen die“ heißen?

Drafi Deutscher selbst hat zu seinem Hit übrigens nur eine einzige Zeile beigetragen: Dam dam, dam dam. Den Rest besorgten der Textdichter Rudolf-Günter Loose und der Komponist Christian Bruhn. Letzterer ist nicht nur der Schöpfer zahlloser Erfolgsmelodien, sondern selbst ein ausgewiesener Sprachliebhaber; bisweilen hat er heftig mit seinen Textdichtern um die eine oder andere Zeile, die ihm nicht ganz sauber erschien, gerungen. Umso ärgerlicher empfand er den Vorwurf, dass ausgerechnet der Titel seines größten Erfolges (eben „Marmor, Stein und Eisen bricht“) einen Fehler enthalten solle. Die Liedzeile ging zurück auf einen alten Poesiealbumvers: „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Freundschaft nicht“. Bruhn und Loose hatten ihn lediglich ein wenig abgewandelt und schlagertauglich gemacht. Das schien die Kritiker aber nicht zu interessieren. In Bayern war das Lied sogar verboten. Aufgrund der angeblich falschen Grammatik durfte es im Bayerischen Rundfunk nicht gespielt werden. Aus heutiger Sicht unvorstellbar, welch hohe Wellen ein harmloses Lied damals schlagen konnte. Konsequenterweise hätten die Bayern übrigens das Vaterunser gleich mit verbieten müssen, denn darin heißt es: „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit“ und nicht etwa „Denn Dein sind das Reich und die Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit“.

Unter Verweis auf die obigen Beispiele stellte Bruhn fest, dass in bestimmten Fällen eben auch der Singular vorkommt, und gab diesem auch gleich einen fachsprachlichen Namen: Singularis materialis. Wenn Glück und Glas bricht und nicht brechen, dann brauchen auch die von Drafi Deutscher besungenen Baustoffe nicht mehrzählig zu brechen; ein einzähliges „bricht“ genügt. Außerdem handelt es sich um Poesie. Die darf so etwas. Sonst wäre ja der schöne Reim verloren: „Aber unsere Liebe nicht“. Hätte Drafi Deutscher etwa singen sollen: „Marmor, Stein und Eisen brechen, aber unsere Liebe nechen?“ Na also. Nun ist er tot, der große Drafi Deutscher. Dam dam, dam dam.

(c) Bastian Sick 2006


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.

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2 Kommentare

  1. Avatar

    Auchg ich habe schon oft den Einwand gehört, das es falsch sei, hier habe ich dann entgegnet:

    Marmor, anderer Stein oder Eisen bricht jeweils unabhängig voneinander, jedes kann für sich brechen, also hier quasi eine verkürzte Aufzählung: Marmor bricht, Stein bricht und Eisen bricht – nur halt deren Liebe nicht.

    Wenn ich statt dessen sage, das Marmor, Stein (oder Marmorstein) und Eisen brechen, dann würden sie dies gefühlsmäßig gemeinsam tun, etwa wie beim Einsturz der Twin-Towers.

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