Dienstag, 4. Oktober 2022

Der angedrohte Wille

„Schröder kündigte an, die Probleme noch in dieser Legislaturperiode anpacken zu wollen.“ Das klingt im ersten Moment nach Initiative. Doch wenn man diesen Satz mit dem Finger berührt, zerfällt er zu Staub. Schuld daran ist diesmal aber nicht der Kanzler, sondern ein weit verbreiteter „Übersetzungsfehler“.

„Wenn du mich küsst, werde ich imstande sein, mich in einen wunderschönen Prinzen verwandeln zu können“, sagte der Frosch, „und ich gelobe, dich lieben zu wollen, und ich verspreche, dir für alle Zeit treu sein zu wollen.“ Woraufhin die Prinzessin den Frosch packte und gegen einen Betonpfeiler schleuderte, an dem er mit einem unappetitlichen Geräusch zerplatzte. Sie tat gut daran, denn die Versprechungen des Frosches taugten nichts.

Inhaltsleeres Froschgequake hört man allerorten – vor allem natürlich in der Politik. Doch nicht immer sind es die Politiker selbst, die beim Sprechen Seifenblasen produzieren. Oft werden ihre Worte erst bei der Wiedergabe zu Seifenblasen.

„Bundeskanzler Schröder kündigte an, die Bedingungen für Arbeit verbessern zu wollen“, ist in der Zeitung zu lesen. Na bitte, immerhin, es tut sich was. Nach all den Fehlschlägen und Enttäuschungen der letzten Zeit geht der Kanzler wieder in die Offensive, packt was an, setzt sich mit Unternehmern und Gewerkschaftern an einen Tisch… und kündigt Verbesserungen an. Alles wird gut!

Doch halt – haben wir da nicht etwas überlesen? Was genau kündigte Schröder laut der Zeitung an? Gleich mal die Goldwaage rausholen und die Wörter wiegen. Und siehe da: Die Waage zeigt überhaupt nichts an. Also doch wieder nichts als heiße Luft! Das Überraschungsei ist leer!

Wie kommt’s? Die Antwort auf diese Frage liegt in einer syntaktischen Fallgrube, in die immer dann jemand stolpert, wenn direkte Rede in indirekte verwandelt wird.

Zu Beginn stand ein großes Wort im Raum: „Wir wollen die Bedingungen für Arbeit verbessern.“ Schröder war’s, der das gesagt hat. Die korrekte Wiedergabe dieser Aussage in indirekte Rede liest sich so: „Schröder sagte, er wolle die Bedingungen für Arbeit verbessern.“ Wenn aber das Wort „sagen“ durch „ankündigen“ ersetzt wird, enthält der Satz auf einmal mehr Wörter als nötig.

Durch diesen „Übersetzungsfehler“ wurden die Worte des Kanzlers entwertet, denn von der versprochenen Verbesserung bleibt nichts weiter als die Aussicht auf ein bisschen guten Willen. Das Wollen ist bereits im Ankündigen enthalten, die Niederschrift des Modalverbs ist nicht mehr nötig. Es genügt völlig, wenn man schreibt: „Schröder kündigte an, die Bedingungen für Arbeit zu verbessern.“

Was für die Ankündigung gilt, gilt übrigens auch für das Versprechen: „Der Vorstand versprach, im nächsten Jahr deutlich mehr Umsatz machen zu wollen.“ Ein Lichtblick in Zeiten der Rezession, könnte man meinen. Doch so, wie dieser Satz formuliert ist, bedeutet er nicht mehr, als dass eine Gruppe von hoch bezahlten Managern den versammelten Aktionären die Entwicklung ihres Willens in Aussicht gestellt hat.

„Zu offensichtlich ist Bsirskes Versuch, sich damit als einer der mächtigsten Gewerkschaftsführer persönlich profilieren zu wollen“, war über den Ver.di-Chef zu lesen. Netter Versuch! Bsirske bemüht sich um Gestaltung seines Willens – immerhin ein Anfang.

In einem Text über einen in Deutschland spielenden brasilianischen Fußballprofi heißt es: „Am Dienstag drohte der 29-Jährige seinen Chefs, seinen Vertrag über 2004 hinaus nicht verlängern zu wollen.“ Müssen die Chefs deswegen nun zittern? Der Brasilianer hat doch nur mit seinem Willen gedroht! Eine echte Drohung hört sich anders an. Die klingt zum Beispiel so: „Am Dienstag drohte der 29-Jährige, seinen Vertrag über 2004 hinaus nicht zu verlängern.“

Ankündigen, versprechen, drohen, erwägen – all diese Wörter verfügen bereits über einen eingebauten Willen – serienmäßig, ohne Aufpreis. Wer also sparen will, hat hier die Gelegenheit, ein paar überflüssige Silben zu sparen.

„Der Gewerkschaftssprecher drohte an, wenn die Regierung zu keinem Entgegenkommen bereit sei, eine Urabstimmung durchführen zu wollen.“ Auch hier nichts weiter als ein harmloses Knurren. Auf die Urabstimmung wird man lange warten können – denn erst einmal muss sich die Regierung stur stellen, dann erst entscheidet die Gewerkschaft, was sie will. So verheißt es dieser Satz – wenn man ihn genau nimmt.

Wollen, dürfen, können, brauchen – all dies sind Modalverben, die im abhängigen Nebensatz nicht benötigt werden, wenn der Hauptsatz bereits auf ein Wollen, ein Dürfen, ein Können oder ein Brauchen hinweist.

„Bush sprach Kerry die Fähigkeit ab, die USA regieren zu können“, liest der Sprecher der „Tagesschau“ (10. Oktober, 20 Uhr) vor. Da haben wir dasselbe Problem: Die Aussage ist redundant. Es hätte genügt zu sagen: „Bush sprach Kerry die Fähigkeit ab, die USA zu regieren.“ Denn vorne „fähig“, hinten „können“ ist des Guten zu viel. Auch „imstande“ oder „in der Lage sein“, etwas tun „zu können“, schießt sprachlich über das Ziel hinaus.

Genauso vergaloppiert hat sich die Filmagentur, die in ihrer Werbebroschüre schreibt: „In diesem spannenden Action-Movie gerät Black in einen Strudel von Ereignissen, der ihn zwingt, sich selbst und sein Leben völlig neu definieren zu müssen.“

Und nicht besser der Buchrezensent, der seine Inhaltsangabe mit den Worten schließt: „Am Ende wird ihm erlaubt, endlich zu seiner Familie zurückkehren zu dürfen.“

Es kann nie schaden, beim Beenden eines Satzes noch mal auf den Anfang zu schielen und sich zu vergewissern, dass man nicht gerade dabei ist, die Aussage zu einer leeren Blase zu verquirlen.

(c) Bastian Sick 2004


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.

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