Donnerstag, 21. Oktober 2021

Kein Bock auf nen Date?

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Aus „Ich würde Sie ja anzeigen, aber ich seh nix!“ von Martin Perscheid

Stimmt es, dass unsere Schriftsprache unaufhaltsam vor die Hunde geht? Tatsache ist: Nie wurden so viele Fehler gemacht wie heute. Aber die Menschen haben auch noch nie so viel geschrieben. In Wahrheit ist unsere Schreibkultur höchst lebendig – dank E-Mail, Chat und SMS.

Einige Menschen neigen dazu, die modernen Kommunikationstechniken zu verteufeln, weil sie den Niedergang unserer Sprachkultur begünstigen würden. Es lässt sich nicht leugnen, dass es in E-Mails und auf vielen Internetseiten von Rechtschreibungsfehlern und Interpunktionsmängeln nur so wimmelt. Und was gerade junge Menschen in die Tastatur ihrer Handys hacken, zeugt nicht selten von gravierenden Missverständnissen der deutschen Orthografieregeln.

Man kann diese Entwicklung aber auch anders bewerten: Internet, E-Mail und SMS ist es zu verdanken, dass sich heute mehr Menschen in schriftlicher Form äußern als jemals zuvor. Waren wir einst ein Volk weniger Dichter und Denker, die einer überwältigenden Mehrheit von des Lesens und Schreibens unkundigen Menschen gegenüberstanden, so sind wir heute ein Volk weniger Dichter und Denker, die sich gegen eine schreibwütige Mehrheit behaupten müssen. Unsere Schriftsprache steht folglich nicht vor dem Niedergang – sie war noch nie so populär wie heute! Und es ist wie immer, wenn viele Köche gleichzeitig mitmischen: Jeder hat eine andere Vorstellung von der richtigen Rezeptur.

Vor der Einführung der SMS-Technik stand den meisten für kurzfristige Absprachen nur das Telefon zur Verfügung – und der Vorteil des Telefonierens besteht ja darin, dass eventuelle orthografische Schwächen unerkannt bleiben. Menschen, die mit der Rechtschreibung Probleme haben, hat es immer schon gegeben. Sie fielen früher bloß nicht so auf, da ihnen die Technik fehlte, um ihre Probleme regelmäßig unter Beweis stellen zu können. Wer eine Wohnung suchte, etwas zu verkaufen hatte oder eine neue Bekanntschaft machen wollte, der ging zur örtlichen Zeitungsredaktion und gab eine Annonce auf. Diese Annonce wurde in der Regel redaktionell bearbeitet, das heißt in Aufbau, Länge und Ausdruck dem üblichen Anzeigenstil angepasst und nach den gültigen Regeln der Orthografie gesetzt.

Diese Möglichkeit besteht zwar noch immer, doch sie wird immer weniger genutzt und gilt vielen als antiquiert. Wer heute seinen Sperrmüll zu Geld machen will, der gibt eine Anzeige im Internet auf – vorzugsweise auf den Seiten der Auktionsplattform Ebay. Dort sitzt kein nettes Fräulein mehr, dem er seine Anzeige diktieren kann; dort muss er alles selbst machen: vom Hochladen der Fotos bis zur Produktbeschreibung. Folglich ist Ebay eine Fundgrube – nicht nur in sammelsurischer Hinsicht, sondern auch in orthografischer. Denn jeder schreibt eben so, wie er es für richtig hält. Und das hat bekanntermaßen nicht immer viel mit dem zu tun, was im Duden steht. Als Suchender muss man das berücksichtigen. Wer zum Beispiel Modelleisenbahnen sammelt und eine spezielle Dampflokomotive sucht, tut gut daran, nicht nur mit dem Stichwort „Dampflok“ zu suchen, sondern es auch noch mit „Dampflock“ zu probieren. Einige Matratzen findet man schneller mit dem Suchwort „Matraze“, und wer Zubehör für seinen Computer sucht, der kann auch unter „Zubehöhr“ fündig werden.

War einst die Kunst des Schildermalens den Handwerkern vom Fach vorbehalten, so kann heute dank moderner Fotokopier- und Drucktechniken jeder Ladenbesitzer seine Angebotsschilder selbst herstellen – kostengünstig und in hauseigener Rechtschreibung. Früher wurden Handzettel, Visitenkarten und Speisekarten noch von Schriftsetzern gesetzt, die meistens über solide Kenntnisse der Rechtschreibung verfügten. Heute machen so etwas Computergrafiker, die sich für die Orthografie nicht zuständig fühlen: Wozu gibt es schließlich Korrekturprogramme?

Inzwischen ist auch der Beruf des Literaturkritikers bedroht. Denn die meisten Buchrezensionen, die heute gelesen werden, stammen gar nicht mehr von ausgewiesenen Literaturkennern, sondern von Laien. Internethändler wie Amazon bieten ihren Kunden ein Forum, in welchem jeder öffentlich seine Bewertung abgeben und ellenlange Kommentare schreiben kann. Meist geschieht dies ohne Punkt und Komma und nur selten unter Berücksichtigung der Regeln für Groß- und Kleinschreibung. Ein wenig seltsam ist es schon, wenn sich Laien mit mangelnden Kenntnissen der deutschen Schriftsprache über deutschsprachige Literatur auslassen.

All das ist jedoch kein Grund zu verzagen, beweist es doch nur, wie lebendig das Interesse der Deutschen am Gebrauch ihrer Schrift ist und wie niedrig die Schwellenangst vor dem Schreiben. Das soll nicht heißen, dass manches nicht verbessert werden könnte. Gerade das Vokabular der meisten sogenannten Simser (SMS-Verschicker) und der Chatter ist noch ausbaufähig. Das Gebot der Kürze macht zwar viele Kompromisse erforderlich (und führt bisweilen sogar zu originellen Kreationen), aber ein vollständiger Verzicht auf Grammatik wird weder dem Handy-Besitzer noch dem PC-Benutzer abverlangt. Viele scheitern bereits an der Unterscheidung zwischen „ein“, „eine“ und „einen“. Der männliche und sächliche Artikel „ein“ wird in der verkürzten Form der Umgangssprache zu „n“, die weibliche Form „eine“ wird zu „ne“. Die Form „nen“ hingegen steht für „einen“.

Die verkürzte Auskunft „Muss Post, nen Paket holen“ hieße ausgeschrieben „Ich muss noch zur Post, um einen Paket abzuholen“ – was freilich grammatischer Unfug ist. Auch Nachrichtentexte wie „Hast nen Auto?“ oder „Brauchste nen Rezept?“ sind grammatisch unausgereift. Übrigens wäre gerade hier ein Apostroph ausnahmsweise einmal richtig: ’n oder ’nen. Aber beim Chatten geht es ja vor allem um Schnelligkeit, so wie es beim Simsen um das Einsparen von Zeichen geht.

Doch nicht alles lässt sich mit Sprachökonomie entschuldigen. Wenn er sich fragt, warum sie „kein Bock auf nen Date mit nen coolen Typ“ hat, könnte es schlicht und einfach daran liegen, dass sie keinen Bock auf ’n Date mit ’nem Schwachmaten hat.

(c) Bastian Sick 2006


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.

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5 Kommentare

  1. Avatar

    Beim Date haben wir es mit einer ganz anderen Geschichte zu tun: Wörter werden schneller aus dem englischen übernommen, als sich ein grammatisches Geschlecht dafür eindeutig einbürgern kann. Das „Date“ kann analog zu „Datum“ sächlich sein, aber muss das sein?

    • Avatar

      Bei mir zum Beispiel war das Date schon immer sächlich, wenngleich es dabei nicht zwangsläufig sachlich zuging, sondern ab und zu sogar zur Sache. Ich lebe, wo man von sich behauptet, Hochdeutsch zu sprechen, daher ist auch meine E-Mail wie die elektronische Post weiblich und ich musste erst lernen, dass sie anderswo auch sächlich sein kann wie das elektronische Schreiben. Wie mannlich oder weiblich ist denn dort, wo Sie leben, tbk, gewöhnlich ein Date?

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    Grundsätzlich stimme ich diesem Artikel zu – bis auf das übertriebene Lob der Vor-Duden-Klassiker: Denn in damaliger Ermangelung einer schriftlich niedergelegten Normierung der Rechtschreibung kann man hier bei ein und dem selben Schreibenden nicht nur in verschiedenen Werken, sondern sogar in dem selben Schriftstück unterschiedliche Schreibweisen des selben Wortes gleichberechtigt nebeneinander finden (z.B. sein – seyn).

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    Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik haben heute zunehmend auch Zeitungsredakteure. Wenn es früher mal Buchstabendreher oder falsche Trennungen gab, wimmelt es heute von Fallfehlern, Anglizismen und anderen „richtigen“ Fehlern. Sogar auf die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensprecher kann man sich sprachlich nicht mehr verlassen!

    Ich behaupte, einer der Gründe, wenn nicht der Hauptgrund, liegt in der Experimentierfreude im Schulwesen. Vor allem das Schreiben nach Gehör halte ich für hinderlich. Hier in Westfalen dürfen die Kinder in der Grundschule „Fatta“, „Kiache“ und „Hea“schreiben (Vater, Kirche, Herr). Schüler, die viel lesen und zu Hause gefördert werden, legen diese Schreibweise bald ab und lernen es richtig. Viel zu viele bleiben aber auf der Strecke, zumal auch später in der weiterführenden Schule die Rechtschreibung nicht mehr bewertet wird.

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    Danke, dass das endlich mal jemand klarstellt!!
    Gerade die Sache mit dem falsch eingesetzten „nen“ sehe ich so häufig und rege mich jedes Mal drüber auf. Ist es denn wirklich so schwierig, zwischen „n“, „ne“ und „nen“ zu unterscheiden? Aber die Leute, die das falsch machen, lesen hier vermutlich leider sowieso nicht mit …

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