Freitag, 5. November 2021

Liebling, Was Wird Nun Aus Uns Beiden?

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Pump Up Your Letters! Es Regiert Die Allwortgroßschreibung! So machen es iTunes und Amazon vor. Aber nicht mit mir! Wer sich darüber aufregt, dass alle Anfangsbuchstaben in deutschen Liedertiteln großgeschrieben werden, der findet in dieser Kolumne einen Seelenverwandten.

Sie wollen wissen, was ich in meiner Freizeit mache? In meiner Freizeit zupfe ich an meinen Balkongeranien (ca. zehn Minuten täglich), lese die Zeitung (ca. zwanzig Minuten täglich) und pflege mein digitales Musikarchiv (ca. vier Stunden täglich). Vor einem Jahr bin ich von Windows auf Apple umgestiegen, habe mir einen iPod zugelegt und mich bei iTunes registriert. Dann fing ich an, meinen CD-Bestand in meinen Computer einzulesen. Dabei verbindet sich der Rechner automatisch mit einer Datenbank namens „Gracenote“. Von dort ruft er die Daten ab, die zu der CD gehören, und wenige Augenblicke später erscheinen der Name des Interpreten, der Name des Albums und sämtliche „Tracks“ – also Liedertitel – in der Maske auf meinem Bildschirm. Es könnte alles so einfach sein und würde mir nicht so viele Stunden Zeit abverlangen, wenn – ja, wenn ich nicht so ein Perfektionist wäre. Und wenn die Liedertitel bei der „Gracenote Media Database“ in korrekter Orthografie gespeichert wären. Sind sie aber nicht.

iTunes und andere Musikanbieter liefern deutschsprachige Titel fast ausschließlich mit kapitalen Anfangsbuchstaben:

„Er Gehört Zu Mir“

„Du Machst Mir Noch Mein Herz Kaputt“

„Schau Mich Bitte Nicht So An“

„Da Ist Eine Zeit Zu Lachen Und Zu Leben“

„Nein, Es Tut Mir Nicht Leid“

Das kannte man bislang von englischsprachigen Liedern („I Want To Hold Your Hand“, „My Heart Will Go On“) und hat es achselzuckend hingenommen. Wobei es selbst bei englischsprachigen Produktionen nicht immer gleich gehandhabt wurde und wird: Auf diversen Alben findet man die Artikel „a“ und „the“ sowie Präpositionen wie „of“, „in“ oder „at“ in kleingeschriebener Version, und so kommt es zu ungleichen Paaren wie „Strangers in the Night“ und „Candle In The Wind“. Die Angelsachsen mögen ihre Lieder buchstabieren, wie sie wollen. Doch in Deutschland gelten andere Regeln – nämlich die der deutschen Orthografie. Und die hat niemals vorgesehen, dass Liedertitel durchgehend mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden. Die Allwortgroßschreibung erscheint für deutsche Augen ungewohnt und wirkt deswegen nicht harmonisch, sondern aggressiv: Die Wörter Schreien Einen Geradezu An!

Darüber hinaus verstärkt die Allwortgroßschreibung die heute ohnehin schon starke Verunsicherung in Bezug auf unsere Schriftsprache. Wenn ein außenstehender Betrachter sieht, dass in E-Mails offenbar jedes Wort kleingeschrieben werden darf, während in Liedertiteln alles großgeschrieben wird, muss er zu dem Schluss kommen, dass es nicht nur eine Rechtschreibung gibt, sondern mehrere, die sich je nach Medium unterscheiden.

Zuletzt schob ich eine CD mit Liedern von Johannes Heesters in meinen Rechner. Als der Titel „Liebling, was wird nun aus uns beiden“ in meiner iTunes-Maske als „Liebling, Was Wird Nun Aus Uns Beiden“ erschien, dachte ich: „Liebes Land, was wird nur aus deiner Rechtschreibung?“

Nun mag manch einer denken: „Das Ist Doch Halb So Schlimm“ – mich aber lässt es nicht kalt. In meinen Augen ist die Allwortgroßschreibung weder zeitgemäß noch praktisch oder schick, sondern einfach nur lästig. Außerdem bedeutet sie eine weitere Kapitulation der deutschen Sprachkultur vor der amerikanischen Übermacht. Den Anbietern solcher Datenbanken sind derlei Überlegungen vermutlich herzlich egal. Deutschsprachige Titel stellen in der Gesamtmasse aller gespeicherten Musiktitel eine verschwindend kleine Menge dar. Aber dieses Problem betrifft ja nicht nur die deutschsprachige Musik: Auch französische, italienische, niederländische und schwedische Lieder werden mit großen Initialen geliefert. Und von diesen Sprachen weiß ich mit Sicherheit, dass sie noch nicht einmal die Großschreibung von Hauptwörtern kultivieren. Das ist eine (von vielen oft verwünschte) deutsche Einzigartigkeit.

Wie kommen iTunes, Amazon und andere Musikanbieter überhaupt zu ihren digitalen Angaben? Werden Millionen einzelner CD-Listen, so wie einst die deutschen Telefonbücher, irgendwo in China oder Indien von billigen Arbeitskräften Titel für Titel, Wort für Wort abgetippt? Wahrscheinlicher ist doch, dass die Daten von den deutschen Plattenfirmen gleich mitgeliefert werden. Und dass die Verursacher der Großschreibsucht nicht in den Firmenzentralen irgendwelcher amerikanischer Großkonzerne, sondern im eigenen Land sitzen.

Ich stelle mir das ungefähr so vor: Eines Tages klingelte es wieder mal im Büro des Geschäftsführers eines großen deutschen Tonträgerkonzerns. „Was gibt’s?“ – „Ich bin’s, Chef, der Dateneingabe-Aushilfsstudent! Ich hab da mal eine Frage: Hier ist ein Lied mit dem Titel ,Die Männer im allgemeinen‘. Auf der CD steht ,im allgemeinen‘ klein, aber seit der Rechtschreibreform schreibt man ,im Allgemeinen‘ ja groß. Das Lied stammt allerdings noch aus der Zeit vor der Rechtschreibreform. Was soll ich nun machen?“ Chef (schäumend): „Das ist mir doch egal! Was interessiert mich die Rechtschreibreform? Was interessiert mich überhaupt die Rechtschreibung? Wir Schreiben Hier Ab Sofort Jeden Anfangsbuchstaben Groß, So Wie’s Die Amerikaner Machen, Und Damit Basta!“

Ein historischer Beschluss mit weitreichenden Konsequenzen. Die meisten deutschen Musikredaktionen haben es klaglos geschluckt und stellen deutsche Alben und Lieder mit großen Initialen vor. Egal ob aktuelle Popstücke oder traditionelles Liedgut – von der Allwortgroßschreibung bleiben auch „Leise Rieselt Der Schnee“ und „Horch Was Kommt Von Draußen Rein“ nicht verschont. Filmverleihe und Programmredaktionen werden eines Tages gleichziehen und Fernseh- und Kinofilme mit großen Initialen ankündigen:

20:15, ZDF: „Spiel Mir Das Lied Vom Tod“

23:00, ARD: „Denn Sie Wissen Nicht, Was Sie Tun“

Am Ende werden auch Feuilleton und Buchverlage einknicken. Ich sehe schon mein nächstes Buch vor mir: „Die Datenbank Ist Der Rechtschreibung Ihr Tod“.

In diesem Zusammenhang darf ein weiterer Hinweis nicht fehlen: Nur allzu oft verwechseln die emsigen Dateneingeber den Apostroph mit dem Akzent. Das Zeichen für den Apostroph ist nicht ´, sondern ‚. Es heißt also nicht: „Heut´ Abend hab´ ich Kopfweh“, sondern allenfalls „Heut‘ Abend hab‘ ich Kopfweh“. Im Übrigen kann man auf beide Apostrophe ganz verzichten. Damit hätte man das Kopfwehrisiko schon mal um die Hälfte gemindert. Dass der Akzent kein Apostroph ist, gilt übrigens in allen Sprachen: Der französische Chansontitel „Je N´sais Même Plus De Quoi J´ai L´air“ wird in Wahrheit so geschrieben: „Je n‘ sais même plus de quoi j’ai l’air“.

Ich bin sicher, dass ich in unseren Nachbarländern zahlreiche Verbündete habe. Dass es ebenso Franzosen und Niederländer gibt, die über die absurde Titelgroßschreibung und Apostrophverwechslung klagen und diese nicht widerspruchslos hinzunehmen bereit sind. Neben der Verunstaltung der Orthografie verbindet uns noch ein weiteres Merkmal: Wir sind die Kulturen, deren landeseigenes Liedgut von internationalen Datenbanken meist als „World“ verschlagwortet wird. Bei Briten und Amerikanern wird zwischen „Pop“, „R&B“, „Rock“, „Singer/Songwriter“, „Vocal“, „Jazz“, „Dance“ und „Country“ unterschieden – was wir Deutschen, Franzosen, Schweden, Italiener, Niederländer, Schweizer und sonstigen Europäer produzieren, wird oft schlicht und einfach unter dem Genre „World“ zusammengefasst. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr ich mich darüber wunderte oder amüsierte, wenn ich im Plattengeschäft Sänger aus anderen Ländern in dem Fach „Weltmusik“ wiederfand. Nun sind wir selbst dort gelandet! Das verbindet Edith Piaf mit Helene Fischer. Und Eros Ramazzotti mit Patrick Lindner: Sie machen Weltmusik. Was nicht heißt, dass sie Musik für alle Welt machten. Bei „Weltmusik“ dachte man früher an karibisches Getrommel, an Panflötenformationen aus den Anden, an indische Raga-Klänge und an russische Militärkapellen. Heute bedeutet Weltmusik: alles, was nicht englischsprachig ist. Und die deutschen Musiker können noch dankbar sein, wenn sie als „Weltmusik“ eingestuft werden. Bei vielen CDs heißt es nämlich einfach „Genre: Unclassifiable“.

Also sitze ich da, Stunde um Stunde, und bringe die Titel in eine für mich akzeptable Orthografie, ergänze fehlende Jahresangaben und pflege Coverbilder ein. Es gibt sicherlich sinnvollere Arten, sich in seiner Freizeit zu beschäftigen. Aber wer hat behauptet, Freizeit sei dazu bestimmt, mit Sinn gefüllt zu werden? Inzwischen bin ich mit meiner Arbeit fast am Ende angelangt: Der Stapel der noch hochzuladenden CDs ist auf ein kleines Häufchen zusammengeschrumpft. In Kürze werde ich mir eine neue Freizeitbeschäftigung suchen müssen. Meine Balkongeranien zittern schon vor Angst!

(c) Bastian Sick 2010

 


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.

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3 Kommentare

  1. Avatar

    Oh, wie tröstlich. Ja, selbst Datenbankeingaben erfordern ein Mindestmaß an Intelligenz…. Auch ich verbringe Stunde um Stunde mit dem Korrigieren dieser Datenbankeingaben, weil es mich im Quadrat springen lässt, wenn ich diese orthografisch + auch inhaltlich falschen Angaben sehe. Wenn unter „Interpret“ Wolfgang Amadeus Mozart oder Ludwig van Beethoven + als „Komponist“ von Popsongs oft der Name des Solisten erscheint, dann komme ich aus dem Knurren nicht heraus.
    Falls Sie Ihre Balkongeranien noch ein wenig schonen wollen, dann geben zu den korrekten Komponistennamen auch noch deren Geburts- und evtl. Sterbedaten ein. … Viel Spaß 🙂

  2. Avatar

    Heinz Erhardt fragte: „Warum hat Herr Krause keine Haare?“ Und nach einer kurzen Pause gab er selbst die Antwort: „Die Neger haben krauses Haar!“
    Aus der gesprochenen Antwort ließ sich nicht erkennen, ob „krauses“ nun ein Adjektiv oder der Genitiv von Krause war.
    Als „Witzchen“ also nur gesprochen möglich!

  3. Avatar
    Christian Münch

    Sehr geehrter Herr Sick, vielen Dank für den Artikel!

    Diese stellenweise Allgroßschreibung der Liedtitel scheint ihre Ursache im „title case“ zu haben, welcher –  je nach verwendeter Konvention – ebenfalls unterschiedlichen „guidelines for capitalisation“ folgt. Siehe dazu z.B. hier: http://grammar.about.com/od/tz/g/Title-Case.htm

    Das ist Bestandteil der englischen bzw. amerikanischen Schriftsprache. Dass dieser nun durch das digitale Hintertor weltweit Einzug hält und für Verwahrlosung und Verwirrung der anderen Sprachen sorgt – da bin ich ganz bei Ihnen –, kann ich ebenfalls nicht gutheißen.

    Auf eine andere Sache möchte ich an dieser Stelle unbedingt noch hinweisen: Sie besprechen den Apostroph und schreiben, dass

    „Je n‘ sais même plus de quoi j’ai l’air“

    in Wahrheit so (wie oben) geschrieben wird. In wirklicher Wahrheit würde es allerdings so geschrieben:

    „Je n’ sais même plus de quoi j’ai l’air“.

    Sie verwendeten als „Apostroph“ das Ersatzzeichen (‚) aus der Schreibmaschinen-Ära, was auf unseren heutigen Computertastaturen überlebt hat. Es wird ebenfalls oftmals als einfacher Anführungsstrich (öffnend und schließend) oder als Minutenzeichen verwendet. Tatsächlich ist es keines davon; sondern ein Erstaz dafür. Es befindet sich im Zeichensatz auf Stelle U+0027. Die Tatsache, dass es als Bezeichnername „apostrophe“ erhalten hat, macht die Sache noch undurchsichtiger und verleitet dazu anzunehmen, es würde sich hier wirklich um den Apostroph handeln: http://graphemica.com/%27

    In wahrer Wirklichkeit ist der typografisch korrekte Apostroph in der Unioce-Tabelle auf Platz U+2019. (http://graphemica.com/%E2%80%99)

    Dort richtiger- und fälschlicherweise (!) als „sinlge right quotationmark“ aufgeführt. Das dort hinterlegt Graphem kommt syntaktisch für zwei Anwendungen in Frage: als entsprechendes Anführungszeichen und als (echter) Apostroph.

    Ebenfalls wieder so eine digitale Nachlässigkeit, die für Verwirrung sorgt. Meines Wissens überlegt das Unicode-Konsortium zögerlich, ob es diesen Faux-pas nicht in einer zukünftigen Revision ausbügeln soll. Wir können nur hoffen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Christian Münch

    PS: Ich freue mich übrigens schon sehr auf Ihr Buch „Die Datenbank ist der Rechtschreibung ihr Tod“. 😉
    Stoff gäbe es (siehe oben) ja genug.

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