Mittwoch, 20. Oktober 2021

Nach Lauten gemalt

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ILLUSTRATION: KATHARINA M. RATJEN

Was haben die Wörter »plötzlich«, »baff« und »grell« gemeinsam? Sie sind durch Lautmalerei entstanden. Genau wie hatschi, blabla und trallala. Lautgemalte Wörter gibt es Hunderte, sie machen unsere Sprache erst richtig bunt. Die meisten von ihnen sind Verben. Da summt es und knistert, da pispert es und knispelt, da gickelt es und puppert, da quabbelt es und bummert.

Am Strand sitzt eine Oma neben ihrem knapp zweijährigen Enkel und betrachtet mit ihm ein Bilderbuch, das Szenen vom Bauernhof zeigt. »Guck mal, das ist eine Muhkuh!«, sagt die Oma. Der Kleine lacht. »Und das da, weißt du, was das ist?« Der Kleine nickt, doch die Oma kommt ihm zuvor: »Das ist ein Hottehüh!« Der Kleine blättert um, und die Oma sagt: »Hier sehen wir den Bauern auf seinem Töfftöff. Und da kommt die Bauersfrau in ihrem Brummbrumm.« Sie schaut ihren Enkel an und fragt: »Dein Papa hat auch ein Brummbrumm, nicht wahr?« Der Kleine schüttelt den Kopf und ruft: »Papa nich Brummbrumm, Papa Mährzehdes!«

Diese kleine Sprachlektion ruft mir wieder ins Bewusstsein, wie viele unserer Wörter durch Lautmalerei entstanden sind. Es sind längst nicht nur die kindlichen Wörter wie Bimbam, piff, paff und Tatütata, die Klängen nachempfunden sind. Lautgemalte Wörter finden sich überall. Vor allem draußen in der Natur.

Wann immer es in der Wiese summt und brummt, auf dem Teich schnattert, quakt und platscht und in den Bäumen und Hecken gurrt, keckert, zwitschert und zirpt, ist Lautmalerei im Spiel.

Bei Vogelnamen wie Kuckuck, Uhu, Krähe, Rabe, Girlitz und Zilpzalp hört man das Rufen, Krächzen und Tschilpen buchstäblich aus dem Namen heraus.

Auch die Glucke und der Gockel haben sich durch ihre gluckernden Laute selbst benannt. Und wenn der Mensch sie mit »putt, putt« oder »tuck, tuck« zu locken versucht, bedient er sich wiederum der Lautmalerei.

Der Zeisig ruft »tsihi, tsihi«, weshalb er früher mal »zisic« hieß. Der Kauz war vor Jahrhunderten noch ein »kūz« mit langem »u«, weil er wie der Uhu ein »Uuu«-Rufer ist.

Die Hummel wurde  nach dem summenden, brummenden Geräusch ihrer Flügel benannt, die Drohne ebenso, denn das Wort »Drohne« ist mit »dröhnen« verwandt.

Der Hund ist zwar nur in der Kindersprache ein »Wauwau«, doch die abwertende Bezeichnung »Köter« geht auf eine niederdeutsche Interpretation der Kläfflaute des Hundes zurück. Und das winselnde Geräusch, das junge Hunde von sich geben, führte zur Entstehung des Wortes »Welpen«.

Auch zahlreiche Gerätschaften und vor allem Musikinstrumente verdanken ihren Namen der Lautmalerei, wie die Tröte, die Trommel, die Hupe, die Schnarre, der Gong und die Glocke. Die Harke hat ihren Namen vom kratzenden Geräusch, das beim Harken erzeugt wird, und der Schnorchel ist verwandt mit dem Wort »schnarchen«. Die Pistole wird umgangssprachlich »Wumme« oder »Ballermann« genannt, in der Kindersprache auch »Piffpaff«, was jeweils lautmalerische Schöpfungen sind. Auch das Wort Pistole selbst geht auf eine Lautmalerei zurück, die allerdings tschechischen Ursprungs ist. Das Wort »píšt’ala« bedeutet »Pfeife«.

Lautmalerei gibt es in allen Sprachen. Schon die Römer formten nach dem Gurren der Taube das Wort »turtur«, das noch heute in der »Turteltaube« steckt. Doch in jeder Sprache kann Lautmalerei zu unterschiedlichsten Ergebnissen führen. Im Deutschen ruft der Hahn »Kikeriki«, im Französischen »cocorico«, im Türkischen »ü-ürü-üüü« und im Englischen lallt er »cock-a-doodle-doo«.

Aus dem Englischen haben wir Wörter wie »Crash«, »Buzzer« und »Beeper« entlehnt, die klanglich ebenso selbsterklärend sind wie »Bang« oder »Pingpong«.

Beispiele für französische Lautmalerei finden wir im schönen Wort »kokett« (von »coco«, lautmalend für den Laut der Hühner), beim »Flickflack« (frz. »flic flac« = »klipp, klapp«), »Krokant« (von »croquer« = knabbern) und »Klischee« (vom klatschenden Geräusch beim Drucken, daher auch die deutsche Übersetzung »Abklatsch«).

Zahlreiche lautgemalte Wörter sind sogenannte Interjektionen. Dazu gehören Ausrufe wie ach, aha, au, bäh, igitt, huch, hoppla, oh, oha, pfui, tja, uups und wow. Außerdem Lock- und Scheuchlaute wie putt-putt, piep-piep, miez-miez und hü-hott sowie  Geräuschnachahmungen wie bimbam, blubb, bums, dong, fump, hatschi, hui, klirr, knall, peng, paff, rums, schepper, schnipp, schnapp, wusch und zack. Und jeder kennt den glückwünschenden Ausruf »Toi, toi, toi«, der das Geräusch dreimaligen Ausspuckens imitiert.

Aus diesen einfachen Geräuschnachahmungen, wie wir sie vor allem aus der Comicsprache und dem Chat kennen, entwickelten sich in früheren Zeiten Hunderte von Verben, die unserer Sprache so lebendig erscheinen lassen. Ein berühmtes Beispiel für lautmalende Verben stammt vom Dichter und Kinderbuchautor James Krüss. Es ist ein Gedicht mit dem Titel »Das Feuer«, das so beginnt:

Hörst du, wie die Flammen flüstern,
Knicken, knacken, krachen, knistern,
Wie das Feuer rauscht und saust,
Brodelt, brutzelt, brennt und braust?

Gestern stand ich vor der Wahl, entweder im Garten Unkraut zu jäten oder aus meinem Wörterbuch alle Verben herauszuschreiben, die lautmalerischen Ursprungs sind. Ich beschloss, dem Unkraut noch eine Chance zu geben, und vertiefte mich ins Wörterbuch. Am Ende hatte ich an die 300 Verben zusammengetragen. Viel zu viele, dachte ich, um sie hier alle aufzuzählen. Schon wollte ich die Liste wieder löschen, da las ich sie mir noch einmal laut vor. Und dabei war es, also würden die Wörter plötzlich anfangen, aus sich selbst heraus Geräusche, Klänge und Rufe zu erzeugen. Sie wurden immer lebendiger, immer eindringlicher – wie eine Art Musik. Und weil ich sicher bin, dass nicht nur ich diese Musik hören kann, habe ich mich entschlossen, die Liste in voller Länge wiederzugeben. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; es sind aber auch so schon viele recht ausgefallene und selten gebrauchte dabei:

ächzen, babbeln, ballern, bammeln, belfern, bellen, bibbern, bimmeln, blaffen, blöken, blubbern, bölken, bollern, brabbeln, brausen, britzeln, brodeln, brüllen, brummen, brutzeln, buhen, bummern, bumsen, donnern, dotzen, dröhnen, fauchen, ficken, fiepen, fiepsen, fipsen, fisseln, flappen, fluppen, flüstern, flutschen, furzen, gackern, gacksen, gähnen, gauzen, gickeln, gicksen, girren, gluckern, glucksen, gongen, grochsen, grölen, grollen, grummeln, grunzen, gurren, hauchen, hecheln, heulen, hicksen, hissen, holpern, hupen, husten, hüsteln, jammern, janken, jauchzen, jaulen, jodeln, johlen, juchen, juchzen, kakeln, keckern, keuchen, kichern, kieksen, kitzeln, klacken, klackern, kläffen, klappen, klappern, klapsen, klatschen, klecken, kleckern, klecksen, klempern, klicken, klickern, klimpern, klingeln, klingen, klippen, klirren, klitschen, klopfen, kloppen, klötern, knabbern, knacken, knacksen, knallen, knarren, knarzen, knattern, knatschen, knicken, knicksen, knipsen, knirren, knirschen, knispeln, knistern, knittern, knuffen, knurren, knuspern, kollern, krachen, krächzen, krähen, kreischen, kreißen, küssen, lallen, lispeln, lullen, lutschen, manschen, matschen, maunzen, meckern, miauen, motzen, mucken, mucksen, muffeln, muhen, munkeln, murmeln, murren, naschen, niesen, nölen, nörgeln, nuckeln, nutschen, paffen, panschen, pantschen, pappeln, patschen, pfeifen, pfropfen, picken, piepen, piepsen, piksen, pinken, pinkeln, pispern, pissen, pladdern, plappern, plärren, plantschen, platschen, plätschern, platzen, plaudern, plauschen, plitschern, ploppen, plumpsen, pochen, poltern, poppen, prahlen, prassen, prasseln, prusten, puckern, pudeln, puffen, pullern, pumpen, pupen, puppern, pupsen, pusten, putschen, quabbeln, quaken, quäken, quarren, quatschen, quieken, quietschen, rappeln, rascheln, rasseln, ratschen, rattern, rauschen, röcheln, röhren, rotzen, rucken, rucksen, rummeln, rumpeln, rumsen, rülpsen, ruscheln, rutschen, sausen, säuseln, schellen, scheppern, schlabbern, schlucken, schlupfen, schlüpfen, schlürfen, schmatzen, schmettern, schnackeln, schnappen, schnarchen, schnarren, schnattern, schnauben, schnaufen, schnauzen, schnäuzen, schnicken, schniefen, schnippen, schnipsen, schnorcheln, schnüffeln, schnupfen, schnuppern, schnurren, schurren, schrillen, schwabbeln, schwappen, schwatzen, schwätzen, schwirren, seufzen, simmen, sirren, spratzen, spritzen, sprotzen, stammeln, stottern, suckeln, süffeln, summen, suppen, surren, tacken, tackern, tattern, ticken, traben, trällern, trappeln, trappen, tratschen, trillern, trippeln, trommeln, tröten, tschiepen, tschilpen, tuckern, tuscheln, tuten, wabbeln, wiehern, wimmern, winseln, wispern, wummern, zecken, zicken, ziepen, zirpen, zischen, zischeln, zullen, zutschen, zuzeln, zwitschern

Hinzu kommen einige lautmalende Verben, die den Tieren vorbehalten sind. So wie das Knören und Trenzen der Hirsche, das Rackeln der Rackelhähne, das Spissen der Haselhähne, das Scheckern der Elstern, das Rucken der Tauben und das Quorren der Schnepfen.

Der wissenschaftliche Begriff für Lautmalerei ist Onomatopoesie, vom griechischen onomatopoiein, das »einen Namen formen« bedeutet. Dieses Wort muss man sich nicht merken, aber es erinnert uns daran, dass Lautmalerei eine Form von Poesie ist. Ob Klimbim, Tamtam, Radau oder Pardauz, Holterdipolter, Rambazamba, Kladderadatsch oder Tschingderassabum – ohne die Lautmalerei wäre unsere Sprache weit weniger anschaulich und farbenfroh.


Weitere rhetorische Themen:
Synonyme: Die Sucht nach Synonymen
Pleonasmen: Zweifach doppelt gemoppelt
Füllwörter: Das schmeckt aber gut

Illustration: Katharina M. Ratjen

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7 Kommentare

  1. Avatar

    Schnätterätäng!

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    „Hatschi“ ist vielleicht nur bedingt lautmalerisch. Neuere Forschungen sollen belegen, dass die ägyptische Königin Hatschepsut (gest. 14. Januar 1457 v. Chr.) sich auf der Expedition nach Punt in ihrem 9. Regierungsjahr eine hartnäckige Erkältung zugezogen hatte.
    Aus Ehrerbietung gegenüber der Herrscherin und zur Vermeidung der Peinlichkeit sollen die sie umgebenden Höflinge ihr Niesen mit dem Ausruf „Hatschepsut“ übertönt haben.
    Darauf weisen auch Stelen aus der Zeit nach 1457 v. Chr. hin. Hierauf will man verkürzte Zeichen für Hatschi gefunden haben. Eine Verifikation steht noch aus.

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    Jetzt haben Sie aber das wunderschöne „Didgeridoo“ vergessen

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    Ich komme vom Thema ab… Sollte aber nicht an der Stelle von „Wann“ „Wenn“ im folgenden Satz: „Wann immer es in der Wiese summt und brummt…“ stehen?

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    Als Ergänzung: In Skandinavien heißt ein Motorrad „Knallert“,
    in der Schweiz ein Mofa offiziell „Töff“.

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    Natalie Birdwell

    Ich frage mich schon seit einer halben Ewigkeit (wie lange mag die eigentlich sein?), wann Vögel endlich mal „Expensive!“ rufen statt immer nur „Cheap!“.

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