Freitag, 5. November 2021

Tesa-Film ist fast Leim

Was haben Eifersucht und Schufterei gemeinsam? Was verbindet Peer Steinbrück mit Rupert Siebeneck? Und Gerhard Schroeder mit Dr. Roger Drehachse? Die Antwort lautet: die Buchstaben! Eine der lustvollsten Arten, sich mit Wörtern zu beschäftigen, ist die Suche nach Anagrammen.

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Im September 2013 stehen die 18. Bundestagswahlen an. Höchste Zeit also, sich ein paar Gedanken über Politik zu machen. In einem Chat auf Facebook erklärte mir jemand, Angela Merkel sei die einzige Politikerin, die von Anfang an mit offenen Karten gespielt habe. Man müsse es nur verstehen, sie richtig zu deuten. Ihr Name sei nämlich ein Anagramm: Durch Umstellung der Buchstaben würde „Angela Merkel“ zu „Klare Maengel“. Und da hätte man doch den Beweis: Diese Frau macht keinem etwas vor!

Wer Scrabble spielt, der weiß, dass das Umstellen von Buchstaben oft zu verblüffenden Ergebnissen führen kann. Aus den Steinen, die für das Wort „Aufschub“ nötig sind, lässt sich auch ein „Fuchsbau“ errichten, und „Rohsahne“ kann man so lange verquirlen, bis am Ende „Hasenohr“ dabei herauskommt.

Schon die alten Griechen bildeten Anagramme, und von ihnen stammt auch der Fachbegriff: „Anagramm“ leitet sich vom griechischen „anagraphein“ ab, was „umschreiben“ bedeutet. Auf Deutsch wird ein Anagramm auch „Letterkehr“ oder „Schüttelwort“ genannt. Für so manchen ist das Puzzeln mit Buchstaben nicht nur eine amüsante Form der Freizeitbeschäftigung, sondern geradezu eine Leidenschaft. Im Internet kann man ganze Listen mit originellen Anagrammen einsehen, die von begeisterten Anagrammsuchern zusammengetragen wurden. Darauf findet man erfrischend unkorrekte Gleichungen wie „Atom-Ausstieg = Essig-Automat“, „Bundestag = Angstbude“, „Reformpaket = Aemterkropf“, „Frauenschwarm = Warmschnaufer“ und „Tesa-Film = Fast Leim“. Eines der längsten Ein-Wort-Anagramme ist „Behoerdenbauten“. Es hat dieselben Buchstaben wie „ohrenbetaeubend“.

In früheren Zeiten dienten Anagramme nicht allein dem Vergnügen, sondern auch der Verschlüsselung. Galileo Galilei zum Beispiel veröffentlichte seine Erkenntnisse über die Planeten Venus und Saturn in Form von Anagrammen, um sicherzustellen, dass sie nur von Eingeweihten verstanden werden konnten. Manche Schriftsteller wählten ein Anagramm als Künstlernamen. Dann spricht man auch von einem Ananym (nicht zu verwechseln mit „anonym“). Der Lyriker Paul Celan hieß mit bürgerlichem Namen Paul Ancel. Der Schriftsteller Hans C. Mayer nannte sich Jean Améry, und Kurt Wilhelm Marek wurde unter dem Namen C. W. Ceram bekannt.

Nicht nur unter Literaten, sondern auch in der Literatur selbst spielen Anagramme immer wieder eine Rolle. Der Schriftsteller James Krüss erschuf für seinen Roman „Timm Thaler“ einen zwielichtigen Baron, den er Lefuet nannte. Wenn man diesen Namen rückwärts las, kam sein wahres Ich zum Vorschein: „Teufel“. Einem nicht minder schaurigen Geheimnis kamen die Leser der „Harry Potter“-Bücher auf die Spur, indem sie im Namen „Tom Marvolo Riddle“ den Hinweis „I am Lord Voldemort“ erkannten und somit die wahre Identität des bösesten aller bösen Zauberer.*

Ein besonders leidenschaftlicher Anagrammsucher ist der Schriftsteller Walter Moers. In seinen Büchern „Die Stadt der Träumenden Bücher“ und „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ tauchen zahlreiche Künstler auf, deren Namen Anagramme von bekannten Schriftstellern und Musikern sind: Aus „Friedrich Hölderlin“ formte Moers „Dölerich Hirnfidler“, aus „Johann Wolfgang von Goethe“ machte er „Ohjann Golgo van Fontheweg“, und aus „Wolfgang Amadeus Mozart“ bildete er den klangvollen Namen „Melodanus Graf Watzogam“.

Manchem sind auch die Namen von Freunden und Verwandten für ein Verdrehvergnügen nicht zu schade. So war ich einmal zu einer Feier eingeladen, bei der alle Namen auf den Platzkarten in Anagrammform geschrieben waren. (Auf meinem stand „Citibank-Ass“.) Das war zweifellos eine originelle Idee, doch es dauerte eine halbe Stunde, bis jeder seinen Namen entschlüsselt hatte. Unterdessen war das Essen verschmort.

Besonders beliebt sind Anagramme, die einen bekannten Namen auf ironische Weise interpretieren. Die Buchstaben des Namens Dieter Bohlen ergeben das Wort „Bloedenhirte“. Und aus der Schauspielerin Pamela Anderson wird „Das Paar Melonen“.

Die steilsten Vorlagen liefern freilich die Namen von Politikern. Als sich Wolfgang Schäuble in seiner damaligen Funktion als Innenminister für verschärfte Überwachungs- und Abhörgesetze stark machte (vom Volksmund der „Große Lauschangriff“ genannt), fanden Anagrammsucher heraus, dass die Buchstaben „Schaeuble“ in anderer Reihenfolge das Wort „Belausche“ ergeben. Und was denkt die Anagrammatik über Guido Westerwelle? „Wow! Leider luegt es.“

Nachdem bei Angela Merkel klare Mängel zum Vorschein gekommen waren, wollte ich natürlich auch wissen, was der Spitzenkandidat der SPD zu verbergen hat. Aus Buchstabensteinen meines Scrabble-Spiels bildete ich den Namen „Peer Steinbrueck“. Dann stellte ich die Steine so lange um, bis sie plötzlich die Worte „unbereiter Speck“ ergaben. In der Hoffnung, noch etwas Freundlicheres zu finden, versuchte ich es weiter. „Brueskiert Pence“ las ich schließlich, was mir als kein gutes Omen für die Euro-Politik gegenüber Großbritannien erschien. Auch die nächste Kombination erwies sich als ein schlechtes Omen, diesmal in Bezug auf den Tierschutz: „Bespucke Rentier“. Das Netteste, was sich aus Peer Steinbrücks Buchstaben gewinnen ließ, war ein anderer Name: Rupert Siebeneck. Wenn es mit der Wahl zum Kanzler nicht klappt, kann er es unter diesem Namen irgendwann ja noch mal versuchen.

Wem die Scrabble-Methode zu umständlich ist, der kann es sich auch leichter machen. Es gibt im Internet nämlich einen Anagramm-Generator. Der funktioniert denkbar einfach: Man braucht nur ein Wort oder einen Namen einzugeben, und in Sekundenschnelle erstellt das Programm eine Liste mit allen möglichen Kombinationen. Möglich heißt: sprechbar, aber keinesfalls immer sinnvoll. Das habe ich mit „Angela Merkel“ probiert, und es kamen noch ganz andere Dinge dabei heraus als „klare Mängel“.

Zum Beispiel Gelenkealarm, Laermklaenge, Kamelanleger, General Makel, lange Reklame und die Angelmakrele. Mitleiderregend der „Arme-Egel-Klan“, begeisterungweckend der „Legekram-Elan“, köstlich die Informationen „Mag alle Kerne“ und „gerne Kamelle“! Das charmanteste Angela-Gramm aber war der nach alter Rechtschreibung gebildete „Karamel-Engel“.

Inzwischen erhielt ich eine weitere Nachricht von dem Facebook-Mitglied, das mich auf Angela Merkels klare Mängel hingewiesen hatte. „Da wäre noch etwas, was Sie über Frau Merkel wissen sollten“, las ich. „Auch das steht buchstäblich vor unseren Augen: Sie müssen nur die Bestandteile des Wortes ,Bundeskanzlerin‘ in eine andere Reihenfolge bringen, dann wissen Sie Bescheid! Gut geschüttelt, ergibt sich ein Wort, wie man es trefflicher und zynischer nicht erfinden könnte, nämlich: Bankzinsenluder!“

Für „Adriane Rinschi“

*In der deutschen Übersetzung heißt Tom Riddle mit Zweitnamen Vorlost, sodass der komplette Name das Anagramm „Ist Lord Voldemort“ ergibt.

 

Von Akronym bis Synonym – 

ein Überblick über besondere Wörter, Namen und Sätze

Akronym Abkürzung oder Kurzwort aus den Initialen oder Anfangssilben eines Namens oder einer Wortgruppe (Azubi = Auszubildender, Kfz = Kraftfahrzeug, Haribo = Hans Riegel, Bonn)
Anagramm Umstellung der Buchstaben eines Wortes, durch die sich ein neues Wort ergibt (Lampe = Palme; Reifen = Ferien; Atheismus = Mietshaus; Schweizfibel = Zwiebelfisch)
Ananym Anagramm eines Namens, das einen neuen Namen ergibt (Alucard = Dracula)
Anonymus ungenannter Verfasser
Antonym Wort mit entgegengesetzter Bedeutung (nah ≠ fern; Tag ≠ Nacht)
Apronym Sonderform des Akronyms, bei dem sich ein Wort ergibt, das bereits in anderer Bedeutung existiert (Bund = „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“; Elster = „Elektronische Steuererklärung“)
Homonym Wort mit gleichem Klang, aber unterschiedlicher Bedeutung, auch Teekesselchen genannt (Ball = Spielzeug und Tanzfest; Bank = Sitzgelegenheit und Geldinstitut; Speicher = Dachboden und Lagerhaus)
Homophon Wort mit gleichem Klang, aber unterschiedlicher Schreibweise (Leere – Lehre; Lid – Lied, Wände – Wende)
Onomatopoesie Lautnachahmung, Schallwort („bums“, „klipp, klapp“, „Kuckuck“, „peng!“, „ritsch, ratsch“, „tröööt!“)
Oxymoron Verbindung gegensätzlicher Begriffe: „bittersüß“, „stummer Schrei“, „Hassliebe“, „Minuswachstum“
Palindrom Buchstabenfolge, die auch rückwärts gelesen einen Sinn ergibt (Nebel = Leben), im besten Fall sogar denselben wie vorwärts gelesen („Lagerregal“, „Reliefpfeiler“, „Reit nie ein Tier!“, „Eine güldne, gute Tugend: Lüge nie!“)
Pangramm ein Satz, der alle 26 Grundbuchstaben des Alphabets enthält („Franz jagt im komplett verwahrlosten Taxi quer durch Bayern“) oder sogar 30 einschließlich der deutschen Sonderzeichen ä, ö, ü und ß („Zwölf Boxkämpfer jagen Viktor quer über den großen Sylter Deich“.)
Pseudonym Deckname, Künstlername (Novalis = Friedrich Freiherr von Hardenberg; Mary Westmacott = Agatha Christie; e. o. plauen = Erich Ohser)
Synonym sinnverwandtes Wort, Ersatzwort (Anfang = Beginn; Ende = Schluss; Speicher = Dachboden)

 

(c) Bastian Sick 2013


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.

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