Freitag, 2. Dezember 2022

Verehren, verachten, vergönnen, verzeih‘n

Wenn „verehren“ so viel wie „besonders ehren“ bedeutet, warum ist „verachten“ dann nicht „besonders achten“? Wenn „verkennen“ das Gegenteil von „kennen“ ist, warum ist „vergönnen“ dann nicht das Gegenteil von „gönnen“? Die Antwort auf diese Fragen steckt in der Vorsilbe: Das unscheinbare „ver“ hat es in sich! Es ist ein wahrer Verwandlungskünstler.

„Lieber Onkel!“, schrieb mir mein Neffe zu Beginn des Sommers, „bald sind endlich Ferien. Wie du vielleicht schon weißt, fahre ich mit meinen Eltern nach Schweden. Darum ist es mir diesmal leider vergönnt, dich zu besuchen.“ Dass vor dem Wort „vergönnt“ ein „nicht“ fehlte, hielt ich für verzeihlich. Im Eifer des Schreibens wird ein einzelnes Wort leicht unterschlagen. Bedauerlich hingegen fand ich, dass ich meinen Neffen in den Ferien nicht würde sehen können, auch wenn ich ihm die Reise nach Schweden natürlich von Herzen gönnte.

Ein paar Wochen später erhielt ich eine Postkarte, auf der zwei Elche zu sehen waren. Auf der Rückseite stand geschrieben: „Lieber Onkel! Viele Grüße aus Småland. Wir haben schon viel unternommen, nur zum Baden sind wir noch nicht gekommen, denn gutes Wetter war uns bisher vergönnt.“ Ich wurde stutzig: Schon wieder fehlte ein „nicht“. Das konnte doch kein Zufall sein?!

Tatsächlich befand sich mein Neffe in dem Glauben, dass „vergönnen“ das Gegenteil von „gönnen“ sei. Was dem Menschen nicht ge-gönnt ist, das müsse ihm ver-gönnt sein, so glaubte er. Und hatte sich dabei ver-glaubt. Was mich wiederum über eines der rätselhaftesten Phänomene nachdenken ließ, die unsere Sprache zu bieten hat: die Vorsilbe „ver“.

Das Phänomenale sieht man ihr zunächst überhaupt nicht an. Wie „be“, „ge“, „ent“, „er“ und „zer“ gehört sie zu den „Untrennbaren“, also zu jenen Vorsilben, die nicht allein stehend vorkommen und die auch keine Betonung tragen. Im Vergleich zu betonten, schillernden und sich selbst erklärenden Vorsilben wie „auf“, „bei“, „durch“, „hin“, „her“, „unter“ und „über“ ist „ver“ so etwas wie die graue Maus im Vorsilbenzoo: unscheinbar und unspektakulär.

Doch wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass keine andere Vorsilbe so häufig zum Einsatz kommt wie „ver“. Wortzusammensetzungen mit „ver“ gibt es nicht nur ein paar, sondern Hunderte, wenn nicht gar Tausende. Im Rechtschreibduden nehmen sie mehr als 20 Seiten ein, dreispaltig bedruckt.

Mit „ver“ lassen sich sowohl Eigenschaftswörter bilden (verliebt, verlobt, verheiratet, verschieden) als auch Hauptwörter: Verdienst, Vernunft, Verlust, Verbot. Die meisten „ver“-Wörter aber sind Tätigkeitswörter, sprich Verben. Und obwohl „ver“ doch nur eine Vorsilbe ist, gibt es sogar Verben, die ohne „ver“ nicht mehr sein können. Im Wörterbuch findet man weder blüffen noch geuden, gessen, lieren, mummen, pönen, schwenden oder teidigen. Es gibt sie nur im Verbund mit „ver“.*

Die Vorsilbe „ver“ gab es schon bei den alten Germanen. Ursprünglich bedeutete sie „vorbei, hinfort“. Das zeigt sich noch heute in Wörtern wie „verklingen“, „verwehen“, „verjagen“, „vertreiben“, „verkriechen“ und „verstecken“. Und sie ist nicht nur im Deutschen, sondern auch im Englischen, Niederländischen und in den skandinavischen Sprachen zu finden – als „ver“, „for“ oder „för“. Im Englischen gibt es allerdings nur eine kleine Handvoll Wörter mit „for“ wie „forgive“ (= vergeben), „forget“ (= vergessen), „forfend“ (= verhüten) und „forlorn“ (= einsam, verloren sein), und die meisten Englischsprechenden wissen vermutlich nicht einmal, dass dieses „for“ nichts mit der gleichklingenden Präposition „for“ (= für) zu tun hat. Das Niederländische verzeichnet hingegen etliche Wörter mit „ver“, die wir nur als „er“-Wörter kennen: „verklaren“ (= erklären), „vertellen“ (= erzählen), „verwachten“ (= erwarten) und „vermoorden“ (= ermorden). Doch keine Sprache macht von den Möglichkeiten des „ver“ so regen Gebrauch wie das Deutsche. Dank „ver“ konnten wir so klangvolle Wörter erschaffen wie „verhackstücken“, „verhohnepipeln“, „vergackeiern“, „verkasematuckeln“, „verbumfiedeln“ und „versaubeuteln“. Ganz zu schweigen von „verbalisieren“ und „vertikutieren“. Auch wenn die beiden letzten auf einem anderen Blatt stehen, so kommt man doch zu der Erkenntnis: Ohne „ver“ könnten wir uns heute nicht nünftig ständigen, ohne „ver“ wären wir loren!

Bei dem Versuch, das Phänomen „ver“ zu erklären, hat sich schon mancher verbohrt, verbissen, verstiegen und verrannt. Denn „ver“-Wörter sind schwer zu kategorisieren. Sie können ein langsames Werden und Wachsen beschreiben und genauso ein jähes Ende und Verschwinden. Sie können eine fehlgeschlagene Handlung anzeigen oder eine erfolgreiche Umwandlung. Mal dreht die Vorsilbe „ver“ das Grundwort in die eine, mal in die andere Richtung.

Mit Hilfe von „ver“ kann man Dinge und Menschen zu etwas anderem umformen: Man kann aus einer Geschichte einen Film machen („verfilmen“), aus Abfällen eine Wurst herstellen („verwursten“) und aus einem gewöhnlichen Sterblichen einen Beamten erschaffen („verbeamten“).

Mit „ver“ kann man auch selbst zu etwas werden, zum Beispiel arm oder blöd, zu Stein oder zum Greis, wie die Verben „verarmen“, „verblöden“, „versteinern“ und „vergreisen“ zeigen.

Durch „ver“ können Dinge mit Merkmalen versehen werden, wahlweise mit Chrom („verchromen“), Glas („verglasen“), einem Gitter („vergittern“) oder einer Beule („verbeulen“). Auch Menschen können auf diese Weise mit etwas versehen werden, zum Beispiel mit einem Kabel („verkabeln“), einem Schleier („verschleiern“) oder einer Wunde („verwunden“). Ein Gift, ein Zauber oder ein Fluch tun es auch, wie man an „vergiften“, „verzaubern“ und „verfluchen“ sehen kann.

Bei all diesen Verben geht „ver“ eine Verbindung mit einem Eigenschaftswort oder einem Hauptwort ein. Noch häufiger aber verbindet es sich mit Verben. Dort ist es zu weit erstaunlicheren Leistungen imstande.

Mit Hilfe von „ver“ lassen sich Objekte an einen anderen Ort bringen (verlagern, verrücken, verschieben) oder dem Zugriff entziehen (verriegeln, verschließen, versperren). Materialien lassen sich zusammenfügen (verbinden, verknüpfen, verschweißen) und aus der Form bringen (verformen, verlaufen, verziehen). Zeit, Geld und vieles andere lässt sich aufbrauchen (verbraten, vertrinken, verplempern, verprassen) oder löst sich von selbst auf (verfliegen, verrauchen, verschwinden).

Mit Hilfe von „ver“ kann man außerdem eine Menge falsch machen: Wer nicht richtig gezählt hat, hat sich verzählt, wer falsch geschätzt hat, hat sich verschätzt, und wer die verkehrte Nummer gewählt hat, der hat sich verwählt. „Ver“ ist immer zur Stelle, wenn jemand vom rechten Weg abkommt und sich verrennt, vertut, vergreift, vergeht, verstrickt, verheddert und verfängt. Und auch dann, wenn sich jemand verliebt. Dass „sich verlieben“ nach dem gleichen Muster gebildet wird wie „sich verirren“, „sich verfangen“ und „sich verbrennen“, lässt sich leichter mit Romantik als mit Grammatik erklären. (Grund genug für mich, darüber ein Lied zu schreiben: „Sich zu verlieben“)¶

Hier dient „ver“ zum Anzeigen der Übertreibung oder der Verfehlung, in anderen Fällen dient es der Umkehrung ins Gegenteil: Da wird „achten“ zu „verachten“, „blühen“ zu „verblühen“ und „zeihen“ (ein altes Wort für beschuldigen) zu „verzeihen“.

Bei einer ganzen Reihe von Verben aber markiert „ver“ weder ein Verschwinden noch eine Verfehlung oder eine Umkehrung, sondern etwas anderes: Der Unterschied zwischen „sterben“ und „versterben“ und zwischen „spüren“ und „verspüren“ ist weniger ein inhaltlicher als vielmehr ein stilistischer. Hier dient das „ver“ zur Verstärkung, zur Veredelung, zur Kenntlichmachung des Besonderen. Nach gleichem Prinzip wurde „neigen“ zu „verneigen“, „sichern“ zu „versichern“ und schließlich „meinen“ zu „vermeinen“ – was einmal für „fest glauben“ stand und heute noch in dem Adjektiv „vermeintlich“ zu finden ist. Und in diese Kategorie fällt auch das Verb „vergönnen“, das kein ins Gegenteil verkehrtes „gönnen“ ist, wie mein Neffe vermeinte, sondern ein veredeltes „gönnen“.

Das alles ist zugegebenermaßen nicht gerade leicht zu überblicken. (V)erschwerend kommt hinzu, dass viele „ver“-Verben in mehreren Ausführungen existieren. Je nachdem, ob sie ein Objekt haben oder nicht, ob sie rückbezüglich sind oder nicht, können sie unterschiedliche Bedeutungen annehmen.

Zum Beispiel kann es vorkommen, dass sich Ärzte beim Verschreiben einer Arznei verschreiben. Ebenso können sich Landvermesser beim Vermessen von Land vermessen (es wäre vermessen anzunehmen, sie täten es nie). Und meine Freundin Sibylle stellt sich regelmäßig die Frage: „Wie wäre das Date wohl verlaufen, wäre mir die Schminke nicht verlaufen und hätte ich mich auf dem Weg nicht verlaufen?“

Auch das Verb „versprechen“ kann mehrere Bedeutungen haben, nämlich „geloben“, „verhaspeln“ und „erhoffen“. So kann ich Ihnen zwar versprechen, mich nie wieder zu versprechen, doch sollten Sie sich von einem solchen Versprechen nicht allzu viel versprechen.

Eines der vieldeutigsten „ver“-Wörter ist das Verb „verlegen“. Mein Verleger weiß davon ein Lied zu singen: Als Student hat er noch selbst Parkett verlegt, heute verlegt er an guten Tagen Bücher, an weniger guten seine Brille. Er hat sich auch schon mal den Hals verlegen, und um einen guten Rat ist er nie verlegen, und sei es nur, sich nicht aufs Bücherverlegen zu verlegen.

Seine vielseitige Verwendbarkeit ist der Grund dafür, dass „ver“ nie aus der Mode gekommen ist. Nicht jedem mögen Neubildungen gefallen wie verlinken, verunfallen, verwirtschaftlichen, veramerikanisieren, vercomputerisieren und vervirtualisieren. Doch so ist „ver“ nun mal: Es mag manches verbiegen, verformen und verumständlichen, aber nichts verunmöglichen.

* „Verteidigen“ geht übrigens auf das althochdeutsche Wort „taga-ding“ zurück, was „Verhandlung an einem bestimmten Tage“ bedeutet, womit die Gerichtssitzung gemeint war. Aus dem tageding wurde teiding und schließlich ver-teidig-en. Ebenso bemerkenswert ist die Geschichte des Wortes „vergessen“: Es ist aus „gezzen“ entstanden, einem alten Wort für „fassen“ und „ergreifen“, verwandt mit dem englischen „get“. Ironischerweise geriet „gezzen“ in Vergessenheit.

Weitere „Ver“-Tabellen finden Sie hier!

(c) Bastian Sick 2013

Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.
Live-Auftritt: „Verehren, verachten, vergönnen, verzeih‘n“ im Rahmen der Tournee 2014
Liedtext: „Sich zu verlieben“
Studioaufnahme: „Sich zu verlieben“ als MP3-Download

Lesen Sie auch:

Pellen oder schälen?

Frage eines Lesers aus Wasserburg (Bayern): Meine Frau und ich haben ein sprachliches Problem. Es …

Ein Kommentar

  1. …. doch als sie eine Weile verheiratet war, merkte sie erst, mit wem sie da verheiratet war und musste feststellen, dass sie sich ganz schön verheiratet hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.