Freitag, 23. Juli 2021

Wem sein Brot ich ess, dem sein Lied ich sing

Annes Armband ist unauffindbar? Konrads Kamera ist verschwunden? Ein Fall für Inspektor Dativ! Der nuckelt an seinem Pfeifchen und stellt fest: Alles eine Frage des Falles! Wenn man die Leute nach der Anne ihr Armband fragt und nach dem Konrad seine Kamera, dann tauchen all diese Dinge wie von selbst wieder auf.

Als ich mich vor drei Jahren zum ersten Mal in einer Geschichte mit dem Todeskampf des Genitivs befasste, war ich mir der Tragweite des Problems gar nicht bewusst. Ich hatte ein paar harmlose Bemerkungen über den Rückgang des Genitivs hinter bestimmten Wörtern wie „wegen“ oder „laut“ zu Papier gebracht und ahnte nicht im Geringsten, dass dies nur die Spitze des Eisbergs war.

Aufgrund der vielen Zuschriften, die ich nach Erscheinen meines ersten Buches erhielt, und der starken Resonanz, die der Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ überall in Deutschland hervorrief, dämmerte mir schließlich, dass ich, indem ich an der Spitze des Eisbergs gekratzt hatte, auf etwas viel Härteres gestoßen war, nämlich dem Eisberg seine Spitze.

Wer wie ich in einer genitivfreundlichen Biosphäre aufgewachsen ist, macht sich nicht immer klar, dass Michaels Mutter und Lauras Freunde für viele, wenn nicht gar für die meisten Deutschen „dem Michael seine Mutter“ und „der Laura ihre Freunde“ sind. Im gesprochenen Deutsch wird der Genitiv gern umgangen, deshalb heißt es wohl auch Umgangssprache. In den meisten Dialekten kommt er überhaupt nicht mehr vor, dort ist er dem Dativ seine fette Beute geworden.

Wenn man im Rheinland den Besitzer einer Tasche ermitteln will, stellt man die Frage so: „Wem sing Täsch is dat?“ Mit „Wessen Tasche ist das?“ brauche man es gar nicht erst zu versuchen, klärte mich der großartige Sprachkabarettist Konrad Beikircher unlängst auf, „das verstehen die Rheinländer nicht, da gucken die weg“. Der „Wem-sing“-Fall, also der besitzanzeigende Dativ, regelt klar und verständlich, was Sache ist, und vor allem: wem seine Sache es ist.

Eine Lehrerin aus Baden-Württemberg sagte mir, dass der Genitiv in ihrer Region komplett ausgestorben sei, sie sehe daher keinen Sinn mehr darin, ihn heute noch zu unterrichten. „Ich bin Lehrerin für lebende Sprache, nicht für tote Fälle“, schloss sie lächelnd.

Selbst Linguisten sehen keinen Grund, dem Genitiv nachzuweinen. Andere Sprachen kämen ja auch ohne den Genitiv aus. Das stimmt natürlich. Doch müssen wir uns andere Sprachen zum Vorbild nehmen? Dann könnten wir das unbequeme Deutsche doch gleich ganz abschaffen und Englisch als Landessprache einführen.

Aber so weit würden wir wohl doch nicht gehen wollen. Denn wenn wir ehrlich sind, dann lieben wir die deutsche Sprache, auch wenn sie kompliziert ist und ihre Macken hat. Vielleicht ja sogar gerade deswegen.

Und so unpopulär, wie es den Anschein hat, ist der Genitiv gar nicht. Ein hartnäckiger Rest hält sich selbst in jenen Dialekten, die mit hochdeutscher Grammatik angeblich nichts zu tun haben. Im Schwäbischen zum Beispiel taucht der Genitiv noch vor männlichen Personen auf: Wer die Katze des Nachbarn meint, der kann außer am Nachber sei Katz oder d‘ Katz vom Nachber auch noch ’s Nachber Katz sagen, und dieses ’s ist ein Überbleibsel des Artikels „des“ und somit ein Beweis für die Existenz eines schwäbischen Wes-Falles*.

Die Sprache steckt nicht nur voller Missverständnisse, sondern auch voller Ironie und bisweilen unfreiwilliger Komik. Dass der Genitiv mit dem „s“ am Ende ausgerechnet als „sächsischer Genitiv“ bezeichnet wird, erscheint geradezu absurd. Denn mit dem Genitiv hat das Sächsische heute nicht mehr viel zu tun.

Das Bairische erst recht nicht. Im Lande des exzentrischen Märchenkönigs Ludwig II. ist der Genitiv schon vor Jahrhunderten in irgendeinem riesigen Maßkrug ertrunken. Des Königs Cousine ist „am Kini sei Basn“, wobei „am“ hier nicht als Präposition zu verstehen ist, sondern – genau wie im Schwäbischen – als unbetonter männlicher Artikel: dem König seine Base also. Anders ausgedrückt: die Sisi.

Das beste Hochdeutsch wird ja angeblich in der Region Hannover gesprochen. Das wird jedenfalls immer wieder behauptet, besonders von Hannoveranern. Und ausgerechnet dort findet man einen Dativ in Stein gemeißelt, der es in sich hat:

Vor dem Bahnhof in Hannover steht ein Reiterdenkmal, das Ernst August von Hannover zeigt. Nicht den mit dem Regenschirm und dem befeuchteten türkischen Pavillon, sondern den einstigen König. Und dessen Pferd natürlich. In den Sockel sind die Worte eingemeißelt:

DEM LANDESVATER

SEIN TREUES VOLK

Das ist zugegebenermaßen etwas missverständlich. Hätte der Graveur zwischen den „Landesvater“ und dem folgenden Wort einen Gedankenstrich gesetzt, wäre die Sache klar, dann läse sich die Inschrift so, wie sie aller Wahrscheinlichkeit nach gedacht war: „Dem Landesvater (gewidmet) – (gezeichnet:) sein treues Volk“.

Ohne Gedankenstrich aber liest man die Inschrift in einem Rutsch durch und wundert sich: Sollte dies am Ende gar kein Denkmal für den König sein? Hatte es vielmehr der König selbst in Auftrag gegeben, um sein Volk zu ehren? Wenn das zutrifft, dann hatte Ernst August offenbar eine Genitiv-Schwäche; denn in korrektem Hochdeutsch hätte es „Des Landesvaters treuem Volk“ heißen müssen. Oder aber der Graveur war ein heimlicher Marxist und hat die Widmung für den König extra so gesetzt, dass man sie auch als Widmung für das Volk deuten konnte. Doch das sind Spekulationen. Wahrscheinlicher ist, dass dem Graveur sein subversives Handeln gar nicht bewusst war und dass er in Wahrheit ein unbescholtener Mann war – denn im Königreich Hannover galt wie überall: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Heute würde man wohl sagen: Wem sein Brot ich ess, dem sein Lied ich sing.

* So nachzulesen bei Wolf-Henning Petershagen: „Schwäbisch für Durchblicker“, Theiss-Verlag, Stuttgart 2004, S.56.

(c) Bastian Sick 2006 


Post an den Zwiebelfisch: Dem Landesvater sein treues Volk


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.

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