Mittwoch, 13. Oktober 2021

Wenn du und er wollt

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Es ist nicht immer leicht, ich, du, er, sie und es unter einen Hut zu bekommen. Jedenfalls in sprachlicher Hinsicht. Wie lange kennt du und er euch schon? Haben ihr und ich uns noch etwas zu sagen? Sätze wie diese klingen ungewohnt, wenn nicht gar falsch. Sie sind aber korrekt.

Vor ein paar Tagen fand ich im Briefkasten eine Karte von meiner Freundin Tina. Sie schickte mir sonnige Grüße, verbunden mit einer Einladung ins Kino. Henry solle auch mitkommen. „Wir können uns ,Sex and the City‘ ansehen“, schrieb sie, „wenn Henry und du Lust hast“. Das Wort „hast“ war durchgestrichen und durch „haben“ ersetzt. Und hinter „haben“ hatte Tina ein Sternchen gemacht, das auf eine klein geschriebene Fußnote am Rand verwies: „Nicht mal ne Einladung zum Kino kann man schreiben, ohne über die Grammatik zu stolpern!“ Und dann hatte sie noch einen Smiley dazu gemalt und geschrieben: „Wehe, du machst daraus eine Kolumne!“ Nun, dachte ich, wenn ich so charmant dazu aufgefordert werde — schreibe ich also was darüber.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass der Satz auf Tinas Karte auch durch die Korrektur nicht richtig wurde. Das Konjugieren von Verben bei mehrteiligem Subjekt bereitet immer wieder Probleme, obwohl es hierzu eindeutige Regeln gibt: Ich und er ergibt „wir“; du und er ergibt „ihr“. „Wenn Henry und du Lust habt“ wäre nach dieser Regel also die richtige Form. Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass dies ein bisschen seltsam klingt. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird es eher vermieden, Sätze mit einem Subjekt zu bilden, das aus einer Aufzählung aus mehreren Personen besteht. Seltsam wird es jedenfalls immer dann, wenn dabei erste, zweite und dritte Person zusammentreffen und womöglich die eine Person im Singular und die andere im Plural steht. Eine Konstruktion nach dem Muster „Du und meine Eltern seid ein tolles Team“ ist korrekt, aber eher ungewohnt. Meistens hilft man sich mit einer Zäsur: „Du und meine Eltern, ihr seid ein tolles Team.“

Ich mag ja nicht nur „Sex and the City“, sondern auch die „Simpsons“. Im Zeitschriftenladen am Bahnhof kaufe ich mir gelegentlich ein „Simpsons“-Comicheft als Reiselektüre. Aus dem Heft mit der Nummer 138 stieg eine Sprechblase auf, die unter grammatischen Gesichtspunkten bald zerplatzen musste. In der Geschichte hatte Herr van Houten seinen unsportlichen Sohn Milhouse zu einem Angelausflug überredet und Homer und Bart Simpson zur moralischen Unterstützung mitgenommen. Dankbar sagte er zu Homer: „Dass du und Bart hier sind, macht alles leichter.“ Nur das Konjugieren nicht. Denn richtig hätte es heißen müssen: „Dass du und Bart hier seid.“ Insofern stellen die Simpsons hier abermals unter Beweis, dass ihre Gegenwart selten etwas leichter macht. Sonst wären sie auch nicht so unterhaltsam.

Passend zu diesem Thema wandte sich ein Leser mit der Frage an mich, ob der Satz „Hier ist ein Foto,  auf dem du und deine Katze gemeinsam zu sehen sind“ richtig sei — oder ob es nicht „zu sehen seid“ heißen müsse. Tatsächlich ist Letzteres die richtige Variante. Du und deine Katze seid gemeinsam auf dem Foto zu sehen. Die zweite Person dominiert die dritte Person. Und die erste dominiert die zweite und die dritte. Aus „du bist“ und „er ist“ wird „du und er seid“, und wenn noch ein „ich“ ins Spiel kommt, wird daraus „du und er und ich sind“. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Reihenfolge die Personen genannt werden.

Diese Regel betrifft auch das Reflexivpronomen. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, lautet eine bekannte Redensart. Aber wenn einer von beiden du bist, dann heißt es nicht etwa „Wenn du und er sich streiten“, sondern „Wenn du und er euch streitet“. So heißt es auch nicht „Du und deine Brüder können sich freuen“, sondern „Du und deine Brüder könnt euch freuen“.

Als Henry und ich uns mit Tina treffen, beschließen wir aufgrund des schönen Wetters, vor dem Kinobesuch noch ein Eis essen zu gehen. Tina will aber nicht in der Sonne sitzen. Henry und ich wollen schon. „Dann müssen wir eben einen Tisch finden, bei dem ihr in der Sonne und ich im Schatten sitzen kann“, sagt Tina — und hält inne: „Nein, können — oder könnt?“ Henry grinst. Ich setze eine Unschuldsmiene auf. Tina verdreht die Augen: „Das macht mich ganz irre! Ich verabrede mich nie wieder mit euch beiden gleichzeitig!“

 

1. Person + 2. Person wird zu                  1. Person Plural

(Singular und Plural)

ich und du / du und ich …

ich und ihr / Ihr und ich …

wir und du / du und wir …

wir und ihr / ihr und wir …

 

 

(= wir)

… sind uns einig

… haben uns geeinigt

… werden uns einigen

1. Person + 3. Person wird zu                  1. Person Plural

(Singular und Plural)

ich und er / er und ich …

ich und sie / sie und ich…

wir und er / wir und sie …

 

(= wir)

… sind uns einig

… haben uns geeinigt

… werden uns einigen

 

2. Person + 3. Person wird zu                  2. Person Plural

(Singular und Plural)

du und er / er und du …

du und sie / sie und du …

ihr und er / er und ihr …

ihr und sie / sie und ihr …

 

(= ihr)

… seid euch einig

… habt euch geeinigt

… werdet euch einigen

 

(c) Bastian Sick 2008


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 4“ erschienen.

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