Freitag, 5. November 2021

Von Bürger/innen und Verbraucher/innen

Lieber Bastian Sick!

Ich habe seinerzeit Ihr Buch vom „Dativ“ sehr amüsiert gelesen. Ich selbst sehe auch die Notwendigkeit, auf sprachliche Verfehlungen immer wieder aufmerksam zu machen. Neben der falschen Anwendung des Genitivs sollte ebenfalls die übertriebene Feminisierung der Sprache kritisiert werden. Erst kürzlich musste ich Folgendes lesen: „Ein/e professionelle/r bildende/r Künstler/in führt das Projekt durch.“ (Aus: „kultur politik“ Nr.1/März 2013, Beitrag: „Bündnisse für Bildung“ von Andrea Gysi.) Was waren das noch für herrliche Zeiten, als es völlig ausreichte zu sagen: „Liebe Freunde, schön, dass Ihr alle gekommen seid!“, und keine weibliche Person sich ausgeschlossen fühlte.

Eine noch bedenklichere Sprach-Transformation hat sich seit nunmehr einigen Jahren epidemisch breitgemacht – nämlich der Austausch des wunderbar-kraftvollen Wortes „Bürger“ durch den blutleeren, versachlichenden Begriff „Verbraucher“.

Ich empfinde diese Ansprache oft als beleidigend.Nun ja, es gibt natürlich immer wichtigere Probleme zu lösen. Trotzdem!

Sehr herzliche Grüße,

Dr. Volker Rachui, Potsdam

Anbei noch ein eigenes Foto zur freien Verwendung. Mein Kommentar: „Hauptsache, man weiß, was gemeint ist.“


Antwort: Lieber Dr. Rachui! Ich danke Ihnen sehr für Ihre Zeilen! Die „Entmannung“ unserer Sprache ist in der Tat ein großes Thema, dessen ich mich immer mal wieder beherzt annehme. Obwohl ich ein großer Frauenfreund bin, stimme ich Ihnen zu, dass die gehäufte Anhängung der „/in“-Formen eher schadet als nützt, zumindest was die Lesbarkeit betrifft. Auch Ihre Empörung über die Abwertung zum „Verbraucher“ kann ich gut verstehen. Zum Sprachgebrauch, wie er uns von Behörden und übereifrigen Verfechtern der „politischen Korrektheit“ vorgeschrieben wird, lege ich Ihnen nachfolgend zwei Glossen ans Herz, die hoffentlich Ihren Zuspruch finden werden. Herzliche Grüße aus Hamburg, Ihr

Bastian Sick

Zwiebelfisch: Die Entmannung unserer Sprache

Zwiebelfisch: Wir sind die Bevölkerung!

Ach ja, und noch etwas: Dem ?Dativ?-Buch, das Sie seinerzeit gelesen haben, sind mittlerweile drei Fortsetzungen gefolgt, und im Mai erscheint der brandneue fünfte Band. Seien Sie gespannt!

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