Mittwoch, 20. September 2017
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Als man noch aufs Amt ging

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Manche finden es verwunderlich, wenn sie hören, jemand gehe aufs Rathaus oder auf die Post. Sie finden, es müsse zum Rathaus und zur Post heißen. Dies ist die Geschichte von Herrn Innendrin, der niemals aufs Rathaus ging, auf keiner Schule war und aus Prinzip auch nicht auf die Toilette ging. Was immer er tat, er tat es mit »in« und »zu«. Dabei ist an »auf« gar nichts verkehrt.

Herr Innendrin war ein ordnungsliebender, klar strukturierter Mensch. Das zeigte sich besonders in seinem akkuraten Umgang mit den Präpositionen. Verhältniswörter, wie sie auf Deutsch auch genannt werden. Herr Innendrin fand, dass Verhältniswörter allein schon aufgrund ihres Namens klare Verhältnisse verdient hätten. Er arbeitete für die Stadt, und zwar im Rathaus, und wenn er morgens seine Wohnung verließ und zur Arbeit ging, dann sagte er: »Ich gehe zum Rathaus«. Und wenn er vor dem Rathaus angekommen war und sich anschickte, hineinzugehen, dann sagte er: »Ich gehe ins Rathaus«. Es wäre ihm nie im Leben eingefallen, etwas anderes zu sagen. Wenn er von Touristen gefragt wurde, wo es denn »nach dem Rathaus« gehe, dann schüttelte es ihn. »Nach dem Rathaus geht es heim, jedenfalls für mich!«, pflegte er zu erwidern.

Sein Nachbar von gegenüber hieß Herr Aufendrauf, und der sprach, wie Herr Innendrin fand, äußerst merkwürdig. Wenn sie einander morgens begegneten, fragte Herr Aufendrauf mit dröhnendem Bass: »Na? Gehts wieder aufs Rathaus?« Einmal antworte Herr Innendrin mit einer Gegenfrage: »Sehe ich etwa aus wie ein Dachdecker?« Und weil Herr Aufendrauf die Frage nicht zu verstehen schien, erklärte Herr Innendrin: »Ich bin Sachbearbeiter im Einwohnermeldeamt. Ich gehe zum Rathaus, und wenn ich es betrete, dann gehe ich ins Rathaus. Maximal: Hinein. Doch ich wüsste nicht, was ich auf dem Rathaus verloren hätte.«

Herr Innendrin nahm es mit den Präpositionen sehr genau. Womöglich etwas zu genau. Denn die Wendung »aufs Rathaus gehen« bedeutet nicht, dass man dem Bürgermeister aufs Dach steigt. »Auf« ist – genau wie »ins« und »zu«, ein richtungweisendes Verhältniswort und wird traditionell vor Ämtern und anderen staatlichen Institutionen gebraucht. Wer etwas findet, das ihm nicht gehört, kann es »aufs Fundbüro« bringen. Wer als Zeuge geladen ist, der geht »aufs Gericht«, und wenn die Polizei einen Übeltäter erwischt, bringt sie ihn »auf die Wache« oder »aufs Revier«. Wenn der Übeltäter verurteilt wurde, kommt er jedoch nicht »aufs Gefängnis«. Hier hat sich das »in« von »ins Verlies werfen« gehalten. »Aufs Gefängnis« kommt man höchstens bei Monopoly.

Als Herr Aufendrauf einmal vergessen hatte, einen Brief einzuwerfen, fragte er Herrn Innendrin, ob der vielleicht »heute noch zufällig auf die Post« gehe. »Erstens glaube ich nicht an Zufälle«, erwiderte Herr Innendrin, »und zweitens bedarf es mehr als eines Zufalls, um mich dazu zu bewegen, ein Postamt zu besteigen.«

Für die Verwendung der Präposition »auf« vor Ämtern gibt es eine einfache Erklärung: Einst ging man aufs Schloss oder auf die Burg, wenn es eine amtliche Sache zu regeln galt. Beim Schloss und bei der Burg ergab sich die Präposition »auf« ganz einfach durch die erhöhte Lage. An die Stelle der Burgen und Schlösser traten irgendwann die Ämter und Gerichte, die mit ihren prächtigen Fassaden, Zinnen und Türmchen im Übrigen nicht selten an Schlösser erinnerten. Und da man ja auch »aufs Schloss gehen« sagte, übertrug sich der Gebrauch der Präposition auf alle Gebäude, die die Obrigkeit verkörperten: Rathäuser, Gerichte, Polizeiwachen und Postämter. In manchem Dorf geht man auch »auf die Gemeinde«, wenn man mit der örtlichen Verwaltung etwas zu regeln hat.

Und ein jeder von uns ist »auf die Schule« gegangen. Manch einer auch »aufs Gymnasium« und anschließend »auf die Universität«.

Als Herr Innendrin noch die Schule besuchte, sagte er: »Ich gehe zur Schule«. Und wenn man ihn fragte: »Auf welche Schule denn?«, gab er trotzig zurück: »Sehe ich aus wie eine Taube? Auf der Schule hocken bei uns nur die Tauben; die Schüler hocken in der Schule.« Herr Innendrin war schon als Schüler recht kompromisslos. Er war ja auch nicht »auf den Kindergarten« gegangen und erst recht nicht »auf die Kirche«.

Bei der Kirche ist es tatsächlich nie zum Gebrauch der Präposition »auf« gekommen, selbst wenn manche Kirche höher gelegen ist. Doch die meisten befinden sich schließlich im Mittelpunkt ihres Dorfes oder Viertels, wo sie gut zu erreichen sind, sodass der Gang zur Kirche sprachlich nicht zu einem Hinaufgang wurde. In Hamburg allerdings kann man »auf den Dom« gehen, aber nur, weil der Hamburger Dom ein Rummel ist und es im Deutschen üblich ist, »auf den Rummel« oder »auf die Kirmes« zu gehen.

Zu Herrn Innendrins großem Missfallen wird der »auf«-Gebrauch auch noch bei anderen Örtlichkeiten praktiziert. Bei der Toilette zum Beispiel. Dass man »auf die Toilette« geht, liegt nicht daran, dass die Toilette etwas Schlossähnliches hätte – auch wenn man auf ihr thronen kann. In den Häusern wohlhabender Bürger befanden sich die Toiletten aus praktischen Gründen in der Nähe der Schlafzimmer. Und die Schlafzimmer der Bürger lagen – genau wie die Gemächer des Adels – nicht auf gleicher Ebene wie der Speisesaal oder der Salon, sondern ein Stockwerk darüber. Zum Umziehen wie zur Toilette ging man stets eine Treppe hinauf. Noch heute sagt man daher »aufs Zimmer gehen« und »auf die Toilette gehen«, selbst wenn man dafür die Treppe hinabsteigen muss.

In Herrn Innendrins Wohnung befanden sich alle Räume auf einer Ebene, so war er es gewohnt; im Hause seiner Eltern war es genauso gewesen. Schon damals hielt er seinen Vater für ungenau, wenn dieser ihm zornig befahl: »Geh sofort auf dein Zimmer!«; denn Hinaufgehen konnte man höchstens auf den Speicher. Aus demselben Grund weigerte sich Herr Innendrin beharrlich, »auf die Toilette« zu gehen. Stattdessen sah man ihn mehrmals täglich »zu« derselben streben.

Einmal besuchte Herr Innendrin seine Cousine auf der Schwäbischen Alb. Bei der Alb erschien ihm das »auf« angemessen, denn es ging beachtlich bergan. Als seine Cousine ihn vor seiner Abreise fragte, ob sie ihn »auf den Zug« bringen solle, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen: »Ich weiß, dass ihr Schwaben gut das Geld zusammenhalten könnt. Doch die Zeiten, dass unsereins auf dem Dach mitreisen musste, sind lang vorbei!« Natürlich hatte seine Cousine mit »auf den Zug bringen« nichts anderes gemeint als ihren Vetter zum Zug zu begleiten – auf der Schwäbischen Alb sagt man es eben etwas anders.

Vor Behörden und anderen Dienststellen ist die Präposition »auf« noch immer sehr gebräuchlich – mit Ausnahme der Post. Denn dass Menschen »auf die Post« gehen, hört man immer seltener. Das liegt sicher auch daran, dass es immer weniger Postämter gibt und schon gar nicht solche, die Schlössern gleichen. Die heutigen Postämter nennen sich »Postshops« und werden teilweise von Kioskbesitzern betrieben, die nebenbei auch noch Lottoscheine und Süßigkeiten verkaufen. So muss Herr Innendrin jedenfalls nicht befürchten, dass sein Nachbar Herr Aufendrauf ihn jemals fragen wird, ob er heute noch zufällig »auf den Postshop« gehe.


Weiteres zum Gebrauch der Präpositionen:

Zwiebelfisch-Abc: auf der Arbeit/in der Arbeit
Zwiebelfisch-Abc: auf Mallorca/in Mallorca
Zwiebelfisch: Ich geh nach Aldi
Fragen an den Zwiebelfisch: In oder nach 300 Metern abbiegen?
Zwiebelfisch: Der Chef ist auf Termin
Zwiebelfisch: Ist in Deutsch genauso gut wie auf Deutsch

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11 Kommentare

  1. In unserem Ort im Sauerland gibt es einen Ortsteil Bergheim. Die Einheimischen gehen oder fahren nicht NACH Bergheim, sie wohnen auch nicht IN Bergheim, nein, sie gehen, fahren und wohnen AUF Bergheim.
    Un wat is mit Schalke? Auch die Sauerländer besuchen ein Spiel AUF Schalke, woll?

  2. Hans-Dieter Hagedorn

    Leider gehen viele Zeitgenossen nicht „auf die Toilette“, sondern „auf Toilette“. Sie verzichten wohl auf den Artikel, weil der Druck zu groß ist und das Ganze ansonsten in die Hose gehen könnte.

  3. Hallo Herr Sick, mir gehen manche Mitmenschen „auf“ den Geist. Hat das auch etwas mit meiner „höheren“ Bildung zu tun?

  4. Florian Steinitz

    Sehr geehrte(r) Leser(in),

    liegt’s an der Region oder am Eigennamen?
    Hier in Berlin kommt man beim Monopoly auf das Gefängnis,
    so wie beim Schach oder beim Fußball.
    Ist nicht weiter wichtig, bin nur drüber gestolpert.

    Mit freundlichen Grüßen
    Florian Steinitz

  5. So ein neunmalkluger Herr Innendrin ginge mir aber ganz schön „auf“ den Wecker! 🙂

  6. Es gibt tatsächliche Rathäuser, die ganz oben eine Aussichtsplattform haben, so dass mich die Aussage „ich gehe aufs Rathaus“ schon so manches mal verwirrt hat, denn gemeint war selten, dass derjenige die Aussichtsplattform besuchen wollte…

  7. Zum Thema Präpositionen fällt mir nur immer wieder die gute alte Redewendung meines Vaters ein:
    „A preposition is a bad word to end a sentence with!“

    In diesem Sinne… herzlichen Dank für die immer wiederkehrenden Aufheiterungen und Erhellungen!

  8. Harald Szuszkiewicz

    Lieber Herr Sick!

    Hier im Osten Österreichs geht man, trotz schwindender Postämter, immer noch „auf“ die Post; so wie auch „auf die Gemeinde“. „Aufs Rathaus“ hingegen zu gehen ist mir gänzlich unbekannt.
    Danke jedenfalls für die Erklärung dieses, bei näherer Betrachtung doch eigenartig klingenden Gebrauchs von „auf“.

    Mit freundlichen Grüßen
    harald szuszkiewicz

  9. Mir fällt es schwer zu glauben, dass auf deutsch „auf eine Party gehen“ (und das womöglich „auf Pump“) etwas mit physischer Aufwärtsbewegung zu tun hat oder hatte. Haben Sie uns da etwa auf den Arm genommen?
    Übrigens, hätte Außendrauf nicht besser auf diesen Fall gepasst als Aufendrauf?

  10. …und in Hamburg liegt die Große Freiheit auf St. Pauli. Das war schon immer so. Aber auf St. Georg gibt es nicht mal eine Kleine Freiheit.

  11. Das Regionale scheint in der Tat nicht ganz irrelevant zu sein, denn dort, wo ich herkomme, heißt es beispielsweise „nach‘n Rathaus hin“…

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